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StartseiteForschung aktuellWarnung vor Sauna-Klima27.08.2007

Warnung vor Sauna-Klima

Forscher stellen neue Modelle zur Erderwärmung vor

<strong>Umwelt. - Zwei Grad Celsius - so lautet das erklärte Ziel der Europäischen Union zum Klimaschutz, denn erwärmt sich die Atmosphäre stärker, sind die Folgen kaum mehr absehbar. Klimaforscher kommen derzeit in Hamburg zusammen und stellen hier ihre neuesten Berechnungen vor. Diese lassen Schlimmes erwarten.</strong>

Monika Seynsche im Gespräch mit Volker Mrasek

Forschern mahnen in Hamburg, es bleibe nur wenig Zeit, um den Klimawandel noch abzufangen. (Stock.XCHNG / Angus Wurth)
Forschern mahnen in Hamburg, es bleibe nur wenig Zeit, um den Klimawandel noch abzufangen. (Stock.XCHNG / Angus Wurth)

Monika Seynsche: Warum liegt das Ziel der EU bei diesen zwei Grad Celsius, Herr Mrasek?

Volker Mrasek: Nun, wir haben eine Klima-Rahmenkonvention der Verneinten Nationen, darin heißt es, dass die Menschheit tunlichst einen gefährlichen Klimawandel vermeiden sollte, und die Wissenschaft hat sich in den letzten Jahren stark bemüht, näher zu bestimmen, was eigentlich ein gefährlicher Klimawandel ist. Und da glaubt man inzwischen, sagen zu können, dass man, wenn man eine Temperatur von zwei Grad Celsius überschreitet, es sehr kritisch wird. Das ist ein Wert, verglichen mit den Temperaturen in vorindustrieller Zeit und eine global gemittelte Temperatur. Wenn man diese zwei Grad-Schwelle überschreitet, so glauben Wissenschaftler, dann kippt das Klima, könnte man sagen, dann kommen Prozesse in Gang, die niemand mehr aufhalten kann. Ein Beispiel ist Grönland und dessen Eispanzer: der könnte komplett abschmelzen. Das dauert zwar viele Jahrhunderte, aber dieser Prozess könnte schon bald unaufhaltsam in Gang kommen, wenn man eben diese zwei Grad Celsius überschreitet, so die Meinung der Wissenschaftler. Die Folge wäre am Ende, dass der Meeresspiegel um sieben Meter höher wäre als heute.

Seynsche: Gehen wir einmal davon aus, dass diese Schwelle nicht überschritten wird. Wie sähe dann die Welt aus?

Mrasek: Hier in Hamburg auf der Konferenz wurde die Studie eines deutschen Meteorologen, der beim dänischen Wetterdienst arbeitet, vorgestellt, Wilhelm May. Seine Studie ist quasi der erste Versuch, diese Zwei-Grad-Welt einmal in einen aufwändigen Rechenmodell darzustellen. Da zeigt sich, dass eben auch in einer Zwei-Grad-Welt, das klingt erstmal sehr moderat, in manchen Regionen es dennoch sehr viel heißer werden wird. Dazu wieder ein Beispiel: die Arktis, da ergibt sich in dieser Simulation, dass man stellenweise Temperatursteigerungen von vier bis fünf Grad Celsius Ende dieses Jahrhunderts haben wird. In der Barentssee werden die Erhöhungen bei bis zu sieben Grad liegen, manche Regionen im hohen Norden werden dann beispielsweise im Sommer dauerhaft eisfrei sein. Das wird gravierende Folgen für die Ökosysteme haben. Ein anderes Beispiel - der Nordatlantik: der für unser Wetter in Mitteleuropa wichtige Druckgradient über diesem Ozean wird sich auch verstärken, selbst bei einer Zunahme von zwei Grad. Wir werden mit häufigeren Stürmen in Europa zu rechnen haben. Man muss allerdings sagen, das ist nur ein erster Versuch eines Modells, aber es zeigt doch die Richtung der Entwicklung an.

Seynsche: Sie hatten gerade angesprochen, dass diese Schwelle bei zwei Grad Celsius liegt. Wie lange haben wir denn noch Zeit, bis diese Schwelle überschritten wird?

Mrasek: Sehr wenig, wenn man den Klimawissenschaftlern hier glauben soll. Dieser Wilhelm May hat in dem Modell verschiedene Szenarien durchgerechnet, und da ist natürlich die Frage, wieviele Treibhausgase dürfen denn eigentlich noch in die Atmosphäre gelangen, damit man diese Kurve noch kriegt. Man sollte eigentlich meinen, es gibt schon eine Antwort, die etwa die EU-Kommission gegeben hat. In Europa ist es ja Klimaschutzpolitik, dieses Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. In diesem Kontext verlautet immer wieder aus Brüssel, man sollte doch unter einer Konzentration von 550 Partikel pro Million (ppm)Treibhausgase bleiben. Nach der neuen Studie hier ist diese Konzentration viel zu hoch gegriffen und der deutsche Wissenschaftler in dänischen Diensten sagt, wenn wir das Zwei-Grad-Ziel noch erreichen wollen, dann dürfen wir höchstens noch 490 ppm zulassen - das ist ein sehr großer Unterschied. Wir sind heute schon bei 430 ppm und der Meteorologe sagt, diese kritischen 490 ppm, die er noch für tolerierbar hält, seien spätestens im Jahr 2020 zu erreichen, wenn nicht gar früher. Das heißt, wir haben sehr wenig Zeit, um das noch hinzubekommen.

Seynsche: Haben Sie denn noch irgendwelche Ratschläge gehört, was denn noch getan werden sollte, um dieses Ziel zu erreichen?

Mrasek: Ratschläge nicht, aber der Wissenschaftler hat am Ende doch gesagt, im Grunde hat zum Beispiel auch hier die Politik der EU-Kommission nur zwei Alternativen: Sie kann sagen, im Grunde müssen wir ehrlich sein und dieses Zwei-Grad-Celsius-Ziel aufgeben, weil wir sehen, das ist kaum noch zu schaffen. Die andere Alternative wäre, um es noch zu kriegen in dieser kurzen Zeit, noch mehr zu tun als bisher, zum Beispiel nach dem Kyoto-Protokoll, nach den Verpflichtungen - was allerdings wohl eher unrealistisch ist, zumal man sieht, dass die Emissionen eigentlich auf breiter Front weltweit steigen.

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