Dienstag, 23.01.2018

Warnstreiks der IG MetallMaß bewahren

Es könnte sein, dass die mächtigste Gewerkschaft die deutsche Gesellschaft mit ihrer Forderung nach Arbeitszeitverkürzung mehr verändern werde als eine neue Bundesregierung, kommentiert Klemens Kindermann. Wenn sie dies mit Augenmaß und Verantwortung tue, dann werde daraus eine Erfolgsgeschichte.

Von Klemens Kindermann

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Mitarbeiter der "Leoni Special Cable" stehen in Friesoythe bei einem Warnstreik vor dem Werkstor.  (dpa-Bildfunk / Mohssen Assanimoghaddam)
Die Gewerkschaft wäre gut beraten, Kompromisse vorzubereiten, meint Klemens Kindermann (dpa-Bildfunk / Mohssen Assanimoghaddam)
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Während in Berlin die Alchemisten einer neuen Großen Koalition noch zaghaft in den Töpfen rühren, überzieht die IG Metall ganz Deutschland seit heute mit Warnstreiks. Entschlossen, wohlorganisiert und mit gefüllten Streikkassen. Es könnte sein, dass die mächtigste Gewerkschaft die deutsche Gesellschaft mit ihrer Forderung nach Arbeitszeitverkürzung mehr verändern wird als eine neue Bundesregierung. Wenn sie dies mit Augenmaß und Verantwortung tut, dann wird daraus eine Erfolgsgeschichte, wie sie die Gewerkschaften mit anderen Errungenschaften wie der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder der Gewährung von festem Urlaub in der Vergangenheit bereits erreicht haben.

Denn die IG Metall greift zwei Grundbedürfnisse auf: Die nach 1980 Geborenen, die sogenannte Generation Y, setzt vielfach andere Prioritäten, nämlich keine Karriere um jeden Preis, dafür Familie und Kinder als Lebensmittelpunkt. Auch Selbstverwirklichung. Und: Die deutsche Gesellschaft lebt im Alter immer länger. Die, die jetzt noch im Beruf stehen, müssen sich vielfach um ihre Angehörigen kümmern und wollen dafür Arbeitszeit reduzieren. Auch hier greift die IG Metall-Forderung.

Die Gewerkschaft wäre gut beraten, Kompromisse vorzubereiten

Auf ihrem fortschrittlich vorausgedachten Weg in die Zukunft sollte sich die IG Metall aber ihrer Verantwortung bewusst sein: Scheitert sie in dem mit vier Millionen Beschäftigten größten Industriezweig, wäre die Umorganisation der Arbeitswelt bis auf weiteres vom Tisch. Eine neue Große Koalition, die es schon in der letzten Auflage nicht schaffte, das Recht der Rückkehr von Teil- in Vollzeit zu verankern, würde hier nichts mehr bewirken.

Dass auch eine mit großer Härte geführte Tarifauseinandersetzung letztlich scheitern kann, müsste der IG Metall noch deutlich vor Augen stehen, seitdem sie beim letzten Streik 2003 die 35-Stunden-Woche auch im Osten nicht erzwingen konnte. Die Gewerkschaft wäre gut beraten, Kompromisse vorzubereiten. Einer könnte darin bestehen, dass die Arbeitgeber nicht auch noch mit einem Lohnausgleich dafür zahlen müssen, wenn sie das Recht auf zeitweise Arbeitszeitreduzierung einräumen. Hier lauert ohnehin der Vorwurf einer Diskriminierung der Beschäftigten, die im Betrieb genau so viel arbeiten, aber keinen Zuschuss erhalten. Wenn die IG Metall klug ist, bewahrt sie das Maß und wird am Ende als diejenige Kraft dastehen, die die wirklichen Bedürfnisse der Gesellschaft aufgreift, mehr noch als das brodelnde Berlin.  

 

Klemens Kindermann (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Klemens Kindermann (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Klemens Kindermann ist seit 2009 Abteilungsleiter Wirtschaft und Gesellschaft beim Deutschlandfunk. Von 1991 bis 1997 war er Redakteur und Korrespondent der Deutsche Presse-Agentur (dpa). Danach wechselte er 1997 zur Wirtschafts- und Finanzzeitung "Handelsblatt", wo er als Fachredakteur, Desk-Chef im neu geschaffenen Newsroom und ab 2004 als stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft & Politik tätig war.

 

 

 

 

      

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