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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWarum Menschen grausam handeln07.07.2011

Warum Menschen grausam handeln

Vor 50 Jahren sorgte das Milgram-Experiment für weltweite Furore

Das umstrittene sozialpsychologische Milgram-Experiment von 1961 demonstrierte, was der Mensch auch sein kann: banal und böse. Sich einer fremden Autorität willenlos zu unterwerfen, muss kein Automatismus sein. Doch wie lässt sich moralische Urteilsfähigkeit trainieren?

Von Mirko Smiljanic

Was veranlasste die Soldatin Lynndie England zu foltern? (AP)
Was veranlasste die Soldatin Lynndie England zu foltern? (AP)

Sommer 1961 im Institut für Psychologie der Yale-Universität, New Haven. Drei Männer betreten einen spartanisch eingerichteten Raum: Zwei Schreibtische stehen an gegenüberliegenden Wänden, rechts führt eine offene Tür in ein kleines Zimmer.

"Stanley Milgram hat brave Bürger von der Straße, sogenannte civic-minded, für ein Experiment rekrutiert",

erläutert Joachim Bauer, Professor für Psychologe am Universitätsklinikum Freiburg:

"Der hat Anzeigen aufgegeben und er hat in diesen Anzeigen geschrieben, es ginge darum, an einem Gedächtnisexperiment mitzuwirken."

Man wolle eine psychologische Theorie überprüfen, nach der Bestrafungen den Lernerfolg bei Menschen steigern:

"Und sie wurden dann einem Partner zugeordnet, von dem die Teilnehmer dachten, es handle sich auch um einen anderen von der Straße her rekrutierten Menschen, in Wirklichkeit waren das aber Bündnispartner von Stanley Milgram. Es wurde dann ausgelost, wer den Schüler und wer den Lehrer bei diesem Experiment spielen sollte. Diese Auslosung war aber auch bereits getürkt, die tatsächlich von der Straße rekrutiert waren, bekamen die Lehrerposition zugewiesen, während die heimlich mit den Experimentleitern verbündeten in die Schülerposition kamen."

Der "Schüler" wird im angrenzenden Raum auf einen Stuhl gesetzt und mit Elektroden verbunden – einem Elektrischen Stuhl durchaus ähnlich –, während der "Lehrer" an einem Schreibtisch Platz nimmt. Beide können sich nicht sehen, aber hören. Der Ablauf des Experimentes sei denkbar einfach, erläutert der Psychologe: Der Lehrer lässt den Schüler Wortpaare bilden; machte er Fehler, drückt er Knöpfe einer Apparatur und "bestraft" den Schüler mit Stromstößen, die bei 15 Volt beginnen und bei 450 Volt enden.

Bauer: "Da stellte sich heraus, dass nicht alle Versuchspersonen bereit waren, das zu machen, dass aber, wenn hinter jedem Versuchsteilnehmer ein weiß bekittelter, autoritär auftretender Versuchsleiter stand, der dann wortwörtlich gesagt hat, 'Nun machen Sie schon, Sie müssen das machen, es gehört zum Experiment, nun machen Sie schon, es ist unausweichlich'." "

Mit dem Ergebnis, dass mehr als 60 Prozent der Versuchsteilnehmer Stromstöße abgaben, die in der Realität tödlich gewesen wären – obwohl die vermeintlichen Schüler nach jedem Stromstoß stöhnten, grunzten, vor Schmerzen aufschrien und darum bettelten, der "Lehrer" möge den Versuch beenden.

Das Milgram-Experiment war ein Schock, schien es doch die weitverbreitete These zu bestätigen,

"dass es Menschen Freude mache, andere Menschen zu quälen."

Was aber so nicht stimmt, sagt Joachim Bauer, die Zusammenhänge seien weit komplizierter. Mehrere Faktoren bestimmen für Hans-Peter Erb, Professor für Sozialpsychologie an der Universität der Bundeswehr Hamburg, ob Probanden ihre vermeintlichen Schüler mit Stromstößen quälen oder ob sie vorher aussteigen. Da ist zunächst einmal der "Foot-in-the-door-Effekt",

""dass man also anfängt mit einer ganz simplen Bestrafung, ein ganz winziger Stromstoß, man weiß, das tut dem noch nicht weh, dann hat man als Experimentator den Fuß schon in der Tür bei der Versuchsperson, die hat sich also schon festgelegt darauf, jemandem einen Stromstoß zu verpassen. Wenn man das jetzt langsam steigert, dann fällt es schwer, da auszusteigen für die Versuchsperson, denn wir alle haben ein gewisses Konsistenzbedürfnis, ich habe schon eingewilligt, ich habe das jetzt schon einmal gemacht, ich mache das jetzt auch ein zweites Mal, selbst wenn es ein stärkerer Stromstoß ist."

Wichtig sei weiterhin der soziokulturelle Faktor: Wie ist der Einzelne sozialisiert worden? Welche Rolle spielen Befehl und Gehorsam in seinem Leben? Militärs sehen das anders als Künstler. Kinder lernen den Umgang mit Gehorsam von ihren Eltern. Wie reagieren sie bei Gesprächen mit einem Polizisten, der sie beim Überfahren einer roten Ampel erwischt hat? Wie laufen Auseinandersetzungen auf Ämtern ab? Kuschen Mama und Papa? Begehren sie auf? Haben sie eigene Positionen oder passen sie sich kritiklos an? Hinzu kommt als dritter Faktor, sagt Erb,

"dass diejenigen, die nun die Grausamkeiten verüben, sich darauf zurückziehen, dass jemand anderes dafür verantwortlich sei, dass also Autoritäten da seien, die das angeordnet haben, die dann am Ende dazu führen, dass man nur Befehlsempfänger war, man das konkret zwar ausgeführt hat, dafür aber keine Verantwortung trägt."

Adolf Eichmann hat so argumentiert und vor ihm viele andere Nazischergen. Es waren Befehle "von oben", so wie der weiß bekittelte Wissenschaftler – eine Autorität eben –, die Stromstöße beim Milgram-Experiment "angeordnet" hat. Wer so handelt, verfügt nur über eine geringe moralische Integrität, sagt Georg Lind, Professor für Psychologie an der Universität Konstanz. Lind setzt sich seit Jahren mit der Frage auseinander, unter welchen Bedingungen Menschen grausam handeln – seien es nun Stromstöße in psychologischen Experimenten oder Gewaltexzesse auf den Kriegsschauplätzen Vietnam, Irak und Afghanistan. Entscheidend sei dabei die "moralische Urteilsfähigkeit". Schon das Milgram-Experiment habe gezeigt,

"dass also die Verweigerung deutlich höher ist bei über 70 Prozent, wenn die Teilnehmer eine hohe moralische Urteilsfähigkeit haben oder eine fortgeschrittene Entwicklung haben; bei solchen, die auf Stufe vier oder darunter sind, finden wir eine noch höhere Zustimmung oder Unterwerfung unter eine indifferente Autorität, die eigene Urteilsfähigkeit ist also ein wichtiger Faktor bei der Frage, wie weit sich Menschen einer fremden Autorität willenlos unterwerfen."

Diese moralische Urteilsfähigkeit könne man trainieren, sagt Lind, der die "Konstanzer Methode der Dilemma-Diskussion" entwickelt hat: Probanden durchdenken Situationen, die – wie immer sie sich auch entscheiden – zu keiner optimalen Lösung führen. Was soll ein Bundeswehrsoldat tun, wenn ein Auto auf kein Stoppsignal reagiert und ungebremst auf den Checkpoint zufährt? Eine extrem kritische Situation:

"Weil sie unter hohem Zeit- und emotionalem Stress folgenreiche Entscheidungen treffen müssen und nirgends lernen, mit diesen Emotionen umzugehen. Es gibt in der Bundeswehr und in anderen Armeen überhaupt keine Programme, die Ihnen helfen, mit Situationen umzugehen, an denen sie nachher ein Leben lang knabbern werden. Wenn sie etwa aus Versehen, aus einer falschen Entscheidung heraus, ein Kind erschießen, dann mag das vorm Richter Bestand haben, aber vor ihrem eigenen Gewissen hat das oft keinen Bestand, und dann haben wir das posttraumatische Syndrom, das Menschen dann ihr ganzes Leben lang, an dieser Fehlentscheidung knabbern."

Genau diese Erfahrung machten auch viele Teilnehmer des Milgram-Experimentes. Niemand von ihnen hat seinen "Schüler" zwar mit echten Stromstößen gefoltert, trotzdem brannte sich bei den meisten die Erfahrung "Täter" zu sein, tief in die Seele ein, sagt Joachim Bauer, Freiburg:

"Die meisten der Personen sind hochgradig nervös geworden und haben hinterher Nervenzusammenbrüche bekommen, viele der Teilnehmer hatten hinterher posttraumatische Belastungsstörungen, und einzelne Teilnehmer hatten noch vierzig Jahre später, als sie nochmals untersucht wurden, gesagt, sie seien diesen Schock, dieses Trauma nie mehr losgeworden, also ein Trauma, Täter gewesen zu sein. Das heißt, die schweren psychischen Störungen, die sich bei einem Großteil der Teilnehmer, die sich dazu haben zwingen lassen, hinterher eingestellt haben, zeigten, dass dieses Experiment, die betroffenen Personen gegen ihre eigene Intuition, gegen ihre natürlichen mitmenschlichen Instinkte sozusagen dazu gebracht hat, hier der Autorität zu folgen"

Was nebenbei auch ein Argument ist gegen die häufig geäußerte Meinung, der Mensch sei im tiefsten Innern böse, nur eine dünne zivilisatorische Decke schütze ihn vor permanentem Mord und Totschlag.

Bauer: "Wenn man das Experiment so abwandelte, dass hinter jedem der Lehrer nicht ein Versuchsleiter stand, sondern wenn zwei Versuchsleiter hinter dem jeweiligen Lehrer, der also als Testperson hier mitwirkte, standen und wenn der eine Versuchsleiter sagte, 'Nun machen Sie schon, Sie müssen es machen, es gehört zum Experiment!', der andere Versuchsleiter aber gleichzeitig sagte, 'Nein, Sie brauchen es nicht machen, Sie können es auch lassen, wenn Sie es nicht wollen', dann hat in dieser Situation kein einziger, nämlich null Prozent, der Versuchsteilnehmer die Schocks ausgeführt."

Trotzdem bleibt das erschreckende Resultat: Unter bestimmten Bedingungen waren rund 60 Prozent der Probanden bereit, fremden Menschen schweren gesundheitlichen Schaden zuzufügen, wenn eine "Autorität" dies mit Nachdruck forderte. Ein Problem, dass alle Armeen dieser Welt – und Kriege werden mehr denn je geführt – betrifft! Deutschland hat in diesem Punkt einen radikalen Schritt getan: Eine höchstrichterliche Entscheidung verbietet es deutschen Soldaten, Befehle ausführen, die der Menschenwürde widersprechen. Das Urteil spricht von "mitdenkendem Gehorsam" und

"Verwehrt es jedem Soldaten, sich auf den Befehlsnotstand herauszureden. Jeder Befehl, der gegeben wird, muss im Licht der Menschenrechte interpretiert werden von jedem Soldaten, das ist der Tenor des Urteils, und muss eventuell verweigert werden, wenn er den Menschenrechten widerspricht."

Die Entscheidung klingt gut – sagt Hans-Peter Erb, Hamburg – wirft aber auch viele Probleme auf:

"Da ist aber das Individuum im Grunde überfordert, diese Entscheidung zu treffen erfordert ein etwas längeres Nachdenken und erfordert auch eine Situation, in der man dieses Nachdenken ordentlich durchführen kann."

Wenn es um Sekunden geht, wenn das eigene Leben und das der Kameraden auf dem Spiel stehen, bleibt kein Raum für lange Diskussionen. Fehlentscheidungen sind so vorprogrammiert. Hinzu kommt der enorme Gruppendruck.

"Dann haben wir als nächsten Faktor das, was wir 'Deindividuierung' nennen, was sich ergibt etwa durch die Uniformierung von Menschen. Indem man also eine Uniform übernimmt, werden die Normen, die innerhalb dieser Gruppe, die durch die Uniform repräsentiert ist, stärker verhaltenswirksam als ohne Uniform, sodass also hier ein Faktor hinzu kommt, der diese Autorität puscht."

Der Folterskandal im irakischen Gefängnis Abu Ghuraib lässt sich auch mit diesem Mechanismus erklären. Die Soldatin Lynndie England – bekannt geworden durch ein Foto, auf dem sie einen Gefangenen am Hundehalsband führte – schwamm einfach mit in der permanent gewalttätigen und von Angst besetzten Atmosphäre des Krieges. Überhaupt spielt Angst eine entscheidende Rolle beim Ausbruch von Aggressionen, sagt der Freiburger Psychologen Joachim Bauer:

"Evolutionär gesehen ist die Aggression ein biologisch begründetes Programm, was immer dann abgerufen wird, wenn der Mensch in existenzieller Not ist, insbesondere wenn er körperlich angegriffen wird. Aggression ist so gesehen also was Gutes, sie muss sich melden, wenn wir uns unserer Haut erwehren müssen. Eine ganz wichtige Erkenntnis der modernen Neurobiologie ist nun aber, dass die Schmerznervenzellen des menschlichen Gehirns, die also ansprechen, wenn wir körperlich attackiert werden, auch dann ansprechen, wenn wir sozial ausgegrenzt und gedemütigt werden. Und das macht zum ersten Mal verständlich, warum nicht nur körperliche Angriffe zu einer Aggression führen, sondern auch bei Demütigung, weil nämlich das menschliche Hirn beides, sowohl den körperlichen Schmerz und die soziale Ausgrenzung als hochgefährliche Schmerzwahrnehmungen, wahrnimmt und mit Aggression beantwortet."

Es sei denn, die Situation verbietet den Ausbruch von Gewalt, etwa weil der Gegner stärker ist oder der Chef mächtiger. Dann sammelt sich Aggression an, bis sie sich Bahn bricht:

"Zum Beispiel bei Schwächeren, die sich nicht wehren können, oder einer anderen Gelegenheit, wo es opportun erscheint, jetzt mal die Aggression rauszulassen, dann sprechen wir von 'verschobener Aggression', das heißt von aggressiver Energie, die – wenn Sie so wollen – am falschen Ort und an der falschen Person abgelassen wird."

Das Milgram-Experiment von 1961 zählt zu den ebenso bekanntesten wie umstrittensten sozialpsychologischen Experimenten. Umstritten in der Interpretation der Ergebnisse; bekannt, weil es zeigte, was der Mensch auch sein kann: banal und böse. So wie Adolf Eichmann, dessen Prozess fast zeitgleich mit den Milgram-Experimenten begann.

"Obwohl er Hunderttausende, wenn nicht Millionen jüdischer Menschen systematisch mit umgebracht hat, an der Organisation dieser Vernichtung entscheidend mitgewirkt hat, so saß dann in Jerusalem ein Mann, der geradezu provozierend unauffällig wirkte."

Eben ein "civic-minded", ein braver Bürger von der Straße.

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