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StartseiteForschung aktuellDen Trockenwald vor lauter Bildern nicht gesehen12.05.2017

Wald-InventurDen Trockenwald vor lauter Bildern nicht gesehen

2012 entstand der erste Waldatlas der Erde - basierend auf Satellitenbildern. Jetzt steht fest: Bei der Auswertung der Daten wurde eine Trockenwaldfläche - hauptsächlich bestehend Akazien-, Affenbrot- und Eukalyptusbäumen - in der Größe des Amazonas-Gebietes übersehen.

Von Volker Mrasek

Affenbrotbäume in Madagaskar (imago stock&people)
Die neuen Befunde schließen eine Lücke im globalen Kohlenstoff-Kreislauf. (imago stock&people)
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Akazien, Eukalyptus- und Affenbrot-Bäume - das sind typische Hölzer, wie sie in den Wäldern der Trockengürtel auf unserer Erde wachsen. Zum Beispiel am Mittelmeer, in der Savanne südlich der Sahara, entlang der Anden in Südamerika oder auch in den borealen Nadelwaldzonen Russlands und Kanadas. Offenbar ist die Ausdehnung solcher Wälder in regenarmen Regionen bisher drastisch unterschätzt worden. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Studie, an der auch Alan Grainger beteiligt war, Geograf an der Universität von Leeds in England:

"Nach unseren Schätzungen bedeckt Trockenwald mehr als eine Milliarde Hektar Land. Das ist ein Zuwachs von 40 Prozent gegenüber vorhergehenden Berechnungen! Dadurch hat sich auch die Waldfläche insgesamt erhöht, und zwar um mindestens neun Prozent."

Gemessen und doch übersehen

Satelliten beobachten die Erde schon seit den 70er-Jahren. Doch es dauerte bis 2012 - erst da entstand der erste globale Wald-Atlas auf Grundlage der Bilder aus dem All. Und schon ist er überholt! Denn darin fehlen wohl Trockenwald-Flächen von der Größe des Amazonas-Gebietes.

Warum bloß rutschten sie bei der Auswertung der Satellitenaufnahmen durch? Dazu der Agrar- und Forstingenieur Jean-Francois Bastin von der Freien Universität Brüssel. Derzeit arbeitet er für die Welternährungsorganisation FAO in Rom:

"Die Aufnahmen dieser Satelliten hatten nur räumliche Auflösungen zwischen 30 und 150 Meter. Das genügt nicht, um die Mess-Signale sauber zu unterscheiden, die von den Blättern der Bäume beziehungsweise vom Boden reflektiert werden. Pflanzen in Trockenzonen haben außerdem spezielle Anpassungen. Affenbrotbäume etwa tragen die meiste Zeit gar keine Blätter. Und es klappt nicht, sie nur anhand ihrer Äste aus dem All zu identifizieren."

Baumzählung mit Google Earth

Für ihre eigene Studie verwendeten die Forscher Fotos von Google Earth. Es sind sogenannte VHR-Aufnahmen, mit einer besonders hohen räumlichen Auflösung am Erdboden von nur noch einem oder wenigen Metern. Sie stammen von kommerziellen Satelliten mit leistungsfähigeren Sensoren an Bord. Seit kurzem decken sie die Landflächen der Erde komplett ab, was die neue Studie erst ermöglichte.

Fast 240 freiwillige Helfer aus verschiedenen Forschungseinrichtungen werteten die Bilder aus. Denn es waren über 200.000 aus allen Ecken der Erde. So konnten dann auch die bisher übersehenen Trockenwälder entdeckt werden.

"Wenn Sie Google Maps benutzen, sich Ihre Stadt von oben anschauen und einen ganz starken Zoom einstellen, dann ist das genauso: Sie erkennen einzelne Autos oder Bäume. Weil die Aufnahmen eine solche Detailschärfe besitzen."

Auch Trockenwälder leisten ihren Beitrag dazu. Und Alan Grainger kann sich vorstellen, dass die neuen Befunde eine Lücke im globalen Kohlenstoff-Kreislauf schließen. Noch immer sind nicht alle Senken auf den Kontinenten gefunden, und man weiß nicht, wo gewisse Restmengen CO2 an Land abbleiben.

"Wissenschaftler quält dieses Problem schon seit Jahren. Wir haben jetzt diese zusätzlichen, großen Trockenwälder entdeckt. Vielleicht helfen sie ja, die gesuchte Kohlenstoff-Senke zu schließen."

Das muss aber noch näher untersucht werden. Auf jeden Fall rücken Affenbrotbäume, Akazien und Eukalyptus nunmehr stärker in den Blickpunkt. Grainger freut das. Bisher, sagt der Geograf, habe sich kaum jemand für die Trockenwälder interessiert. Obwohl sie, wie es jetzt scheint, genauso viel Fläche einnehmen wie der ganze tropische Regenwald.

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