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StartseiteSonntagsspaziergangMit den "Nacktivisten" durch die Lüneburger Heide11.09.2016

Wandern ohne AllesMit den "Nacktivisten" durch die Lüneburger Heide

Unbeschwert die Natur genießen - rund 1000 Menschen in Deutschland machen das am liebsten nackt. Dabei müssen die unbekleideten Wanderer meist auf große Waldgebiete oder spezielle Wege ausweichen, denn nicht überall sind die Reaktionen erfreulich.

Von Maike Strietholt

Eine Gruppe nackter Wanderer eröffnet am 29.05.2010 in Wippra (Landkreis Mansfeld-Südharz) die Wandersaison auf dem "Harzer Naturistenstieg". (dpa/picture alliance/Matthias Bein)
Auch die Hamburger "Nacktivisten" haben die Lüneburger Heide für sich entdeckt. (dpa/picture alliance/Matthias Bein)

"Ich hatte eigentlich gedacht, dass Heike und Thomas aus Kiel kommen!" - "Das akademische Viertel warten wir aber noch ab. Aber da brummt es ja auch schon..."

Wolfgang in der Motorradkluft ist der letzte, der an diesem heißen Sonntag den Weg nach Glüsingen gefunden hat, einem winzigen Örtchen im Landkreis Lüneburg. Der Rest der Gruppe steht bereits wartend am Straßenrand. Angezogen, versteht sich. Denn die Hamburger Nacktwandergruppe wurde wegen der Feriengäste im Ort darum gebeten, dass...

Michael: "...man hier nicht nackt herumlaufen soll, damit man sie nicht belästigt. Meinetwegen können wir los!"

Also geht’s erstmal zum Ausziehen ums Eck.

"Hier, oder wo oder wat?"

Die Schuhe bleiben an

15 Männer und eine Frau ziehen T-Shirts und Shorts aus und lassen sie in ihren Rucksäcken verschwinden. Die Schuhe bleiben überraschenderweise jedoch bei allen an... Ist das nicht irgendwie inkonsequent?

Wolfgang: "Das Barfußgehen würde vielleicht das Feeling erhöhen, aber es gibt auch Wege, die sind ein bisschen steinig. Aber das hier ist ja Birkenstock, Fußbett geformt – das ist ja fast wie..."

Fast wie barfuß, genau – Motorradfahrer Wolfgang lacht und ergänzt, dass er zwangsläufig auch eine Mütze dabei habe, die Kopfhaut unter den lichten Haaren müsse nun einmal geschützt werden. Womit er nicht allein ist: Die meisten hier sind um die 50, ein typischer Altersdurchschnitt in der Nacktwanderbewegung. Rainer, selbständig in der IT-Branche, führt das vor allem auf die Erziehung zurück, die heute anders sei als in seiner Kindheit.

Vereine haben Nachwuchsprobleme

"Es gibt Familien, wo den kleinen Kindern schon gesagt wird: 'Du kannst hier nicht nackt herumlaufen! Wenn dich jetzt die Nachbarn sehen...!' Und das ist schade, weil die Kinder es lieben, nackt zu sein. Aber dementsprechend haben die Vereine usw. Probleme, auch jüngeres Volk ranzukriegen..."

Doch es sind nicht nur wenig junge Leute, sondern auch wenig Frauen unter den Nacktwanderern. Birgit, die einzige Dame in der heutigen Runde, gehört ebenfalls nicht gerade zu den Enthusiasten...

"Wenn ich ehrlich bin, mache ich's auch nur meinem Mann zuliebe – wenn ich's mir aussuchen könnte, hätte ich mir was angezogen! Vielleicht sind da Männer wirklich ein bisschen schmerzfreier."

Birgits Mann Albert ist jedenfalls ziemlich schmerzfrei – er auch daheim eigentlich fast immer nackt:

Albert und Birgit: "Ja – Wohnung, Garten..." - "Wir haben auch schon manchmal unsere Probleme gehabt, wenn es dann an der Tür klingelt..."

Und Albert dort dann nicht seine Tochter, sondern die Postbotin vorfand. Er öffnete wie gewohnt nackig und blickte in ein entgeistertes Gesicht – letztlich konnten die beiden aber gemeinsam über den Vorfall lachen, meint Albert:

"Sie hat es gut weggesteckt!"

Unterschiedliche Reaktionen bei angezogenen Wanderern 

Albert und Birgit sind heute zum ersten Mal bei einer Gruppenwanderung dabei – sie ziehen, wie so viele hier, sonst eher allein los. Doch das kann eben auch anstrengend werden – und nicht nur, weil man dann selbst auf die Streckenführung achten muss. Gerade in nicht ganz so abgelegen Gebieten komme es nämlich häufiger mal zu 'textilen Begegnungen', wie man sie hier nennt. Auch Max und Rainer haben damit schon ihre Erfahrungen gemacht:

Max und Rainer: "Manche gucken, manche Lachen..." - "Einige gucken hin, lächeln freundlich, erwidern auch den freundlichen Gruß. Andere beobachten ganz konzentriert den Maikäfer, der da grad im Gras hüpft. Es gibt auch, dass die Mutter dem Kind die Augen verdeckt... dann gibt es Kinder, die sagen: 'Hey cool – können wir das nicht auch mal machen?'

Es gebe da die unterschiedlichsten Reaktionen, meint Rainer. Dass es zu Konflikten komme, sei zum Glück aber eher selten...

Rainer: "Solange die nicht das Handy in der Hand haben und die berühmte 110 rufen – es gibt halt tatsächlich solche Fälle, die sich da vom Anblick eines nackten Menschen, wenn das auch noch ein Mann ist, entsprechend belästigt fühlen. Er könnte ja etwas Böses im Schilde führen."

"Frei von sämtlichen Zwängen"

Und bei einer solchen 'Erregung öffentlichen Ärgernisses' finge es eben auch an, rechtlich problematisch zu werden.
Daher bietet es sich an, in riesigen Waldgebieten wie dem 'Süsing' zu wandern – den Nacktwanderern begegnet hier heute keine Menschenseele. Leise bewegt sich die große Gruppe durch den Wald, jeder genießt die Stille und die Verbundenheit zur Natur. Ein Gefühl, das sich mit dem Nacktsein noch enorm verstärke – Max und Rainer kommen ins Schwärmen...

Max und Rainer: "Dass man befreit durch die Natur wandert – ohne dass da eine Membran dazwischen ist, die Sonne, Regen abhält." - "Irgendwann trocknet das wieder, man hat keine verschwitzten Klamotten... Das ist eine schöne Sache – man fühlt sich frei von sämtlichen Zwängen!"

Rund 170 Hamburger haben dieses Gefühl bereits für sich entdeckt – so viele Mitglieder umfasst die Gruppe der 'Nacktivisten'. Bei einer kurzen Pause an einem Weiher mitten im Wald berichtet Organisator Michael, was die Nacktbegeisterten eigentlich im Winter so treiben.

Alternative im Winter: Nacktpartys

Michael: "Da wir uns im Winter nicht aus den Augen verlieren wollen, treffen wir uns mal zum Stammtisch, hinzu gekommen ist noch das Kegeln. Nacktparties haben wir auch schon drei, viermal gemacht..."

Bei diesen Aktionen gehöre es natürlich auch immer dazu, den Gastwirten das meist zunächst vorhandene Misstrauen zu nehmen – nach einer kurzen Erläuterung reagierten die aber meist entspannt auf die vielen Nackedeis, erzählt Dieter.

"Der Wirt kam und meinte, er könne uns nicht auseinanderhalten ohne Kleidung. Einmal waren wir auf einer Kegelbahn, auf der ein Schild war: Man solle die Bahn doch bitte 'nur mit Turnschuhen betreten' - wir halten uns einfach daran!"

Die Wanderer lachen auf dem Rückweg noch über weitere Anekdoten aus dem Nacktalltag – ein entspannter Umgang mit einem vielfach schambesetzten Thema. Was sich auch in dem FKK-Slogan widerspiegelt, den Max beim Abschied zum Besten gibt:

"Wir gehen nackt, gucken uns in die Augen und sagen DU!"

"Tschüss – gute Fahrt!

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