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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWarnung vor Militärschlag gegen Teheran07.05.2012

Warnung vor Militärschlag gegen Teheran

Michael Lüders: Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine Zukunft verspielt, Verlag C.H. Beck

Hätte der Iran eine Atombombe, wäre das für den Westen gefährlich, vor allem aber für Israel. Und so hält sich die Regierung Netanjahu die Option eines Militärschlags offen. Michael Lüders warnt davor, den Iran zu dämonisieren. In seiner Streitschrift "Iran. Der falsche Krieg" fordert er Diplomatie mit Teheran auf Augenhöhe.

Von Gemma Pörzgen

Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad zeigt Siegeszeichen (picture alliance / dpa / EPA/STRINGER)
Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad zeigt Siegeszeichen (picture alliance / dpa / EPA/STRINGER)

"Der Iran-Krieg wäre eine Katastrophe, seine Folgen könnten dieses Jahrhundert prägen wie der Erste Weltkrieg das vorige geprägt hat",

warnt der Nahost-Experte Michael Lüders im Vorwort seines Buches. Er hält es für völlig unrealistisch, dass Teheran Israel angreift. Er rechnet dagegen fest mit einem israelischen Militärschlag gegen den Iran. Um diese These mit guten Argumenten zu bekräftigen, hat der Autor eindrucksvoll recherchiert. Eine zentrale Rolle spielt für ihn dabei das hoch komplizierten Beziehungsgeflecht zwischen Israel, den USA und der dortigen Israel-Lobby, das er ausführlich beschreibt. Hier liegt der Ausgangspunkt für sein neues Buch "Iran. Der falsche Krieg", von dem er hofft, dass es in Deutschland eine differenziertere Debatte über das heutige Verhältnis zu Israel anstoßen möchte.

"Wir sehen mehrheitlich in der Politik, auf der Ebene der Leitartikel, Israel als einen bedrohten Staat, als einen David, der sich gegen verschiedene Goliathe in der Region zur Wehr zu setzen habe. Was Israel an problematischer Politik betreibt, insbesondere unter der jetzigen Regierung Netanjahu, wird weitgehend ausgeblendet. Und da wir nicht die Angewohnheit haben, in der Politik und auf der Ebene der Leitartikler die Dinge differenzierter zu betrachten, erscheint uns der bloße Gedanke, dass Israel ein anderes Land angreifen könnte, geradezu abwegig, völlig absurd. Aber unser Denken bewegt sich in eine falsche Richtung. Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, ob das passieren könnte. Übrigens in Israel selbst wird darüber mit einer sehr viel größeren Offenheit diskutiert als bei uns."

Anlass für das Buch war ein persönliches Erlebnis. Lüders hatte an einer Talkrunde im Fernsehen über den Iran-Krieg teilgenommen, bei der sich ein israelischer Mitstreiter, ein US-Journalist und eine Exil-Iranerin erstaunlich einig waren, dass ein Militärschlag gegen Iran notwendig sei, um das Atomprogramm zu stoppen. Nur Lüders war gegenteiliger Ansicht. Er machte deutlich, dass ein solcher Angriffskrieg gegen Teheran völkerrechtswidrig sei und die Folgen unkalkulierbar.

"Ich war selber überrascht, dass ich über 150 E-Mails bekommen habe, von Zuschauern, die mir gesagt haben: Mensch, danke für Ihren Mut, Klartext zu reden. Ich habe auch danach mich immer wieder kritisch geäußert zu diesem Themenkomplex Israel und Iran und habe versucht, eine etwas andere Perspektive einzunehmen, und jedes Mal war die Resonanz unendlich viele E-Mails von Leuten, die mich gebeten haben bitte weiter diesen kritischen Kurs einzunehmen, weil es offenbar bei vielen Menschen die Sorge gibt, da könnte uns etwas ins Haus stehen, dass wir komplett unterschätzen. Viele haben auch einfach Angst vor einem solchen Krieg."

Für diese Leser hat Michael Lüders nun das Buch geschrieben, in dem er die Rolle der USA ebenso beleuchtet wie die Interessen Israels. Sehr lesenswert ist das Kapitel über den Iran, in dem Lüders eine vorzügliche Rückschau von 1953 bis heute bietet. Er analysiert darin anschaulich die heutigen Machtverhältnisse als feines Beziehungsgeflecht aus Seilschaften und Netzwerken, die für westliche Beobachter kaum zu durchschauen sind. Dabei ist seine Schilderung von einem angenehmen Bemühen um Sachlichkeit geprägt. Er schreibt:

"Die meisten Iraner sind glühende Patrioten, und selbst ausgewiesene Regimegegner hätten in dem Fall eines Krieges keine andere Wahl als sich hinter die politische Führung zu stellen. Für Ahmadinedschad und die Hardliner wären Bomben auf den Iran ein Gottesgeschenk."

Der Islamwissenschaftler hält positive Effekte eines Militärschlags deshalb für Wunschdenken westlicher Politiker und Publizisten:

"Also ein Angriff auf den Iran wäre nicht nach zwei bis drei Wochen beendet, wie es die Kriegsbefürworter behaupten. Sie glauben das morsche Regime würde dann nach zwei, drei Wochen des Bombardements in sich zusammenstürzen. Dann würde die Demokratiebewegung die Macht ergreifen. Dann hätte man gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, das Atomprogramm beendet und Demokratie an der Macht. Das alles ist, mit Verlaub, Unsinn. Es würde ein Angriff auf den Iran die Region in Brand setzen."

Anschaulich beschreibt der Wissenschaftler, wie ein Militärschlag gegen Teheran nicht auf das angegriffene Land beschränkt bleibt, sondern sich über Libanon, Saudi-Arabien und Afghanistan in einer Kettenreaktion von Konflikten bis nach Europa ausdehnen könnte – ein rasanten Anstieg des Ölpreises inbegriffen. Dabei lässt Michael Lüders die schwierige Frage nicht aus, ob Deutschland sich nicht durch das Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Israel im Kriegsfall zur Seite zu stehen, zu einseitig festgelegt hat:

"Wenn wir also Kriegspartei werden auf Seiten Israels gegen den Iran, wird uns Iran als ein Krieg führendes Land wahrnehmen. Da Iran nicht über dieselben Waffen verfügt wie die westlichen Staaten, wird der Iran reagieren mit Terroranschlägen, in den Ländern, die Israel unterstützen. Das hätte natürlich verheerende Folgen für Deutschland. Wir sind ohnehin eine verängstigte Gesellschaft. Das würde die Innenpolitik zum Kochen bringen, es würde das Zusammenleben von Menschen mit verschiedenen Kulturen ganz enorm erschweren."

Eine Schwäche in der Argumentation des Islamwissenschaftlers ist allerdings die scheinbare Zwangsläufigkeit der von ihm geschilderten Entwicklung. Was also, wenn es gar nicht zu einem Angriff Israels auf den Iran kommt? Eine befriedigende Antwort darauf, gibt das Buch nicht. Michael Lüders:

"Ich will das wirklich hoffen, dass es nicht zu diesem Krieg kommt. Präsident Obama will diesen Krieg nicht. Das ist völlig klar. Er hat aber große Schwierigkeiten die israelische Regierung davon zu überzeugen, nicht anzugreifen."

Michael Lüders hat mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag zur Fortführung der Debatte verfasst, die der Schriftsteller Günther Grass über die Gefahr eines möglichen Iran-Krieges angestoßen hatte. In dieser Kontroverse hatten außenpolitische Aspekte eher eine Nebenrolle gespielt. Dafür fehlte Grass ebenso die Sachkenntnis, wie vielen seiner Kritiker. Umso verdienstvoller ist es, dass der Islam-Wissenschaftler diese Lücke nun mit seiner Expertise füllt. Seine eindringliche Warnung vor diesem Krieg ist unbedingt lesenswert.

Michael Lüders: Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine Zukunft verspielt
Verlag C.H. Beck, 175 Seiten, 14,95 Euro
ISBN 978-3-406-64026-1

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