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StartseiteBüchermarktImpressionen eines hauptstadtnahen "Landes"08.05.2014

"Wanderungen durch die Mark Brandenburg"Impressionen eines hauptstadtnahen "Landes"

27 Jahre streifte Theodor Fontane durch die Berliner Umgebung - seine "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" gelangten später zu Berühmtheit. Jetzt haben es ihm die Berliner Autoren Björn Kuhligk und Tom Schulz gleichgetan. Ihre Eindrücke schildern sie in ihrem Buch "Wir sind jetzt hier".

Von Enno Stahl

Still ruht der Große Stechlinsee bei Neuglobsow im Landkreis Oberhavel im Norddeutschen Tiefland, aufgenommen am 01.06.2009. (dpa picture alliance / Hans Grundig)
Björn Kuhligk und Tom Schulz waren auf den Fersen Theodor Fontanes unterwegs, der in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" die Landschaft um den Stechlinsee eindrucksvoll beschrieb. (dpa picture alliance / Hans Grundig)

"Wie häufig ich das Ränzel abtun und den Wanderstab aus der Hand legen mag, um die Geschichte von Ort und Person erst zu hören und dann weiter zu erzählen, immer bin ich unterwegs, immer in Bewegung und am liebsten ohne vorgeschriebene Marschroute, ganz nach Lust und Laune." Diese Methode Theodor Fontanes, des großen Realisten, haben sich auch Björn Kuhligk und Tom Schulz zu Eigen gemacht. Immer der Nase nach, hinein in die Situation, ins unbekannte Umland von Berlin. Nun stehen Naherholungsziele bei Reiseschriftstellern, die heutzutage die Gipfel der Anden erklimmen oder die Dschungel Papua-Neuguineas durchstreifen, für gewöhnlich nicht unbedingt hoch im Kurs. Und dann noch Brandenburg, von dem Rainald Grebe singt: "Es gibt Länder, wo was los ist. (...) Und es gibt Brandenburg." Was also war für die beiden Autoren der Anlass für diese Expedition ins vermeintlich Vertraute und Verschmockte, Björn Kuhligk:

"Zu der Idee des Brandenburg-Buches kam es, als wir am Müggelsee saßen, das war vor ungefähr drei Jahren. Und wir haben uns darüber unterhalten, dass wir uns in Berlin sehr gut auskennen, aber kaum Brandenburg kennen. Und dann haben wir an diesem Tag beschlossen, ein Buch über Brandenburg zu schreiben und so kam das zustande."

Und wieso gerade auf Fontanes Spuren? Dessen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" sind zwar bekannt, aber auch recht betagt. Was bringt zwei junge Autoren dazu, sich an Fontanes Fersen zu heften? Tom Schulz erklärt es so:

"Als wir auf Brandenburg gekommen sind, was sehr nahe liegend ist, da wir hier leben, sehr in der Nähe, war Fontane einfach da. Fontane kennt man, man kennt die Wanderungen, das heißt nicht, dass das alle oder sehr viele gelesen haben, aber die Wanderungen durch die Mark Brandenburg sind einfach präsent in Berlin und Brandenburg. Wir wussten auch, dass es da seit Ende der achtziger Jahre keine neue Literatur dazu gibt und haben einfach gedacht, diese Beschreibungslücke wollen wir schließen und wollen das einfach literarisch neu beschreiben und für uns und den Leser entdecken."

Wie war die Vorgehensweise und welche Rolle spielt Fontane? Ist es dieselbe Abfolge der Städte, dieselben Wanderungen, wie Fontane sie gemacht hat? Björn Kuhligk:

"Wir haben uns aus Fontanes Wanderungen einige Orte rausgesucht, wo er war, und habe dann versucht, die miteinander zu verknüpfen, das heißt, dann eine Reise dorthin zu machen, in eine der Regionen und das war von uns recht beliebig gewählt."

Gespräche mit den brandenburgischen Menschen von heute

Das Augenmerk, das die beiden Autoren bei ihrer Beschreibungen des Brandenburgischen Landes gelegt haben, unterscheidet sich vom Vorbild. Während Fontane viele Burgen, Schlösser und große Persönlichkeiten beschrieb, die erwanderte Landschaft gewissermaßen historisierte, geht es bei Kuhligk/Schulz eher um die brandenburgischen Menschen von heute. Überall, wo sie hinkommen, suchen sie das Gespräch mit den Leuten, die ihnen über ihren Heimatort, ihren Alltag und die Wandlungen der letzten Jahrzehnte, speziell nach Zusammenbruch der DDR, berichten. Tom Schulz erklärt ihr spezifisches Interesse:

"Fontanes Wanderungen sind so eine Art Kulturgeschichte, etwas, was es heute so in anderen Quellen bereits gibt, in Büchern, im Internet. Wir haben's immer so verglichen, wenn man das wissen möchte, was Fontane geschrieben hat, und würde es heute noch mal so schreiben, dann wäre das so eine Art Wikipedia-Literatur, abgesehen davon, dass Fontane eigentlich eine recht schöne Prosa geschrieben hat und das hat uns auch an den Wanderungen gefallen, spezielle Passagen, die auch ironisch und witzig sind und die über Landschaft und Leute gehen, das ist bei Fontane ein bisschen kurz gekommen und das war auch ein Grund, wieso wir das machen wollten. Und einen anderen Fokus darauf gelegt haben, wir haben einfach geguckt auf die Geschichten, die Menschen, die Biografien und das war uns viel wichtiger als Schlösser zu beschreiben."

Das schmälert Fontanes Leistung allerdings unzulässig, denn Landschaft und Leute sind durchaus auch sein Thema. Die extensiven historischen Forschungen, die er im Vorfeld betrieb, erheben seine "Wanderungen" deutlich über Wikipedia-Literatur. Ein wenig mehr Faktenbasis, statistisch, historisch oder politisch, hätte man sich bei Kuhligk/Schulz bisweilen auch gewünscht. So realitätsgesättigt etwa ihre Unterhaltung mit ehemaligen Stahlarbeitern ist, man hätte lieber weniger über den Niedergang des Fußballklubs BSG Stahl Brandenburg erfahren, und dafür mehr über den Zusammenbruch der dortigen Industrie inklusive soziale Folgen. Was nicht heißt, dass die Gespräche in diesem Buch nicht sehr authentisch daherkämen, mit Bodenhaftung und dialektgeschwängert. Nun gilt Provinzbevölkerung im Allgemeinen als nicht besonders auskunftsfreudig, gab es eine bestimmte Strategie, um an die Menschen heranzukommen? Björn Kuhligk:

"Wir sind eigentlich los in die jeweiligen Orte und haben uns unserem Material ausgesetzt, worüber wir schreiben wollten und haben dann gezielt auch Orte aufgesucht, die man vielleicht unter anderen Umständen vermeiden würde, also wie zum Beispiel eine unsympathische Eckkneipe oder ein so genannter Getränkestützpunkt, was ein Getränkemarkt war, wo dann Männer um einen Bierkasten rumsaßen und sich unterhielten. Wir haben uns dazugestellt und haben dann gefragt und haben uns – ja – als Gäste gefühlt. Die Leute haben uns dann akzeptiert und haben sehr viel erzählt von sich."

Autoren betätigen sich als Ethnografen des Alltags

Tatsächlich geben die Befragten viel von sich preis. Sie berichten über ihr Leben, ihre Geschichte, enttäuschte Hoffnungen, zumeist handelt es sich um ältere Leute mit DDR-Background. Kuhligk und Schulz betätigen sich also gewissermaßen als Ethnografen der Alltags, interessiert an der "Oral History" der Zeitzeugen. Allerdings nicht nur, wie Tom Schulz verrät:

"Ja, das war eine unserer Herangehensweisen, auf Leute zuzugehen und direkt den Kontakt wirklich zu suchen. Aber dann haben sich auch andere Dinge ergeben, die dann dem Zufall geschuldet sind. Aber wir haben auch ganz gezielte Sachen unternommen, also wir haben zum Beispiel das ehemalige Atomkraftwerk in Rheinsberg besucht, um einfach einen Fokus auch auf so etwas zu legen, also kein Schloss, sondern ein Atomkraftwerk, um einfach auch zu zeigen, den Zeitenwandel."

Ein Buch zu zweit zu verfassen, das ist für Autoren, die für gewöhnlich Einzelpublikationen vorlegen, oft recht schwer, wie lief die Zusammenarbeit ab? Björn Kuhligk:

"Wir sind gemeinsam an die jeweiligen Orte gereist und waren eigentlich immer in den gleichen Situationen. Also wir haben uns nicht aufgeteilt, sondern haben das zusammen erlebt, und das war auch das Interessante, dass es immer zwei verschiedene Blickrichtungen auf eine Sache oder eine Person da war, und wir haben uns jeden Abend zusammengesetzt und haben die Laptops aufgeklappt und haben stundenlang geschrieben und haben die Notizen des Tages verarbeitet und haben uns gegenseitig mit Informationen ausgeholfen, wenn wir uns an eine Sache nicht mehr genau erinnern konnten."

Buch ist eine durchgehende Gemeinschaftsarbeit

Aus diesen beiden Versionen ist dann ein einheitlicher Text entstanden, indem einzelne Bausteine mit den Möglichkeiten des Computers hin und her verschoben und zu einer neuen Einheit verschmolzen wurden. Die Autorschaften bestimmter Passagen wurden, selbst wenn sie in der "Ich"-Perspektive geschrieben sind, nicht markiert, insofern ist das Buch eine durchgehende Gemeinschaftsarbeit. Und Brandenburg, welcher Eindruck ist bei den Verfassern übrig geblieben, wie fällt ihr das Fazit aus? Tom Schulz:

"Dass es in Brandenburg landschaftliche Aspekte gibt und auch Schönheit gibt und nicht nur Verfall, Arbeitslosigkeit und Rechtsradikale, es gibt auch etwas, was man anziehend finden kann, was uns auch dazu geführt hat, das Buch so zu machen, dass wir auch glauben, dass ein Leser von anderswo sich für Brandenburg interessieren kann und wird und womöglich dorthin reisen möchte."

Dem Land Brandenburg und seiner Tourismusindustrie sei dieser Effekt des Buches gegönnt, das sich zum Glück nicht darin erschöpft, sondern überall den historischen Wandel deutlich macht und dokumentiert. Viel erfährt man so über die SED-Diktatur. Die aktuelle politische Lage bleibt dagegen etwas unterbelichtet, womöglich weil die Gesprächspartner sich mit ihr weniger beschäftigen und mehr in der Vergangenheit leben. Sprachlich erfüllt das Buch der beiden Lyriker Kuhligk und Schulz höchste Ansprüche. Es vermittelt farbige Impressionen eines „Landes", hauptstadtnah, doch unbeleckt vom Berliner Trubel und von ganz eigener Art.

Björn Kuhligk, Tom Schulz: Wir sind jetzt hier
(Carl Hanser Verlag, München)

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