• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 15:05 Uhr Rock et cetera
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWann ist der Mensch tot?22.03.2012

Wann ist der Mensch tot?

Neue Erkenntnisse zum Ende des Lebens

In Deutschland fehlen Spenderorgane - egal ob Herz, Nieren oder Leber. Nicht zuletzt deswegen soll die Organspende neu geregelt werden. Vor diesem Hintergrund ist eine Kontroverse neu entbrannt: Im Zentrum steht dabei die Frage, ob hirntote Menschen tot, lebendig oder doch in einem Zwischenstadium sind.

Von Thomas Gith

Beim Hirntod können Herz- und Kreislauf sowie die Atmung mit Hilfe einer Herz-Lungen-Maschine aufrecht erhalten werden.  (picture alliance / dpa /  Jan-Peter Kasper)
Beim Hirntod können Herz- und Kreislauf sowie die Atmung mit Hilfe einer Herz-Lungen-Maschine aufrecht erhalten werden. (picture alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)

Eigentlich könnte man meinen, ein Mensch ist tot, wenn sein Herz endgültig aufgehört hat zu schlagen, wenn demnach der Kreislauf zusammengebrochen ist und die Organe, also auch das Gehirn, nicht mehr funktionieren. Wenn also alle vitalen Funktionen erloschen sind. Doch so einfach ist es nicht – zumindest nicht mehr. Die Definition des Hirntodes, 1968 erstmals in den USA aufgekommen, widerspricht dieser Vorstellung vom Tod. Beim Hirntod können Herz- und Kreislauf sowie die Atmung mit Hilfe einer Herz-Lungen-Maschine aufrecht erhalten werden. Das Gehirn hingegen ist in all seinen Funktionen irreversibel geschädigt. Medizinerin Stefanie Förderreuther von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

"Die drei Organe Herz, Lunge und Gehirn sind eigentlich von jeher die Organe, die wir mit Leben und Tod verbinden. Sie regeln letztendlich zum Beispiel was ganz wesentliches, nämlich die Sauerstoffversorgung unseres Körpers. Das Gehirn gibt dazu den Antrieb. Herz und Lunge sind eigentlich nur die ausführenden Organe. Wenn das Gehirn ausfällt, fällt zum Beispiel die Atmung irreversibel aus und alle Zellen gehen zugrunde. Wir haben also keine zentrale Regulation mehr des Organismus. Und da das Gehirn wirklich ein sehr besonderes Organ ist, ist damit die körperlich-geistige Einheit eines Organismus endgültig verloren – wenn alle Hirnfunktionen erloschen sind."

Die Folge: Auch das Bewusstsein ist dann nicht mehr vorhanden. Sobald bei einem Menschen der Hirntod diagnostiziert wurde, dürfen ihm Organe entnommen werden. Vorausgesetzt, der Patient hat zu Lebzeiten solch einer Explantation zugestimmt – oder die Angehörigen willigen nach dem Hirntod des Betroffenen stellvertretend ein. Immer wieder hat es in den vergangenen Jahren allerdings Zweifel gegeben, ob hirntote Menschen wirklich tot sind.

Der Philosoph Ralf Stoecker etwa hält Hirntote weder für Lebende noch für Tote - es seien vielmehr Menschen in einem Zwischenzustand. Dem Argument, das Hirntoten das Innenleben fehlt, stimmt er zu – doch es gebe auch andere Menschen, auf die das zutreffe: Embryonen und viele Wachkomapatienten etwa. Hirntote als Tote zu bezeichnen, lehnt er deshalb ab.

"Außerdem erfordert halt diese Begründung der Hirntotkonzeption, dass wir über all das hinwegsehen, was die Angehörigen vor allem sehen, nämlich einen Menschen, der da liegt, aussieht wie ein schwer kranker, aber lebender Mensch. Sich bewegt, auch irgendwie so bewegt, dass man das Gefühl hat, es ist auf keinen Fall eine Leiche. Und dann kommt hinzu er schwitzt, er hat Ausscheidungen und all so was. Das heißt, wir werden gezwungen von dieser Hirntodkonzeption, über all das, was wir mit Lebendigkeit verbinden, hinwegzusehen."

Den US-Neurologen Alan Shewmon, ehemals Befürworter der Hirntod-Konzeption, haben diese physiologischen Phänomenen zum Umdenken gebracht. Der Grund: Er hat 175 Fälle dokumentiert, in denen zwischen diagnostiziertem Hirntod und Herzstillstand mindestens eine Woche verging. Sein Fazit: Das Gehirn allein sei nicht entscheidend für die körperliche Integration. Auch wurden mehrfach Fälle dokumentiert, in denen Schwangerschaften bei hirntoten Frauen aufrechterhalten wurden. Für Eckhard Nagel, Chirurg und Mitglied des Deutschen Ethikrates, spricht das nicht gegen das Verständnis vom Hirntod.

"Also wir wissen, das Lebensprozesse ja auch außerhalb des menschlichen Körpers heute erhaltbar sind. Gerade die Kinder, die mit 22. oder 23. Woche geboren werden und wirklich erst ausreifen in einem Brutkasten, sind ein Beweis dafür, dass eben physiologische Bedingungen stimmen müssen. Und es gibt eben Experimente, die zeigen, dass eben eine Gebärmutter direkt das wachsende Kind versorgt und dementsprechend der Mensch als Organismus nicht notwendig ist, um das zu tun. Also das spricht nicht gegen den Hirntod."

Maßgeblich für die Hirntod-Diagnostik sei, dass die entscheidende Struktur des menschlichen Organismus – nämlich das Gehirn – tot sei, so Nagel. Die Einheit aus Geist und Körper sei dann zu Ende. Der Philosoph Ralf Stoecker differenzierte dabei zwischen dem Hirntod als medizinischem Kriterium, also dem Funktionsverlust von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm, und der Hirntod-Konzeption – also der These, das hirntote Menschen tot sein. Und der Philosoph Michael Quante, der Stoeckers Ansicht vom Zwischenstadium der Hirntoten ausdrücklich nicht teilte, machte deutlich, das die Frage nach der Todesdefinition auch als metaphysische Frage zu verstehen ist.

"Die Gründe, Hirntote als tot zu bezeichnen, setzen sich zusammen aus philosophischen und naturwissenschaftlich-medizinischen Gründen, das ist also keine rein empirische Frage, aber bei Menschen mit entwickeltem Gehirn ist der Wegfall des Gehirns der Wegfall des Organs, das alle Lebensprozesse zu einem einheitlichen Organismus verbindet. Das heißt, wenn das Gehirn ausfällt, kann es weitere suborganismische Prozesse geben, auch komplexerer Art, die aber nicht mehr zu einem einheitlichen, sich selber steuerndem organischem Leben verbunden sind."

Hirntote Menschen seien deshalb als Leichen zu betrachten, so Quante. Die Kriterien für die Hirntod-Diagnostik sind dabei eindeutig. Stefanie Förderreuther hob hervor, dass bisher kein einziger Fall bekannt ist, in dem der Hirntod fälschlicherweise diagnostiziert wurde. Auf die Folgerungen aus dieser Diagnose – also das Hirntote Tote sind - konnten sich aber weder Mediziner noch Philosophen einhellig verständigen. Im Transplantationsgesetz allerdings ist die Organentnahme an den Tod, also den Hirntod, gebunden. Ralf Stoecker hält das für nicht notwendig. Wesentlich sei, dass sich die Patienten oder deren Angehörigen explizit für die Organentnahme ausgesprochen haben.

"Das heißt, ich glaube wir sind gerechtfertigt, wenn diese Bedingungen eingehalten sind, hirntoten Menschen auch Organe zu entnehmen. Insofern vertrete ich die Meinung, dass hirntote Menschen obwohl sie nicht tot sind, und obwohl sie nicht leben, sondern in diesem Zwischenzustand sind, Menschen sind, denen man Organe entnehmen darf."

Eine Pflicht, die Hirntoten darüber hinaus mit medizinischer Hilfe in diesem Zwischenzustand zu halten, gebe es seiner Ansicht nach nicht, so Stoecker. Und auch in der derzeitigen Praxis dürfen die apparativen Maßnahmen beendet werden – der Organismus stellt dann auch seine letzten Funktionen ein. Stefanie Förderreuther.

"Es ist nicht sinnvoll, intensivtherapeutische Maßnahmen nach Feststellung des Hirntodes weiter zu führen. Der betroffene Mensch kann davon nichts mehr gewinnen. Wir können sein Gehirn nicht ersetzen. Das ist das ganz Entscheidende. Wir können inzwischen das Herz ersetzen, es gibt künstliche Herzen, wir können externe Mebramoxygenierung machen, um die Lungenfunktion zu ersetzen. Aber für den Ersatz der Hirnfunktion ist wirklich nichts in Aussicht. Wenn das mal so ist, dann müssen wir noch mal neu reden."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk