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StartseiteInterview"War das die Landesblindenanstalt?"11.05.2011

"War das die Landesblindenanstalt?"

Wilfried Scharnagl wirft Universität Bayreuth Parteilichkeit bei Guttenberg-Gutachten vor

Der Ex-Chefredakteur des CSU-nahen Bayernkuriers, Wilfried Scharnagl, wirft der Uni Bayreuth vor, ihre eigene Rolle in der Causa Guttenberg "in den Mantel des Schweigens" zu hüllen. Drei Professoren hätten die Fehler in zu Guttenbergs Doktorarbeit übersehen, monierte Scharnagl.

Wilfried Scharnagl im Gespräch mit Martin Zagatta

Scharnagl: "Mit Guttenberg wird nur deshalb so umgegangen, weil er ein Politiker ist" (picture-alliance/ dpa)
Scharnagl: "Mit Guttenberg wird nur deshalb so umgegangen, weil er ein Politiker ist" (picture-alliance/ dpa)

Martin Zagatta: Damit aber nach Bayreuth, wo die Universität ja schon zu dem Ergebnis gekommen ist, dass zu Guttenberg bei seiner Doktorarbeit nicht nur abgeschrieben, sondern besonders dreist getäuscht hat. Gerade nun hat sie diesen Untersuchungsbericht auch offiziell vorgestellt. Wir sind jetzt mit Wilfried Scharnagl verbunden, dem ehemaligen Chef des Bayernkurier. Guten Tag, Herr Scharnagl.

Wilfried Scharnagl: Hallo, grüß Gott.

Zagatta: Herr Scharnagl, diese Stellungnahme heute der Universität Bayreuth, die war ja so zu erwarten. Hat Sie das noch irgendwie geschockt, oder war Ihnen inzwischen auch schon längst klar, dass Guttenberg dann doch ganz bewusst getäuscht hat?

Scharnagl: Erstens hat mich diese Stellungnahme der Universität von Bayreuth nicht geschockt. Ich habe das so erwartet, denn die Universität Bayreuth, die ja dieses Gutachten gebracht hat, ist ja nicht ein unabhängiger Richter, sie ist ja Partei. Sie musste ja alles tun, um ihre Rolle gut und verständlich und einsichtsvoll und nachvollziehbar darzustellen, was sie offensichtlich im Kern damit getan hat, wie Ihr Korrespondent aus Bayreuth eben ja selbst gesagt hat, dass sie die eigene Rolle tunlichst in den Mantel des Schweigens gehüllt hat, und das ist natürlich, finde ich, eine völlig unerträgliche Maßnahme, denn immer wieder muss ich mir die Frage stellen und nicht nur ich diese Frage stellen, wie viele Menschen im Lande, wie kann das sein, dass jemand sieben Jahre an seiner Doktorarbeit arbeitet, einen Doktorvater hat, der ihn begleitet, der eigentlich mit ihm sprechen muss, wie läuft das, wie kommst du voran, was passiert, dann beugt sich ein zweiter Professor über diese Doktorarbeit und, weil sie mit Summa cum laude benotet wird, ein dritter Gutachter. Dann kann ich nur sagen, wo waren die? War das die Landesblindenanstalt, oder waren das tatsächlich drei Professoren, die sich ernsthaft um die Doktorarbeit eines Doktoranden gekümmert haben? Zu dieser Frage haben die Bayreuther in ihrer heutigen Erklärung offensichtlich überhaupt nichts gesagt.

Zagatta: Da wird es ganz sicher noch viele Fragen an die Universität geben, wie man damit umgeht. Aber sind das nicht auch Zustände, die die CSU vielleicht geschaffen hat mit Universitäten in Bayern, dass man dann eben da einen Freifahrtsschein hat, wenn man der CSU sehr nahe steht?

Scharnagl: Entschuldigung, das ist doch dummes Zeug. Die vielen Universitäten, die in den letzten 20 und 30 Jahren von der CSU gegründet oder unter CSU-Verantwortung vom Freistaat Bayern gegründet worden sind, das sind doch keine CSU-Veranstaltungen.

Zagatta: Nein, muss doch gar nicht sein. Aber wenn da jemand von der CSU kommt, hat er vielleicht leichteres Spiel.

Scharnagl: Das ist doch dummes Zeug! Entschuldigung, das kann ich wirklich nur so sagen. Das ist also wirklich nur, wie sich der kleine linke Moritz die politischen Verhältnisse im Freistaat Bayern vorstellt. Die sind ja nun ganz anders, wie Sie auch an der Causa Guttenberg gesehen haben. Nicht zuletzt verweise ich doch darauf, dass der langjährige Vizepräsident der Universität Bayreuth, Professor Schmitt-Glaeser, ein hoch angesehener Akademiker, sich in entrüsteter und empörter Weise über das Vorgehen der Universität geäußert hat, wie man mit Guttenberg umgeht. Umgekehrt wird ein Stiefel daraus, der sagt, mit Guttenberg wird nur deshalb so umgegangen, weil er ein Politiker ist, in jedem anderen Fall wäre mit der Aberkennung des Doktors, was zurecht geschehen ist, alles erledigt gewesen. Aber das monatelange Spiel, das man hier treibt, um ihn noch völlig zu vernichten, beweist doch, dass Ihre CSU-Universitätsvermutung völlig absurd ist.

Zagatta: Aber das hängt ja wahrscheinlich auch damit zusammen, dass ein Politiker eigentlich glaubwürdig sein sollte.

Scharnagl: Natürlich muss ein Politiker glaubwürdig sein. Er hat ja auch gefehlt, er ist ja auch schuldig geworden, er hat auch den höchstmöglichen Preis bezahlt, den ein Politiker bezahlt hat. Dann kann man sagen, wollen wir ihn jetzt noch ganz vernichten? – Ich kann nur sagen, er hat gefehlt, er hat sich dazu bekannt, er hat dafür einen hohen Preis bezahlt, jetzt müsste eigentlich die Sache erledigt sein.

Zagatta: Herr Scharnagl, hat er gefehlt, oder hat er betrogen?

Scharnagl: Das glaube ich nicht. Ich glaube nach wie vor, dass es so ist, wie er es gesagt hat. Das ist seine Meinung; die Meinung der Professoren, die das betrachtet haben, ist eine andere, was ich verstehe, weil sie Partei sind, weil sie die Universität gut dastehen lassen müssen. Darum konnten die ja zu gar keinem anderen Ergebnis kommen als zu dem, zu dem sie gekommen sind.

Zagatta: Schadet das auch der Glaubwürdigkeit der CSU? Sie sagen, das hat damit nichts zu tun, das würde auch der Glaubwürdigkeit der CSU jetzt nicht schaden?

Scharnagl: Mit der CSU hat das gar nichts zu tun.

Zagatta: Gar nichts zu tun.

Scharnagl: Wenn, dann ist das der Fall eines einzelnen Politikers der CSU. Sie können auch nicht sagen, ein Einwohner von Nordrhein-Westfalen, und dann sagen, schadet das der Glaubwürdigkeit von Nordrhein-Westfalen? Das ist das Verhalten des Einzelnen, um das es hier geht, von dem ich glaube, dass er nach wie vor ein ganz großes und wichtiges und unentbehrliches politisches Talent ist, und von dem ich auch glaube, dass er nach angemessener Zeit in die Politik zurückgehen wird, denn weil ich nicht glaube, dass das sein kann, dass man, auch wenn es ein großer Fehler ist, deswegen auf Dauer vernichtet und seiner politischen Wirksamkeit beraubt werden kann. Das wäre gegen mein Verständnis, auch gegen mein Verständnis eines Menschen, der einer C-Partei angehört, denn wir wissen alle, dass wir alle fehlbar sind, auch wir beide, die wir gerade miteinander diskutieren. Aber wenn dann wirklich alles an Sühne und Strafe erfolgt ist, muss auch mal wieder Schluss sein.

Zagatta: Ganz klar! Aber wenn Sie C-Partei ansprechen, du sollst nicht lügen?

Scharnagl: Ja, da heißt es aber auch - - Erstens glaube ich nicht. Ich glaube, er hat diese Fehler gemacht, die er gemacht hat, wie er sie zugegeben hat, und zweitens gehört zur C-Partei auch das Verzeihen, ganz wichtig. Das ist auch ein ganz wichtiger Gesichtspunkt.

Zagatta: Und dass die CSU da irgendwie ihren Kompass im Moment verliert, das sehen Sie nicht?

Scharnagel: Überhaupt nicht! – Überhaupt nicht!

Zagatta: Das sehen Sie nicht?

Scharnagl: Das sehe ich nicht.

Zagatta: 180-Grad-Wende bei der Kernenergie?

Scharnagl: Das sehe ich schon so was von überhaupt nicht, was das mit der CSU und ihrem Kompass zu tun hat.

Zagatta: Na ja, wenn man es in einen gesamtpolitischen Zusammenhang stellt, 180-Grad-Wende beim Atom, oder wenn Horst Seehofer jetzt beispielsweise über Familienwerte spricht, da hat man ja auch seine Zweifel.

Scharnagl: Das ist also wirklich peinliches persönliches dummes Zeug, das Sie hier reden. Ich kann das wirklich nicht anders sagen. Und 180-Grad-Atomwende kann ich überhaupt nicht erkennen. Wir bewegen uns im Mainstream aller Parteien, dass wir sagen, Atom ist eine Brückenenergie und eine Brücke, die hat irgendwo ein Ende, und jetzt wird man das Ende etwas früher herbeiführen als vorher geplant. Was heißt da 180-Grad-Wende?

Zagatta: Sie glauben nicht, dass das den Wähler vielleicht auch überfordert, die Politik der CSU?

Scharnagl: Das glaube ich überhaupt nicht. Ich wundere mich nur, dass wir uns eigentlich verabredet haben, um ein Gespräch über den Fall zu Guttenberg zu führen.

Zagatta: Ja, natürlich!

Scharnagl: Jetzt gehen Ihnen offensichtlich die Themen und die Argumente aus, jetzt kommen Sie plötzlich mit anderen Dingen. Aber okay!

Zagatta: Überhaupt nicht! Wir reden doch über die Glaubwürdigkeit ...

Scharnagl: Ich rede mit Ihnen über alles!

Zagatta: Herr Scharnagl, das ist auch nett von Ihnen. Wir reden ja über die Glaubwürdigkeit der CSU, das ist ja auch das Thema, das damit zusammenhängt.

Scharnagl: Sie haben über eine Person geredet, und über die rede ich gerne und ausführlich, und Sie wissen, was ich dazu gesagt habe, und ich muss zunächst mal sagen, dieses Gutachten beeindruckt mich in meiner Meinung überhaupt nicht zum Fall, weil es eine Partei ist, die ein Gutachten gemacht hat, nämlich die Partei ist hier in dem Fall die Universität Bayreuth in diesem Streit, auf der einen Seite Guttenberg, auf der anderen die Uni Bayreuth, die natürlich möglichst gut dastehen muss, um von jeder eigenen Verantwortung, die offensichtlich gegeben ist und auch grob verletzt worden ist, abzulenken. Das ändert nichts daran, dass Guttenberg schwer gefehlt hat und dass er schuldig geworden ist, aber noch einmal: Er hat dafür den für einen Politiker höchstmöglichen Preis, nämlich den des Verlustes seines Amtes bezahlt.

Zagatta: Wie schnell könnte er – Sie halten das ja für möglich – zurückkommen? Muss es da zumindest eine Karenzzeit geben, oder wie sehen Sie das?

Scharnagl: Also da halte ich es mit einem berühmten Spruch aus dem alten Rom, tempus festina, tempus sana, Zeit eilt, Zeit heilt. Wie und wie lange diese Zeit ist, die er braucht, weiß ich nicht, aber ich glaube, dass er eines Tages die Chance haben wird und die Chance, ich hoffe es, nutzen wird, wieder in die Politik zurückzukehren.

Zagatta: Herr Scharnagl, auch wenn Sie mit meinen Fragen nicht ganz zufrieden waren ...

Scharnagl: Sie waren auch mit meinen Antworten nicht ganz zufrieden.

Zagatta: Wir schon!

Scharnagl: Da sind wir uns ja wieder einig.

Zagatta: Wir schon! Wir sind uns einig.

Scharnagl: Okay!

Zagatta: Ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

Scharnagl: Okay, ich bedanke mich. Okay, auf Wiederhören.

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