• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 10:00 Uhr Nachrichten
StartseiteDie neue PlatteWahrscheinlich Vivaldi20.02.2005

Wahrscheinlich Vivaldi

Urheberschaft der Serenata "Andromeda liberata" nicht zweifelsfrei bestimmt

Wir stellen Ihnen heute die Serenata veneziana "Andromeda liberata" vor, eine Ersteinspielung mit dem Venice Baroque Orchestra und dem Chor La Stagione Armonica unter der Gesamtleitung von Andrea Marcon. Erschienen ist diese Produktion von 2004 bei der Archiv-Produktion Deutsche Grammophon /Universal classics.

Von Christiane Lehnigk

Antonio Vivaldi u.a. - "Andromeda liberata" (Cover) (DGG Archiv-Produktion / Universal Classics)
Antonio Vivaldi u.a. - "Andromeda liberata" (Cover) (DGG Archiv-Produktion / Universal Classics)
<p>Das musikdramatische Werk des Venezianer Antonio Vivaldi war, im Gegensatz zu seinen Instrumentalwerken, lange Zeit unbeachtet geblieben. Der Komponist selbst hatte angegeben, insgesamt 94 Opern komponiert zu haben, was in der Fachwelt immer für eitle Übertreibung gehalten wurde. Doch inzwischen sind an die 50 Opernlibretti identifiziert worden, die von Vivaldi vertont wurden, und es wird immer noch Neues entdeckt. Die Wiederaufführungen von nur einigen Opern in den letzten Jahren wie zum Beispiel "L'Olimpiade, Orlando furioso" oder "Farnace" haben demonstriert, dass Vivaldi zusammen mit Alessandro Scarlatti zu den profiliertesten Opern-Komponisten seiner Zeit gehörte. Bahnbrechendes leistet hier auch das Vivaldi-Projekt Turin/Paris der Plattenfirmen OPUS111 und Naïve.<br /><br />Zu den neuesten Entdeckungen zählt auch das, als Serenata bezeichnete, zweiteilige Werk "Andromeda liberata", dessen Urheberschaft bis jetzt allerdings nicht wirklich geklärt werden konnte. Der französische Musikwissenschaftler Olivier Fourés, der im Zuge seiner Forschungen schon mehrere bedeutende Manuskripte Vivaldis ausgegraben hat, war 2002 auf das Manuskript einer anonymen Serenade mit dem Titel "Andromeda liberata" aus dem Jahre 1726 gestoßen, das eine Arie enthält, die identisch ist mit einer einzeln erhaltenen Arie mit obligater Violine von Antonio Vivaldi: "Sovvente il sole". Dieses Manuskript befindet sich im selben Archiv des Konservatoriums Benedetto Marcello in Venedig, in der auch die "Andromeda liberata" entdeckt wurde. Nun stellte sich die Frage, ob die gesamte Serenata von Vivaldi stammt oder ob es sich um ein Pasticcio aus der Feder mehrerer Komponisten handelt, eine Frage, die bis jetzt noch nicht beantwortet werden konnte. Einige Stücke scheinen typisch für Vivaldi, andere wiederum erinnern eher an Albinoni und Porta oder lassen gar französischen Einfluss erkennen. Manches könnte stilistisch gar von Händel stammen.<br /><br />Doch glücklicherweise gibt es die Vivaldi-Arie, ein Werk unbekannter venezianischer Provenienz hätte wohl kaum Aussicht auf Erfolg gehabt und das wäre schade, angesichts der glanzvollen und effektreichen Musik dieses Manuskriptes. Hier zunächst ein Ausschnitt aus der Arie der Perseo, souverän und eindringlich gesungen von Max Emanuel Cencic, dem Shootingstar aus der Gilde der Countertenöre.<br /><br />"Sovvente il sole"<br />Oft strahlt die Sonne am Himmel<br />schöner und reizender,<br />wenn dunkle Wolken<br />sie zuvor trübten.<br /><br /><li> Musikbeispiel: A. Vivaldi u.a. - Andromeda liberata: 2.Teil, Arie Perseo "Sovvente il sole"<br /><br />Andrea Marcon hat bei seiner Ersteinspielung der venezianischen Serenata "Andromeda liberata" ein exquisites junges Sängerensemble zusammengestellt. Da sind neben Max Emanuel Cencic, den Sie mit einem Ausschnitt aus Vivaldis Arie des Perseo "Sovvente il sole" hörten, Simone Kermes als Andromeda, Katerina Beranova als Cassiope, Anna Bonitatibus als Meliso und Mark Tucker als Daliso. Die meisten Arien fallen naturgemäß der Protagonistin Andromeda zu, hier mit einer unglaublichen Leichtigkeit gesungen von Simone Kermes, bei deren Spitzentönen man fast Angst haben muss, dass sie Glas zum Zerspringen bringen könnte.<br /><br />Die Handlung der Serenade hat, in freier Form, die Hochzeit von Perseus und Andromeda zum Thema und versinnbildlicht zugleich die Rückkehr des Kulturmäzenen Kardinal Pietro Ottoboni 1726 nach Venedig wider, der verbannt worden war, weil er den Posten eines Protektors von Frankreich im Vatikan übernommen hatte. Zu seinen Ehren wird die Serenata in einem festlichen Rahmen aufgeführt worden sein. Ein Hinweis auf den Textdichter konnte bisher nicht gefunden werden.<br /><br />Andromedas Mutter, die äthiopische Königin Kassiopeia, hatte die Nereiden verärgert, die 50 schwarzäugigen Töchter des Nereus, indem sie behauptete, dass sie schöner sei als diese. Um diese Dreistigkeit zu rächen, schickt Poseidon ein Meeresungeheuer, das das Land verwüsten soll. Die Äthiopier erfahren jedoch durch ein Orakel, dass sie sich von dem Monster befreien könnten, wenn sie ihm ihre Prinzessin opfern. Und so wird Andromeda an einen Felsen gekettet. Die Handlung von "Andromeda liberata" beginnt in dem Moment, als Perseus das Ungeheuer getötet und das junge Mädchen, in das er sich sofort verliebte, von seinem schrecklichen Los befreit hat. Der Retter wird vom Volk und der Königin gefeiert und es gibt ein Lieto fine, - die Heirat zwischen Perseus und Andromeda, obwohl diese eigentlich zuvor in den eher introvertierten Daliso verliebt war, der allerdings zugunsten des Helden verzichtet, was sie zunächst ziemlich wütend machte.<br /><br /><li> Musikbeispiel: A. Vivaldi u.a. - Andromeda liberata: 2.Teil, Arie Andromeda "Lo so, barbari fati" <br /><br />Die Charaktere der "starken Frauen" überwiegen in dieser venezianischen Serenade und so ist auch Cassiope, die Mutter Andromedas, gesungen von Katerina Beranova, eine Frau, die sagt, wo es langgeht: sie bestimmt Perseo als Bräutigam für ihre Tochter.<br /><br />Andrea Marcon gehört mit seinem 1998 gegründeten Venice Baroque Orchestra mit zu den, nicht zuletzt auch kommerziell erfolgreichsten Interpreten in der Alten Musikszene. Ein besonderes Anliegen ist ihm vor allem die Wiederentdeckung italienischer Opern des 17. und 18. Jahrhunderts. Der Organist und Cembalist leitet das einzige Orchester Venedigs, das sich auf die historische Aufführungspraxis spezialisiert hat, ein Klangkörper der städtischen Scuola Grande di San Rocco, die zu den am höchsten angesehenen kulturellen Institutionen der Lagunenstadt gehört. Mit der Ersteinspielung der Serenata "Andromeda liberata" ist ihm ein weiterer Erfolg gelungen. Das Venice Baroque spielt stilsicher, detailfreudig und mit großer Leichtigkeit, vielleicht manchmal gar ein wenig zu schwerelos und es ist schade, dass das Orchester im Gesamtklang zuweilen von einer nebulösen Wolke umhüllt zu sein scheint. Ein kleiner Wermutstropfen ist auch die Besetzung der Instrumentalsolisten bei den Arien, hier hätten die hervorragenden Sängerinnen und Sänger eine etwas souveränere Begleitung verdient. Dennoch ist diese Ersteinspielung ein Muss für jeden Liebhaber der Oper des 18. Jahrhunderts und ob nun wirklich Vivaldi der Komponist des ganzen Werkes ist oder nicht, das ist letztendlich für den Genuss dieser farbenreichen Musik unerheblich.<br /><br />Hören Sie zum Abschluss noch das Hochzeitsduett Andromeda / Perseo, mit berührender Intensität gesungen von Simone Kermes und Max Emanuel Cencic, das zu den Höhepunkten der Serenata zählt. Daran schließt sich die Schlussszene Daliso, gesungen von Mark Tucker, und Chor an. "So ist es wahr", heißt es abschließend, "dass ein treuer, ehrlicher Liebhaber, wenn er nur standhaft ist, schließlich Erfüllung findet". Tja, wenn das immer so einfach wäre.<br /><br /><li> Musikbeispiel: A. Vivaldi u.a. - Andromeda liberata: 2.Teil, Duett: Andromeda/Perseo "Sposo amato/Cara sposa" / Aria con coro: Deliso/coro: "Riconosco in voi"<br /><br /><strong> Diskografische Angaben </strong><br /><br />Titel: Antonio Vivaldi u.a. - "Andromeda liberata"<br />Ensemble: Venice Baroque Orchestra<br />Chor: La Stagione Armonica<br />Leitung: Andrea Marcon<br />Label: DGG Archiv-Produktion / Universal Classics<br />Labelcode: LC 00113<br />Bestell-Nr.: 00289 477 0982</p>

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk