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StartseiteEuropa heuteWarten statt starten14.09.2012

Warten statt starten

Griechische Jungunternehmer klagen über zu viel Bürokratie

In Athen knirscht es im Reformprogramm. Noch immer diskutiert die Regierung über längst zugesagte Einsparungen - vor allem die Entlassung von gut 15.000 Staatsbediensteten ist weiter umstritten. Dabei gilt die griechische Verwaltung als aufgebläht und ineffizient. Das sagen nicht nur die Troika-Experten aus dem Ausland, sondern auch junge Unternehmer, die etwas bewegen wollen in ihrem Land.

Von Rodothea Seralidou

Griechen warten und stehen Schlange in einem griechischen Finanzamt. (picture alliance / dpa / Alkis Konstantinidis)
Griechen warten und stehen Schlange in einem griechischen Finanzamt. (picture alliance / dpa / Alkis Konstantinidis)

Im Finanzamt von Alimos - im Süden Athens - ist wie jeden Tag die Hölle los: Die Warteschlangen reichen bis zur Eingangstür. Die Luft ist stickig, die Unzufriedenheit greifbar. Einige halten in ihren Händen Unterlagen und Ordner. Auch Grigoris Tsiklos. Der 35-jährige Jungunternehmer ist genervt:

"Sehen Sie hier im Finanzamt eine Informationsstelle? Du möchtest eine Frage stellen und musst Schlange stehen. Wenn du dann am Schalter ankommst, sagt dir der Beamte: Ah, Sie sind hier falsch! Man wird zu einem anderen Schalter geschickt und muss wieder warten. Und wenn du mehrmals mit demselben Anliegen zur selben Stelle gehst, bekommst du immer eine andere Antwort!"

Grigoris, ein sportlicher Typ mit schwarzer Kunststoffbrille, schüttelt den Kopf. Der Ingenieur hat in Großbritannien studiert und ist erst vor zwei Jahren wieder nach Griechenland zurückgekehrt. Einen Job gefunden, hatte er damals nicht. Also machte sich Tsiklos selbstständig. Zusammen mit zwei Freunden gründete er Enistec: Die Firma entwickelt Konzepte, wie Unternehmen Energie sparen und somit ihre Stromkosten senken können. In Zeiten der Krise eine Erfolg versprechende Nische, sagten sich die drei Geschäftspartner. Die Gründung der Firma war aber viel schwieriger als gedacht:

"Mittlerweile gibt es das sogenannte One-Stop-Verfahren: Du gehst zu einer bestimmten Stelle, der Beamte kümmert sich darum, dass er deine Unterlagen beantragt und fertig. Aber in Wahrheit ist das ein Witz! Wir haben drei bis vier Monate gebraucht und haben sogar einen Buchhalter damit beauftragt, dass er den Behördenkram für uns erledigt. Es gibt heute keinen Unterschied zu früher."

Bereits im vergangenen Dezember hatte eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die griechische Bürokratie kritisiert: Die Ministerien und Ämter würden sich untereinander nicht austauschen, eine zentrale Datenbank gebe es nicht. Grigoris Partner, Nikos Tsoniotis, kann das nur bestätigen:

"Beim Finanzamt brauchst du bei mehreren Stellen dieselbe Unterlage im Original. Im selben Gebäude! Das sind für die Bürger unzählige verlorene Arbeitsstunden!"

Dabei würde mit weniger Bürokratie der griechische Verwaltungsapparat auch weniger Beamte brauchen, sagt Nikos. Doch bis jetzt war gerade das, von allen Seiten unerwünscht, analysiert der Wirtschaftsjournalist Babis Polychroniadis:

"Diese Reformträgheit hat auch mit der starken Lobbyarbeit der griechischen Gewerkschaften zu tun. Keine Regierung hatte es je gewagt, auf Konfrontationskurs mit den Interessen der Beamten zu gehen, denn dann wäre sie von ihnen nicht mehr gewählt worden. Also hat man lieber alles beim Alten gelassen."

Die Probleme in der griechischen Verwaltung sind nicht neu: Sie begleiten den griechischen Staat seit seiner Gründung im Jahre 1830. Nach jedem Regierungswechsel wechselten auch die Beamten. Um dem entgegenzuwirken, wurde 1911 mit einer Verfassungsänderung die Unkündbarkeit der Beamten eingeführt. Die Maßnahme sollte die Vetternwirtschaft bekämpfen und die Arbeit der Beamten effizienter machen- zum Wohle des Volkes, wie aus dem Protokoll zur Verfassungsreform hervorgeht. Dass das nicht passiert ist, bekommen die griechischen Bürger auch heute noch zu spüren. So auch Grigoris Tsiklos und Nikos Tsoniotis. Die zwei Jungunternehmer sind überzeugt: Es wäre viel einfacher gewesen, die Firma irgendwo im Ausland zu gründen. Trotzdem haben sie sich bewusst für Griechenland entschieden. Nikos Tsoniotis:

"Ich sage mir oft: Warum soll ich gehen und nicht all die, die Probleme machen? Ich will nicht gehen, das ist mein Land, und wenn ich was leisten kann, dann will ich es hier tun. Nur so kann ich dazu beitragen, dass sich etwas ändert."

Nikos Tsoniotis hofft, dass die griechische Regierung in ihrem neuen Reformprogramm nicht nur erneut Renten und Gehälter kürzt, sondern endlich auch den Verwaltungsapparat reformiert und modernisiert. Nur so könnten auch die Ämter, mit denen sie zu tun haben, effizienter arbeiten. Auch das Finanzamt in Alimos. Bis es aber so weit ist, müssen seine Geschäftspartner und er weiterhin die Zähne zusammenbeißen und Schlange stehen.

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