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Ware Mensch

Frauenhandel in Osteuropa

Eine Sendung von Gesine Dornblüth

Die Importware Sex ist zu einem milliardenschweren Geschäft geworden.
Die Importware Sex ist zu einem milliardenschweren Geschäft geworden. (AP)

Schätzungen zufolge werden weltweit jährlich 600.000 bis 800.000 Menschen, überwiegend Frauen, zu Opfern des modernen Sklavenhandels. Die Hälfte der Opfer sind minderjährig. Seit dem UNO-Protokoll von Palermo aus dem Jahre 2000 sind Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung international geächtet - doch im Dunkeln geht das unmenschliche Geschäft weiter.

<p>Eine junge Frau in Aserbaidschan, die ins Ausland verkauft und zur Prostitution gezwungen wurde<br /><br />&quot;Wenn ich den Leuten ins Gesicht schaue, wird mir schlecht. Ich spüre ihre Blicke. Ich bin nicht mehr frei, ich fühle mich schuldig.&quot;<br /><br />und die Leiterin einer privaten Hilfsorganisation, die die Opfer des Menschenhandels betreut<br /><br />&quot;Wenn irgendjemand rechtzeitig mit diesen Frauen geredet hätte und ihnen vielleicht einen anderen Ausweg gewiesen hätte, dann wären diese Tragödien nicht passiert.&quot;<br /><br />Seit dem UNO-Protokoll von Palermo aus dem Jahre 2000 sind Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung international geächtet - doch im Dunkeln geht das unmenschliche Geschäft weiter: Schätzungen zufolge werden weltweit jährlich 600.000 bis 800.000 Menschen zu neuen Opfern des modernen Sklavenhandels - zu 80 Prozent Frauen, die Hälfte von ihnen minderjährig. Allein in Europa sind eine halbe Million Frauen und Mädchen betroffen. Die Importware Sex ist zu einem milliardenschweren Geschäft geworden. Dessen Profiteure machen sich die offenen Grenzen im erweiterten Europa ebenso zunutze wie die bittere Armut in vielen Ländern Osteuropas. Mit falschen Papieren und falschen Versprechungen werden Tausende von Frauen ins reiche Ausland gelockt und zur Prostitution gezwungen. <br /><br /><strong>Baku, Aserbaidschan: Eine ehemalige Zwangsprostituierte erzählt</strong><br /><br />Sabina wohnt in einem barackenähnlichen dunklen Flachbau in Aserbaidschans Hauptstadt Baku. Zwei Betten stehen darin, ein Tisch, ein Hocker, ein Stuhl. Das Plumpsklo ist im Hof, davor laufen die Hühner der Nachbarn herum. Sabina trägt verwaschene Jeans, einen Strickpulli und eine Kurzhaarfrisur. Sabina ist nicht ihr richtiger Name. Sie möchte nicht, dass die Geschichte, die sie zu erzählen hat, mit ihr in Verbindung gebracht wird.<br /><br />&quot;Es begann Neujahr vor zwei Jahren. Da lernte ich in der Schule meiner Tochter eine andere Mutter kennen, und wir freundeten uns an. Ich war ein paar mal bei ihr zu Besuch und sie bei mir. Einmal kam die Nachbarin zu ihr herunter. Wir redeten viel darüber, dass es keine Arbeit gibt, bzw. dass Arbeit bei uns so schlecht bezahlt wird, dass es sich nicht lohnt, eine Stelle anzunehmen. Sie hat mir daraufhin einen Vorschlag gemacht. Wenn du willst, hat sie gesagt, kannst du ins Ausland gehen und dort als Putzfrau oder Kellnerin arbeiten. Ich habe gesagt: Wenn es gut bezahlt ist, warum nicht? Ich könnte im Sommer drei Monate arbeiten. Dann haben wir uns eine Weile nicht gesehen, und als wir uns dann wieder trafen, sagte sie: Es gibt eine Stelle in Dubai. Du wirst bei einer guten Familie putzen. Du fährst in den Sommerferien deiner Tochter für drei Monate in die Vereinigten Arabischen Emirate. Dafür bekommst du 300 bis 500 Dollar im Monat.&quot;<br /><br />Sabina setzt sich auf das Bett, stützt die Ellbogen auf die Oberschenkel. Sie hält eine kleine Plastikfigur in den Fingern, Spielzeug der neunjährigen Tochter. Die ist gerade in der Schule. Die scheinbar so hilfsbereite Nachbarin besorgte ihr in nur 14 Tagen einen Reisepass, ein Visum und ein Flugticket - für aserbaidschanische Verhältnisse ungewöhnlich schnell. Wenige Wochen später saß Sabina, studierte Finanzexpertin, im Flugzeug. Die Tochter ließ sie bei der Oma. In Dubai holte eine Frau Sabina vom Flugplatz ab.<br /><br />&quot;Ihr Mann war auch dabei. Wir fuhren zu ihnen nach Hause, und beim Essen erklärten sie mir, was ich zu tun hätte. Das blieb aber sehr vage, so dass ich nicht sofort begriff, was wirklich dahintersteckte. Dann nahmen sie mir den Pass und das Visum ab. Als ich gefragt habe, warum, haben sie gesagt: Wir melden dich polizeilich an, danach bekommst du die Papiere zurück. Das haben sie natürlich nicht getan, sie gaben mir nur eine Kopie des Visums. Das war ein Touristenvisum mit einem Monat Gültigkeit.<br /><br />Dann kamen wir in die Wohnung. Dort lebten 15 Mädchen in drei Zimmern. Und noch eine Frau, die für uns gekocht und geputzt hat. Erst dort haben sie mir gesagt, was ich wirklich machen soll. Als ich begriff, was ich zu tun habe, gab es schon keinen Weg mehr zurück. Ich hatte keinen Pass, ich hatte nichts, ich hätte gar nicht gewußt, wohin. Ich war wie hypnotisiert. Es gab keinen Ausweg.<br /><br />Noch am selben Tag mußte ich zu den Kunden. Unsere Arbeitszeiten waren so: Von mittags um zwölf bis nachmittags um vier waren wir in einer Bar, von vier bis sechs in einer zweiten, von acht Uhr abends bis drei Uhr morgens in einer dritten. Wenn ein Freier uns mit nach Hause genommen hat, ging es bis sieben Uhr morgens. Wenn man drei, vier Stunden am Tag schlafen konnte, war das schon gut.&quot;<br /><br />Sabina bewegt das Spielzeug ihrer Tochter in den Fingern, so, als gäbe es ihr Halt. 31 Jahre ist sie alt, alleinerziehend. Sie spricht konzentriert, bemüht sich, alles genau so wiederzugeben, wie es war.<br /><br />&quot;Das waren vor allem Inder und Pakistanis. Die Inder und Pakistanis sind alle zum Arbeiten da. Touristen gibt es dort nicht. Ein paar mal hat mich die Managerin gezwungen, allein gleich vier Männer zu befriedigen. Deshalb habe ich immer versucht, selbst Kunden zu finden, denn dann konnte ich sie wenigstens aussuchen und hatte nicht die allerschlimmsten. Es gibt so widerliche Typen, das sind so Scheusale, die tun mit dir, was sie wollen. Wir galten als billige Prostituierte. Ein Mal hat 35 Dollar gekostet. Einmal habe ich mich hingesetzt und das hochgerechnet: Die Puffmütter verdienen im Monat ungefähr 100.000 Dollar an uns.&quot;<br /><br />Die meisten Freier, erzählt Sabina, hätten sich gar nicht dafür interessiert, ob die Frauen ihnen freiwillig zu Diensten seien oder ob sie gegen ihren Willen zur Prostitution gezwungen wurden. Und es sei gefährlich gewesen, die Zwangssituation auch nur anzusprechen.<br /><br />&quot;Ich konnte meine Unzufriedenheit nicht offen zeigen. Wenn ich das gemacht hätte, hätten sie mich an einen noch schlimmeren Ort verkauft. Es gab Orte, da haben die Mädchen in einem Zimmer gesessen, die Kunden sind der Reihe nach rein gekommen und haben die Mädchen verprügelt. Deshalb mußte ich schweigen, das ertragen und so tun, als sei alles in Ordnung. <br /><br />Die Mädchen, mit denen ich dort war, sprachen alle Russisch. Eine kam aus Russland, eine aus Georgien, eine aus der Ukraine, und alle anderen aus Aserbaidschan. Nach und nach habe ich mich vorsichtig bei den anderen Mädchen umgehört. Die haben mir gesagt: Wenn du zur Polizei gehst, wirst du dort in eine Zelle mit nacktem Betonboden gesperrt. Die Polizei schiebt dich nicht ab, sondern behält dich ein halbes Jahr im Gefängnis oder verkauft dich wieder an die Puffmutter. Es lohnt sich nicht, zur Polizei zu gehen.&quot;<br /><br />Fliehen konnte Sabina schließlich mit Hilfe eines Bekannten aus Baku. Dem hatte sie gleich am ersten Tag einen Hilferuf per SMS geschickt. Es dauerte einen Monat, bis der Helfer Geld und Verbündete in den Arabischen Emiraten aufgetrieben hatte. Eine Frau wartete mit dem Auto vor der Bar in Dubai. Sabina täuschte vor, sie würde zu einem Freier gehen. Die Managerin glaubte ihr und ließ sie gehen. <br /><br />&quot;Wenn noch ein oder zwei Wochen vergangen wären, dann hätte ich mich dort mit Sicherheit aus dem Fenster gestürzt. Oder ich hätte mir etwas anderes angetan. Länger hätte ich es nicht dort ausgehalten. Die hygienischen Zustände waren eine Katastrophe. Und dann all diese schmutzigen widerlichen Gestalten, die sich Jahre lang nicht waschen, und ich mußte mit jedem. Das ist nicht auszuhalten.&quot;<br /><br />Sabina steht auf, nimmt eine Plastikschüssel voll Wasser, geht zur Fensterbank, zieht die Gardinen zur Seite. In Plastikschälchen wachsen Grünpflanzen. <br /><br />&quot;Das hier ist mein Lieblingsbaum: Eine sibirische Birke, sehr selten, auf die bin ich sehr stolz. Die anderen Pflanzen habe ich alle gesammelt. Naja, ich habe mir hier oder da einen Zweig abgebrochen und einen Ableger gemacht. Es heißt, geklaute Pflanzen wachsen am besten. Das hier ist eine Aloe, die soll sehr gesund sein. Ich habe mir in Dubai eine Magenschleimhautentzündung eingefangen. Dagegen hilft Aloe mit Honig. Hat meine Tante schon ausprobiert. Aber die Pflanze muss erst noch wachsen.&quot;<br /><br />Sabina legt das Spielzeug zur Seite.<br /><br />&quot;Ich versuche, durchzuhalten. Aber es gibt Momente, wenn ich allein zu Hause bin, dann weine ich. Vor meiner Tochter weine ich nicht. Denn wenn ich anfange, fragt sie mich sofort, was passiert ist, und fängt auch an. Nachts habe ich Alpträume. Ich träume nicht, was mir dort passiert ist, aber ich träume davon, dass ich wie eine Sklavin eingesperrt bin und nichts machen kann. In jedem Traum sehe ich ein anderes Zimmer. Die Managerin hat uns ja ständig angetrieben: Mädels, zieht euch an, schnell, los, schneller, schneller. Und dieses Gefühl, sich schnell anzuziehen, um gehen zu müssen, das Gefühl, immer zur Verfügung zu stehen, wie eine Sklavin - dieses Gefühl kommt im Traum immer wieder. Jedes mal wache ich mit einem Schock auf, und das belastet mich den ganzen Tag.&quot;<br /><br />Nur Sabinas Schwester, der Bekannte, der ihr bei der Flucht half, und ihre beste Freundin wissen, wo sie in jenem Monat wirklich war. Alle anderen glauben, sie habe in Moskau gearbeitet. Sabina hatte vor der Abreise versprechen müssen, dass sie niemandem sagt, wohin sie fährt.<br /><br />&quot;Ich habe mich damals nicht darüber gewundert. Wenn mich heute jemand fragt, wie ich mich darauf einlassen konnte. Wissen Sie, es gibt Dinge, die tut man wie unter einem bösen Zauber, wie in Trance - in so einem Zustand war ich. Ich hatte zuvor nie darüber nachgedacht, dass es solche Dinge in Dubai gibt. Vielleicht hatte ich davon gehört, aber ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht. Was mich nicht interessiert, dazu stelle ich auch keine Fragen.<br />Ich war ein dummes Ding, dass ich mich nicht rechtzeitig erkundigt habe. Aber ich hatte auch niemanden, den ich um Rat hätte fragen können. Deshalb bin ich in diese Situation geraten.&quot;<br /><br />Allein in Deutschland werden nach Angaben des Bundeskriminalamtes 140.000 Frauen aus Osteuropa zur Prostitution gezwungen. Mindestens die Hälfte, wenn nicht gar zwei Drittel von ihnen, hatten keine Ahnung von dem, was auf sie zukommt: Sie wurden getäuscht, belogen und betrogen, manche unter Drogen gesetzt und gewaltsam verschleppt. Sie werden von ihren Zuhältern in Abhängigkeit gehalten, eingesperrt, geschlagen, bedroht - und oft gewaltsam ihren Freiern ausgeliefert. Diese Schicksale aus dem europäischen Alltag erzählen beklemmende Biographien. Die Geschichten dieser Frauen wecken archaische, elementare, unbewusste Ängste, wie sie schon im Märchen vom Räuberbräutigam zum Ausdruck kommen.<br /><br /><em>Es war einmal ein Müller, der hatte eine schöne Tochter, als sie nun herangewachsen war, dachte er, wenn ein ordentlicher Freier kommt und um sie anhält, so will ich sie ihm geben, damit sie versorgt wird. Es trug sich zu, dass einer kam, der sehr reich schien, und da der Vater nichts an ihm auszusetzen wusste, so versprach er ihm seine Tochter; das Mädchen aber hatte ihn nicht recht lieb, wie eine Braut ihren Bräutigam lieb haben soll, und fühlte ein Grauen in seinem Herzen, so oft es ihn ansah, oder an ihn dachte. Er sprach zu ihr: "Warum besuchst du mich nicht, da du meine Braut bist?" - "Ich weiß nicht, wo euer Haus ist", sagte das Mädchen. "Draußen ist's, im grünen dunkeln Wald", antwortete der Bräutigam. Da suchte es Ausreden und sprach: "Da kann ich den Weg dahin nicht finden". Der Bräutigam aber sagte: "Bis Sonntag musst du zu mir kommen, dazu hab ich schon Gäste eingeladen, und damit du den Weg durch den Wald findest, so will ich dir Asche streuen.". Als es nun Sonntag war, und das Mädchen fortgehen sollte, ward ihm so Angst, und es steckte sich beide Taschen voll Erbsen und Linsen. Es kam zu dem Wald, da fand es Asche gestreut und ging auf dem Weg fort, aber rechts und links warf es bei jedem Schritt ein paar Erbsen und Linsen auf die Erde. Nun ging es fast den ganzen Tag, bis es zu einem Haus kam, das mitten im dunkelsten Wald stand. Es sah niemand darin, und es war still, aber auf einmal rief eine Stimme: "Kehr um, kehr um, du junge Braut, du bist in einem Mörderhaus!" Wie es sich umsah, war's ein Vogel, der da in einem Bauer saß und der noch einmal rief: "Kehr um, kehr um, du junge Braut, du bist in einem Mörderhaus!"</em><br /><br />Viele kehren nicht um, weil sie gar nicht umkehren können: der Weg in die Prostitution ist oft der einzige Ausweg aus Not und Elend. Armut, soziale Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit, Bildungsnotstand, Diskriminierung, Gewalt in den Familien. Das ist der Nährboden für den Menschenhandel, dessen wahres Ausmaß niemand kennt. Und kaum eine der insgesamt 500.000 Frauen, die unter diesen Umständen in Westeuropa anschaffen müssen, gelingt es, aus dem Teufelskreis der Illegalität und Abhängigkeit wieder auszubrechen. Zu groß ist die Angst, abgeschoben zu werden. Zu groß die Scham der Frauen, falls sich im Heimatdorf herumsprechen sollte, was sie im Ausland wirklich taten. Zu groß die Gefahr, von ihren ehemaligen Schleppern entdeckt, erpresst und bedroht zu werden. Die Zuhälter und Hintermänner müssen sich in der Regel keine Sorgen machen, dass ihre Opfer sie anzeigen könnten.<br /><br />Das weiß auch Mehriban Zeinalova. Sie leitet das Büro von Clean World in Baku - die einzige Hilfsorganisation für Zwangsprostituierte in Aserbaidschan. Sie will die Wand des Schweigens durchbrechen - sie setzt auf Öffentlichkeit, auf Information und Aufklärung.<br /><br /><strong>Das Netzwerk der Menschenhändler und das Hilfswerk für die Opfer: Clean World in Baku</strong><br /><br />Mehriban Zeinalova zeigt auf eine Karte an der Wand. Mit der Hand sind darauf die Konturen verschiedener Staaten eingezeichnet. In der Mitte liegt Aserbaidschan. Ein Knäuel verschiedenfarbiger Linien verbindet die Südkaukasusrepublik mit Russland, mit den USA und Staaten in Westeuropa.<br /><br />&quot;Die grüne Linie steht für den Verkauf von Arbeitssklavinnen, die fliederfarbene für Handel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, rot bezeichnet den Verkauf von Frauen durch Zwangsheirat, und das hier bedeutet Organhandel.&quot;<br /><br />Mehriban Zeinalova leitet die Organisation "Clean World" in Baku. Seit acht Jahren kümmert sie sich um die Opfer des Frauenhandels. Sie war eine der ersten, die sich des Themas in Aserbaidschan angenommen haben. Bis heute rührt es an Tabus. Mehriban Zeinalova redet mit den Frauen, macht Umfragen und sammelt so Informationen über ein Problem, das die aserbaidschanischen Behörden lange negierten. Folgt man den Linien auf der Karte, gehen aserbaidschanische Frauen als Arbeitssklavinnen vor allem nach Schweden, Kanada, Syrien und Russland.<br /><br />Zur Sexarbeit werden Frauen vor allem in die Türkei verkauft, nach Dubai, nach Pakistan, in den Iran und nach Russland.<br /><br />Mehriban Zeinalova klemmt sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. Sie ist eine kleine Frau, 50 Jahre alt, trägt Jeans und eine karierte Bluse. Die lockigen Haare fallen ihr ins Gesicht, Lachfalten umrahmen ihre dunklen Augen. <br /><br />In der Küche sitzt Sevil. Im Fernseher läuft ein türkisches Quiz. Sevil ist zierlich, sie wirkt zerbrechlich in ihrem dicken Wollpullover. Ihr ohnehin blasses Gesicht hat sie gepudert, um die Spuren der Tränen zu verdecken. Sie weint viel. Anderthalb Jahre wurde Sevil in der Türkei von Bordell zu Bordell gebracht, quer durch alle Urlaubsorte: Istanbul, Bodrum, Antalya. Ihre Peiniger zwangen sie, Drogen zu nehmen. Wenn sie nicht gehorchte, wurde sie mißhandelt - mal mit der heissen Ofenzange, mal mit einem Messer. Sevil schiebt den rechten Ärmel ihres Pullovers nach oben. Eine schwarze Brandwunde kommt am Unterarm zum Vorschein. Dann zeigt sie die linke Hand, die sie bisher unter dem Tisch verborgen hatte. Drei Finger sind verkrümmt. Sie kann sie nicht mehr bewegen. Wahrscheinlich wurden die Sehnen durchschnitten, sagt sie. <br /><br />&quot;Guck mal. Ich kann nicht mal Wäsche waschen. Sie haben mich nicht zum Arzt gelassen. Ich habe das selbst verbunden.&quot;<br /><br />Sevil streicht der Siamkatze über den Rücken, die sich neben ihr auf der Eckbank zusammengerollt hat. Schon seit ein paar Wochen ist sie zurück aus der Türkei, aber in ihre Heimatstadt Gence im Westen Aserbaidschans traut sie sich nicht zurück. Wenn ihre Familie die Wahrheit über sie erfahre, dann würde sie sich umbringen, sagt Sevil. Sie schämt sich. Einen Selbstmordversuch hat sie bereits hinter sich.<br /><br />&quot;Ich könnte nach Gence zurückgehen, aber dort gibt es so viele Gerüchte über mich. Wenn ich den Leuten ins Gesicht schaue, wird mir schlecht. Ich spüre ihre Blicke. Ich bin nicht mehr frei, ich fühle mich schuldig. Aber ich bin doch nicht freiwillig in die Türkei gefahren. Wenn ich das freiwillig gemacht hätte, dann könnte ich den Leuten offen entgegentreten.&quot;<br /><br />Mehriban Zeinalova legt ihr die Hand auf die Schulter. Sevil hat einen Universitätsabschluss, auch sie befand sich, wie so viele Opfer von Menschenhandel, in einer Notsituation: Ihre Mutter war gestorben, und sie hatte sich verschuldet, um die Beerdigung zu finanzieren. Sevil dachte, sie werde in der Türkei auf einer Teeplantage arbeiten. Und auch sie sagte niemandem vor der Abreise Bescheid. Typisch, sagt Mehriban Zeinalova und zieht an ihrer Zigarette. <br /><br />&quot;Menschenhandel rührt nicht nur daher, dass die Frauen keine Arbeit haben. Wir haben noch ein anderes Problem: Dass keiner dem anderen zuhört. Dass niemand Anteil nimmt. Wenn irgendjemand rechtzeitig mit diesen Frauen geredet hätte und ihnen vielleicht einen anderen Ausweg aufgezeigt hätte, dann wären diese Tragödien nicht passiert.&quot; <br /><br />Mehriban Zeinalova steht auf, serviert Kaffee. Frauen, die nicht zu ihrer Familie zurückkönnen, bringt sie kurz entschlossen erst mal bei sich unter. Fast immer sitzt so jemand in ihrer Küche, trinkt Kaffee oder Tee. Reden ist wichtig. Und wenn niemand zum Reden da ist, dann leistet zumindest die Katze Gesellschaft.<br /><br />Als Mehriban Zeinalova Ende der 90er Jahre begann, den Frauenhandel in Aserbaidschan zu thematisieren, wurde sie zunächst von den Beamten beschimpft. Sie verletze die Ehre des aserbaidschanischen Volkes, hieß es von Regierungsseite. Mittlerweile hat sich Mehriban Zeinalova einen Namen gemacht und Respekt verschafft. Einzelne Polizisten, Grenzbeamte und Staatsanwälte, die etwas an der Situation ändern wollen, reden mit ihr, suchen sogar ihren Kontakt. Auch auf politischer Ebene gibt es Fortschritte: 2004 ordnete Staatspräsident Ilham Alijev einen Aktionsplan gegen Menschenhandel an. Und das Parlament von Aserbaidschan hat ein Gesetz verabschiedet, das Menschenhandel unter Strafe stellt.<br /><br />&quot;Damit hat der Staat jetzt wenigstens eingeräumt, dass es ein Problem gibt. Das ist eine Chance. Im Innenministerium gibt es jetzt eine Abteilung zum Kampf gegen Menschenhandel. Bald wird das erste Frauenhaus in Aserbaidschan eingerichtet und ein telefonischer Notdienst. Gemeinsam mit verschiedenen internationalen Organisationen, mit der OSZE, mit der Botschaft der USA und mit der Internationalen Organistion für Migration, werden wir Aufklärungsseminare durchführen. Und wir wollen Krisenzentren eröffnen, in denen Opfer von Menschenhandel psychologisch betreut werden. Natürlich kann ich allein nichts ausrichten. Ich kann 10, 15 Frauen eine Zeit lang unterbringen, aber ich kann ihnen nicht langfristig helfen.&quot;<br /><br /><em>Gebrüder Grimm: Der Räuberbräutigam<br /><br />Nun ging die schöne Braut weiter aus einer Stube in die andere und durchs ganze Haus, aber es war alles leer und keine Menschenseele war zu finden. Endlich kam sie auch in den Keller, da saß eine steinalte Frau. "Könnt Ihr mir nicht sagen", sprach das Mädchen, " ob mein Bräutigam hier wohnt?" - "Ach, du liebes Kind!", antwortete die alte Frau, "du bist in eine Mördergrube gekommen; deine Hochzeit soll mit dem Tod seyn, der Räuber will dich ums Leben bringen. Wenn ich dich nicht rette, bist du verloren!" Darauf versteckte sie das Mädchen hinter ein großes Faß und sprach: "Reg dich und beweg dich nicht, sonst ist´s um dich geschehen: Wann die Räuber schlafen, so wollen wir entfliehen, ich habe auch schon längst fortgewollt".</em><br /><br />Die Täter - das sind die Zuhälter, die Schlepper, die Helfershelfer. Und die Drahtzieher. Sie alle sind die Profiteure dieses unmenschlichen Geschäftes mit der Ware Frau. Menschenhandel ist zu einer gigantischen Einnahmequelle für die organisierte Kriminalität geworden - der Profit ist nach Einschätzung des Europarates in den letzten Jahren um 400 Prozent gestiegen. Das Gesamtvolumen dieses schwärzesten aller schwarzen Märkte wird auf 15 Milliarden Dollar geschätzt, die zumeist gleich wieder in dunkle Kanäle fließen, in Drogen- und Waffengeschäfte zum Beispiel. Der Frauenhandel ist zur Basis für ein konspiratives Wirtschaftssystem geworden, das sich eines engmaschigen kriminellen Netzes bedient.<br /><br />Und die Nachfrage scheint unstillbar zu sein: Die Netzwerke des Menschenhandels sind in letzter Zeit immer flexibler geworden, heißt es in einem EU-Bericht, schneller, effizienter: Die Szene reagiert geschickt auf Hindernisse, Razzien der Polizei zum Beispiel oder Kontrollen der Grenzbehörden. Die Szene verändert permanent ihre Arbeitsweise. Sie weicht auf immer neue Handelsrouten aus. Polizisten und Kriminalbeamte sind diesem Maß an krimineller Energie nicht gewachsen. Und ihre Möglichkeiten sind begrenzt, weiß der Georgier Zaza Babunaschwili.<br /><br /><strong>Ein Grenzübergang im Fokus einer NGO: Der Menschenhandel zwischen Georgien und der Türkei</strong><br /><br />Am georgisch-türkischen Grenzübergang bei Sarphi schwappt das Schwarze Meer träge gegen das felsige Ufer. Es ist früh am Vormittag. Die Limonade- und Schaschlik-Verkäufer auf der georgischen Seite stehen noch untätig herum. Am Brunnen spült eine Frau Geschirr, eine andere fegt Laub und Müll zusammen. "Handelszentrum" stand mal über dem Ensemble aus Kiosken und kleinen Läden, auf georgisch, auf russisch und auf englisch. Mit der Zeit sind Buchstaben heruntergefallen, der Schriftzug ist in keiner der drei Sprachen mehr vollständig. <br /><br />Auf der georgischen Seite warten gut zwei Dutzend LKW. Ihre Ziele: Trabzon, Istanbul, München. Alle fünf Minuten öffnet sich das Rolltor zu der mit westlichen Geldern modernisierten Grenzanlage, dann rückt ein Fahrzeug nach. Waren und Menschen aus dem ganzen Südkaukasus, aus dem Iran und aus Zentralasien passieren diesen Grenzübergang in Richtung Westen. Ein Kleinbus fährt vor. Etwa zehn Leute steigen aus, nehmen ihr Gepäck und eilen zum Rolltor.<br /><br />Zaza Babunaschwili steht auf dem Parkplatz und beobachtet die Szenerie. Er fällt nicht weiter auf in seiner Jeans und der Lederjacke. Aufmerksam blickt er der Gruppe aus dem Kleinbus hinterher. Die verschwindet im Kontrollhäuschen.<br /><br />&quot;Die Grenzer hier wissen schon sehr viel über Menschenhandel. Denn hier gehen viele Frauen über die Grenze. Das Problem ist, dass die meisten Frauen gültige Papiere haben. Sie sind ganz normal gekleidet, und man kann nicht erkennen, ob sie Opfer von Menschenhandel sind.&quot;<br /><br />Zaza Babunaschwili geht zu seinem Auto. Auf der Fahrertür klebt ein Emblem: Zwei Menschen, die sich aneinander festhalten. Es ist das Symbol von "Tanadgoma". Das heißt "Schulter an Schulter". Die Organisation kämpft in Georgien gegen Menschenhandel, und Zaza Babunaschwili, Chefarzt einer Lungenklinik, hilft den Opfern, die aus der Türkei zurückkommen. Er tut das ehrenamtlich, betreut sie psychologisch und medizinisch, versorgt sie mit Kleidung und einer warmen Mahlzeit.<br /><br />Babunaschwili holt einen Stapel mit Plakaten aus dem Kofferraum. Eine Frau ist darauf zu sehen, die von einer dunklen Gestalt weggezerrt wird. Ein Dritter, gleichfalls im Dunkeln, zählt ein Bündel Dollarnoten. Darüber die Warnung: "Werden Sie kein Sklave! Sie sind keine Ware!"<br /><br />&quot;Wir haben die Plakate hier an der Grenze verteilt, und wir haben mit den Grenzern gesprochen und sie fortgebildet. Aber die Grenzbeamten können nicht viel tun. Sie können ja nicht einfach alle Frauen ansprechen, die rüber in die Türkei fahren. Sie kontrollieren den Pass, und wenn der in Ordnung ist, dann ist es damit auch getan. Gut, sie könnten unsere Broschüren verteilen. Unsere Plakate hängen auch schon bei der Passkontrolle. Aber die Reisenden sind an der Grenze mit anderen Dingen beschäftigt. Wenn sie nicht gerade lange vor der Kontrolle anstehen müssen, dann beachten sie die Plakate nicht.&quot;<br /><br />Babunaschwili rollt den Stapel mit dem Material zusammen. Seine Organisation wird deshalb vor allem dann aktiv, wenn die Frauen zurückkommen. Immerhin benachrichtigten die Grenzbeamten ihn inzwischen, erzählt der Arzt.<br /><br />&quot;Auf dem Rückweg sind die Opfer leicht zu erkennen. Meist sind sie auffällig gekleidet, mit dem, was sie bei der Flucht gerade trugen. Sie reisen ohne Gepäck, und sie sind sehr niedergeschlagen. <br /><br />Einmal wurden wir aus Armenien angerufen und gefragt, ob wir eine Frau hier an der Grenze abholen und ihr helfen können. Wir haben sie hier in Empfang genommen, nach Tiflis begleitet und von dort mit dem Auto zur georgisch-armenischen Grenze gebracht. Ein anderes Mal war eine Delegation von uns in der Türkei. Bei der Gelegenheit haben uns türkische Polizisten ein aserbaidschanisches Mädchen, das aus dem Bordell geflohen war, übergeben. Wir haben sie über die Grenze gebracht und weiter zu unseren Kollegen nach Tiflis geschickt.&quot;<br /><br />Mittlerweile steht eine kleine Schlage vor dem Grenzübergang. Der Platz vor den Kiosken hat sich belebt. Die Frau, die vorhin Geschirr gespült hat, wäscht nun Fisch. <br /><br />&quot;Dass wir hier so eine Situation haben mit dem Menschenhandel, das ist mir peinlich, und ich schäme mich dafür. Wir, alle die hier leben, müssen gemeinsam alles tun, damit das aufhört - oder wir müssen zumindest das Risiko minimieren, dass jemand Opfer von Menschenhandel werden kann.&quot;<br /><br /><em>Da kamen die Räuber heim und führten eine andere Jungfrau mit, waren trunken, und hörten nicht ihr Schreien und ihr Jammern. Sie gaben ihr Wein zu trinken, drei Gläser, ein Glas weißen Wein, ein Glas roten und ein Glas gelben, davon zersprang ihr das Herz. Darauf rissen sie ihr die feinen Kleider ab, legten sie auf einen Tisch und zerhackten ihren schönen Leib in Stücke und streuten Salz darüber. Da ward der Braut hinter dem Fass Angst, als müsste sie nun auch sterben. Und einer sah, dass an dem kleinen Finger der Gemordeten ein goldener Ring war, und weil er sich nicht gut abziehen ließ, nahm er ein Beil und hieb den Finger ab, aber der Finger sprang in die Höhe und fiel hinter das Faß, der Braut gerade in den Schoß. Der Räuber nahm ein Licht und suchte danach, konnte ihn aber nicht finden, da sprach ein anderer: "Hast du auch schon hinter dem großen Faß gesucht? " - "Ei", rief die alte Frau, "kommt und esst, und lasst das Suchen bis morgen, der Finger läuft euch nicht fort."</em><br /><br />Frauenhandel in Europa: Es sei höchste Zeit, sich stärker um die Prävention zu kümmern, sagt auch das Europäische Parlament. Positive Beispiele dafür gibt es. In Georgien etwa, wo die Internationale Organisation für Migration mit Plakaten auf das Problem aufmerksam macht und in Beratungsstellen persönlich informiert. Oder in der Ukraine, wo sich private Organisationen schon seit vielen Jahren an Mädchen und Frauen wenden, um ihnen die Augen zu öffnen und vor den Risiken dubioser Angebote zu warnen. Hier weiß fast jedes Kind, worum es geht: Die Aufklärung beginnt dort bereits bei Jugendlichen – ohne jedes Tabu.<br /><br /><strong>Theater gegen Menschenhändler: Jugendliche in Kiew wissen, worum es geht</strong><br /><br />Abends in einer Schulaula in Kiew. Bänke und Tische sind zur Seite geräumt. Neonröhren erleuchten den Raum. Vor der Bühne schart sich eine Gruppe Jugendlicher um eine junge Frau. Zwischen 14 und 16 Jahren sind sie alt, die meisten in Jeans und T-Shirts, die Mädchen bauchfrei.<br /><br />Die Jugendlichen gehören zu einer Organisation, die sich "Schule für Chancengleichheit" nennt. Die Organisation gibt es in der gesamten Ukraine. Die "Schule für Chancengleichheit" klärt über die Gefahren von Drogen, Aids und Menschenhandel auf, und das unter anderem mit Theaterstücken. Die Kiewer Gruppe probt für einen Auftritt auf dem Majdan, dem Platz im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt. Olja, die Leiterin, springt wie ein Derwisch zwischen den Schülern hin und her, fuchtelt mit den Armen, teilt Positionen ein. Die Studentin arbeitet seit sechs Jahren für die Organisation.<br /><br />&quot;Die Schüler stellen Vögel dar, schwarze, graue, weiße. Das ist alles sehr symbolisch. Das da sind Chamäleons. Chamäleons, weil sie von hinten weiß sind und von vorn schwarz. Aber das ist anfangs nicht zu sehen, zuerst sieht man nur die weißen Rücken. Die schwarzen Vögel symbolisieren Menschenhändler. Die grauen Vögel waren schon mal versklavt und agieren jetzt als Anwerber. Und die weißen Vögel, das sind unschuldige ganz normale junge Leute, die ins Ausland fahren, um Geld zu verdienen. Schauen wir uns das mal an.&quot;<br /><br />Die Schwarzen sind die Menschenhändler, die Grauen ihre Zuarbeiter, die weißen Vögel ihre Opfer. Ein Mädchen und ein Junge legen sich auf den Boden. Beide sind in tiefes Schwarz gekleidet. Zwei Mädchen stellen sich daneben - im Grau der Anwerber. Sechs andere treten vor sie, bilden eine Reihe, mit dem weißen Rücken zum Publikum: Die Chamäleons. Erst später werden sie sich umdrehen und ihr wahres, ihr schwarzes Gesicht zeigen. Ganz vorn beginnen vier Mädchen einen Tanz. Graziös recken sie die Arme, bilden Paare, drehen sich. Die weißen Mädchen heben die kleinste von ihnen in die Luft.<br /><br />Immer wieder gehen die Blicke der Schauspieler an die Fensterfront. Dort steht Irina Konchenkova, die Leiterin der "Schule für Chancengleichheit". Ihre blauen Augen leuchten. Mit dem Stück über Menschenhandel seien sie schon in der ganzen Ukraine und in Moskau aufgetreten, erzählt sie. Jetzt wurde die Gruppe nach Japan und nach Thailand eingeladen.<br /><br />&quot;Es ist wichtig, das Thema Menschenhandel schon mit Jugendlichen zu behandeln. Denn die Opfer werden immer jünger. Sogar dreijährige oder zehnjährige Kinder werden verkauft. Kinder denken oft, ihnen könne nie etwas Schlimmes passieren. Sie denken zum Beispiel: Ja, AIDS kann jeder kriegen, aber ich nicht. Oder: Ja, Drogen sind eine Gefahr, aber nicht für mich. Oder: Sklavenarbeiter kann jeder werden, aber mich betrifft das nicht. Deshalb kann man den Kindern gar nicht oft genug sagen: Das kann auch dir passieren.&quot;<br /><br />Die weißen Tänzerinnen rücken verstört zusammen. Hände greifen nach ihnen, schwarze und weiße, bis sich die Häscher, die Chamäleons, umdrehen und sich als Komplizen der Sklavenjäger zu erkennen geben. Olja gestikuliert.<br /><br />&quot;Das ist der Wendepunkt. In diesem Moment zeigt sich, dass die Chamäleons in Wirklichkeit auch schwarz sind. Ihre Gesichter werden schwarz geschminkt sein. Die, die erst weiß aussahen, entpuppen sich jetzt als schwarz.&quot;<br /><br />Aljona spielt einen schwarzen Vogel, einen Menschenhändler. Die schlanke 14jährige trägt ihr langes braunes Haar offen, sie hat leichten Lidschatten aufgelegt.<br /><br />&quot;Ich bin eher ein pessimistischer Typ. Ehrlich gesagt, finde ich es viel einfacher, in die Rolle eines bösen Menschen zu schlüpfen, als ein schönes weißes Vögelchen zu spielen. Harte Bewegungen fallen mir leichter. Als wir vor unseren Eltern aufgetreten sind, haben viele von ihnen furchtbar geweint. An den Reaktionen der Zuschauer merken wir, wie sehr sie das Stück mitnimmt. Sogar die Jungs, die sich sonst für nichts interessieren, saßen mit roten Augen da.&quot;<br /><br />Schwarze Tänzer und Chamäleons bilden nun gemeinsam einen Kreis um die vier weißen. Die versuchen auszubrechen, recken die Hände, rennen gegen die Wand aus Menschen, doch der Kreis wird immer enger, zieht sich zusammen. Die Bösen drücken die Eingeschlossenen mit den Händen nieder. Das Ende.<br /><br />&quot;Wir haben zwei Requisiten: Ein riesiges schwarzes Tuch, damit bedecken sie an dieser Stelle die Weißen, und ein grobmaschiges Fischernetz. Zwei Leute werden hier vorn stehen und das Netz spannen. Und jetzt wechselt die Musik, und dann versucht ein weißes Vögelchen, sich zu befreien. Es stößt gegen das Netz, müht sich und müht sich, und mit letzter Kraft gelingt es ihm. Es versucht, sich in der Freiheit zurechtzufinden, aber es ist zu schwach. Und dann erstarrt es irgendwann und fällt um.&quot;<br /><br />Nach einer guten Stunde ist die Probe vorbei. Olja ist zufrieden. Dafür, dass die Gruppe das Stück mehrere Wochen nicht aufgeführt hat, sei es ganz gut gelaufen.<br /><br />Vladik rückt Stühle und Tische wieder an ihren Platz, streift sich seine Jacke über und macht das Licht aus. Für seine 14 Jahre wirkt er viel zu erwachsen. Seine Rolle gibt ihm zu denken.<br /><br />&quot;Das Chamäleon ist eine interessante Rolle. Denn wir sehen solche Leute jeden Tag: Menschen, die käuflich sind. Heute sind sie so, morgen sind sie ganz anders. Das erlebt man sogar in der Schule: Erst sind sie ganz freundlich, und auf einmal kriegt man mit, wie schlecht sie sind. Und man ist sehr entäuscht von ihnen. Wir leben jetzt in einer Welt, in der einem alles passieren kann, in jedem Alter, in jedem Land. Deshalb muss jeder über Menschenhandel Bescheid wissen, unabhängig vom Alter. Damit jeder achtsam ist.&quot;<br /><br /><em>Als nun der Tag kam, wo die Hochzeit sollte gehalten werden, erschien der Bräutigam, der Müller aber ließ alle seine Verwandte und Bekannte einladen. Wie sie bei Tische saßen, ward einem jeden aufgegeben, etwas zu erzählen. Da sprach der Bräutigam zur Braut: "Nun, mein Herz, weißt Du nichts? Erzähl uns auch etwas". Sie antwortete: "So will ich einen Traum erzählen. Ich ging durch einen Wald und kam an ein Haus, da war keine Menschenseele darin, aber ein Vogel im Bauer rief zweimal:<br /><br /> "Kehr um, kehr um, du junge Braut,<br /> du bist in einem Mörderhaus".<br /><br />Mein Schatz, das träumte mir nur. Da ging ich durch alle Stuben, die waren alle leer, bis ich in den Keller kam, wo eine steinalte Frau saß. Ich sprach: "Wohnt mein Bräutigam hier? " Sie aber antwortete: "Ach! Du liebes Kind, du bist in eine Mördergrube gekommen. " Aber sie versteckte mich hinter ein großes Faß und kaum war das geschehen, so kamen die Räuber heim und schleppten eine Jungfrau mit sich, der gaben sie dreierlei Wein zu trinken: weißen, roten und gelben, davon zersprang ihr das Herz. Und einer von den Räubern sah, dass an dem Finger noch ein Ring steckte, und weil er schwer abzuziehen war, nahm er ein Beil und hieb ihn ab, aber der Finger sprang in die Höhe und sprang hinter das große Faß, und fiel mir gerade in den Schoß und da ist der Finger mit dem Ring." Bei diesen Worten zog sie ihn hervor und zeigte ihn den Anwesenden. Der Räuber, als er das sah und hörte, wurde vor Schrecken kreideweiß und wollte entfliehen, aber die Gäste hielten ihn fest, und überlieferten ihn dem Gericht. Da wart er und die ganze Bande für ihre Schandtaten gerichtet.</em><br /><br />Im richtigen Leben gehen die Geschichten von Frauenschändern und ihren Opfern selten so gut aus wie im Märchen der Gebrüder Grimm. Oft sind es die Frauen, die bestraft und abgeschoben werden - weil sie gegen Ausländerrecht und Einwanderungsbestimmungen verstoßen haben. Die Frauen dürfen nicht länger kriminalisiert werden, fordert deshalb die UNO - im Gegenteil: Es gelte, sie aus der Illegalität herauszuholen und ihnen zu helfen, wenn sie bereit sind, gegen ihre Peiniger auszusagen. <br /><br />Tatsächlich sind die betroffenen Frauen hierzulande rechtlich schon viel besser gestellt als noch vor wenigen Jahren: Wer redet, darf in der Regel bleiben. Und wer in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen wird, darf arbeiten. Doch es bleibt noch viel zu tun - noch fehlt ein umfassendes Konzept, das Prävention, Strafverfolgung und Opferschutz gleichermaßen einschließt. Viele Experten fordern mehr Rechte für die betroffenen Frauen. Einen Rechtsanspruch, um hier zu bleiben. Und Hilfestellung für all jene, die in ihre Heimat zurückkehren wollen.<br /><br />Darum kümmert sich im ukrainischen Odessa eine Organisation, die sich Vera, Nadeschda, Ljubov nennt: Glaube, Hoffnung, Liebe. Die Mitarbeiter wissen, dass dem Menschenhandel nicht beizukommen ist, wenn Täter und Opfer keinerlei Alternativen haben. Und so wissen die Mitarbeiter auch, wie wichtig Hilfestellung ist, um in den Alltag zurückzufinden. <br /><br /><strong>Vera, Nadeschda, Ljubov – Glaube, Hoffnung, Liebe: Ein Reintegrationsprojekt für zurückgekehrte Frauen in Odessa</strong><br /><br />Marya Didenko sitzt in einer Küche. In der linken Hand hält sie den Telefonhörer, in der rechten eine lange dünne Zigarette. Ihr langes hellblondes Haar hat sie zu einem Zopf geflochten. Es ist spät am Nachmittag und bereits der achte Anruf bei der Hotline an diesem Tag. Marya Didenko hat es mit immer den gleichen Fragen zu tun. Die Ukrainer sind vorsichtig geworden.<br /><br />Die Anruferin will in die USA reisen, um dort als Zimmermädchen zu arbeiten. <br /><br />&quot;Manchmal geben wir den Anrufern die Telefonnummern der Botschaften in Kiew. Wer dort anruft, erfährt hundertprozentig, dass es so gut wie unmöglich ist, mit 47 Jahren legal in die USA einzureisen, um dort als Zimmermädchen zu arbeiten.&quot;<br /><br />Marya Didenko fragt die Anruferin nach ihrem Alter und nach ihren Sprachkenntnissen und rät ihr schließlich ab.<br /><br />&quot;Wenn einer Frau angeboten wird, als Kindermädchen zu arbeiten, sie dazu nicht mal Sprachkenntnisse haben muss, ihr aber trotzdem die Papiere, der Flug und die Versicherung bezahlt werden, dann ist doch klar, dass da etwas nicht stimmt. Denn als Kindermädchen muss man mit Kindern sprechen können. Und wenn eine Frau die Sprache nicht können muss, sollte sie sich mal überlegen, was sie wirklich im Ausland erwartet.&quot;<br /><br />Marya Didenko drückt die Zigarette aus.<br /><br />&quot;Wir empfehlen den Anruferinnen, in jedem Fall Sicherheitsmaßnahmen zu treffen, bevor sie ins Ausland fahren. Eine Frau sollte ihren Pass kopieren und die Kopie bei Verwandten hinterlegen; sie sollte auch für sich selbst die Papiere kopieren; sie sollte den Namen der einladenden Organisation prüfen; und sie sollte sich im voraus die Adressen der ukrainischen Botschaft im Ausland besorgen.&quot;<br /><br />Es geht darum, andere einzuweihen, den Mantel des Schweigens zu lüften. Zwei Kolleginnen kommen herein, und mit ihnen ein roter Kater. <br /><br />Marya Didenko arbeitet für die Organisation "Vera, Nadeschda, Ljubov". Drei Frauennamen, auf deutsch "Glaube, Hoffnung, Liebe", auf russisch abgekürzt "Vernel". So heißt auch der Kater, der hungrig ist und deshalb gebannt auf die Kühlschranktür starrt.<br /><br />"Vera, Nadeschda, Ljubov" ist eine der profiliertesten Organisationen, die sich in der Region um die Hafenstadt Odessa mit dem Thema Menschenhandel beschäftigt. Und "Vera, Nadeschda, Ljubov" hilft Frauen, die bereits üble Erfahrungen gemacht haben und zurückgekehrt sind. Bis zum Hafen von Odessa sind es nur wenige hundert Meter. Zwei mal pro Woche legt dort die Fähre aus der Türkei an, fast immer sind Opfer von Menschenhandel dabei - mal eine, mal fünf, mal acht Frauen, erzählt Marya Didenko. Sie stammen aus der Ukraine, aus Moldau, aus Russland, auch aus Zentralasien. Oft haben sie mehrere Wochen in türkischer Abschiebehaft hinter sich. Sie nehmen die Fähre über das Schwarze Meer nach Odessa, weil das der billigste Weg ist, die Türkei zu verlassen. <br /><br />&quot;Die Grenzpolizisten rufen uns an, wenn Frauen im Hafen ankommen, und sagen: Wir brauchen euch, nur ihr könnt diesen Frauen helfen. Für Ausländerinnen haben wir ein Transitzentrum. Dort bekommen sie zu essen, einen Schlafplatz, und, wenn nötig, Medikamente und warme Kleidung. Und wir kaufen ihnen eine Fahrkarte nach Hause. Minderjährige, Schwangere oder Kranke begleitet unsere Sozialarbeiterin in ihr Heimatland und übergibt sie dort in die Hände unserer Partnerorganisationen.&quot;<br /><br />Für die Ukrainerinnen unter den Opfern hat "Vera, Nadeschda, Ljubov" ein eigenes Zentrum eingerichtet. Dort werden die Frauen psychologisch und medizinisch betreut, und sie bekommen seit neuestem auch die Möglichkeit, sich um einen Beruf zu kümmern. Denn viele von ihnen haben keine Ausbildung und deshalb auch keine Aussicht auf einen akzeptablen Job. Olga Kostjuk mischt sich ein. Die resolute Mitvierzigerin sitzt auf der Eckbank, auch sie raucht lange dünne Zigaretten. Die Juristin hat "Vera, Nadeschda, Ljubov" mitgegründet.<br /><br />Die Frauen führen ja nicht ins Ausland, um sich zu prostituieren, sondern, um Geld zu verdienen. Ohne Armut gäbe es weniger Menschenhandel, meint sie.<br /><br />&quot;Den Frauen schnell zu helfen und sie dann ins Nichts zu entlassen, sie erst psychologisch zu betreuen, um sie dann dorthin zurück zu schicken, wo sie hergekommen sind - das bringt nichts. Weil sie dann mit den gleichen Problemen wieder da sitzen und wieder einen Ausweg aus ihrer Not suchen müssen.&quot;<br /><br />"Vera, Nadeschda, Ljubov" hat deshalb damit begonnen, Ausbildungsbetriebe einzurichten. In ihnen sollen Opfer des Menschenhandels eine Chance für einen Neuanfang erhalten. Olga Kostjuk holt einen Schlüsselbund hervor und verläßt ihr Büro. Ihr Weg führt sie in einen Vorort von Odessa, in das Souterrain eines Plattenhochhauses. Drinnen riecht es nach Farbe.<br /><br />&quot;Hier ist ein Waschbecken, hier ein Sessel für die Pediküre, und da sind die Frisierstühle. Im Prinzip können hier sechs Leute arbeiten, aber wenn sie sich in zwei Schichten aufteilen, sind es zwölf. Wir werden das so machen: Auf jeweils eine ausgebildete Friseurin kommt eine Praktikantin. Gefällt es Ihnen?&quot;<br /><br />Der Salon ist gerade eingerichtet worden und soll in einer Woche eröffnet werden. An den Wänden rennen Kakerlaken entlang, aufgeschreckt vom plötzlichen grellen Licht. Die Kunden werden die Geschichten der Frauen nie erfahren, versichert Olga Kostjuk und setzt sich auf ein Sofa. <br /><br />&quot;Ich sage Ihnen, warum wir das hier machen. Die meisten Frauen, die Opfer von Menschenhandel werden, kommen aus Dörfern und kleinen Städten, in denen es schwer ist, Arbeit zu finden. Bei uns besuchen sie erst einen Theoriekurs, und dann können sie hier Praxiserfahrung sammeln. Später können wir sie unterstützen, wenn sie einen eigenen Salon aufmachen wollen. Wir können ihnen vielleicht Minikredite gewähren.&quot;<br /><br />Der Haken bei der Sache: Nur ein Bruchteil der Frauen hat die Gelegenheit, an diesen Projekten teilzunehmen. Für mehr reicht das Geld nicht. Olga Kostjuk richtet sich auf. Sie will sich davon nicht den Schwung nehmen lassen.<br /><br />&quot;Ich glaube, das ist zumindest ein guter Anfang. Das hier ist das, wovon wir immer geträumt haben. Ich möchte, dass die Frauen in unserem Land auf eigenen Füßen stehen können. Ich möchte, dass sie nur ins Ausland fahren, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen und Urlaub zu machen. Ihren Lebensunterhalt sollen sie in unserem Land bestreiten können.&quot;<br /><br /><strong><em>Literatur:</strong><br />"Der Räuberbräutigam" (Auszüge). Aus: Grimms Kinder- und Hausmärchen. Nach der zweiten vermehrten und verbesserten Auflage von 1819, textkritisch revidiert und mit einer Biographie der Grimmschen Märchen versehen. Herausgegeben von Heinz Rölleke (Lizenzausgabe). Eugen Diederichs Verlag, München 1982, Band 1. </em></p>

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