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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWarum so viele Lebensmittel im Müll landen12.09.2011

Warum so viele Lebensmittel im Müll landen

Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn: "Die Essensvernichter", Kiepenheuer & Witsch

Der aktuelle Dokumentarfilm "Taste the Waste" ist Teil einer internationalen Kampagne, die den Skandal der Lebensmittelvernichtung thematisieren will. Zu dieser Kampagne gehört auch ein Buch der Filmmacher, das sich an den Film anlehnt und doch darüber hinaus greift.

Von Sonja Ernst

Brot wird in einem Müllcontainer entsorgt. - Szene aus dem Film "Taste the Waste" von Valentin Thurn (W-film)
Brot wird in einem Müllcontainer entsorgt. - Szene aus dem Film "Taste the Waste" von Valentin Thurn (W-film)

Sieben Millionen Brotscheiben, eine Million Schinkenscheiben und vieles mehr landet jeden Tag in Großbritannien im Haushaltsmüll. In Deutschlands Mülleimern dürfte es ähnlich aussehen, nur fehlen bei uns bislang solch detaillierte Untersuchungen.

Schätzungen zufolge wird weltweit ein Drittel aller Lebensmittel vernichtet – in den Industrieländern ist es beinahe die Hälfte. Und zwar entlang der Ernte-, Produktions-, Transport- und Handelskette bis hin zum Verbraucher. Diese bittere Wahrheit eröffnen Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn in "Die Essensvernichter". Ein ambitioniertes Buch, mit dem sie ein Bewusstsein für die weltweite Essens-Vergeudung schaffen und zugleich gesellschaftliche Veränderungen anstoßen möchten.

Der Gedanke des politischen oder kritischen Konsums basiert auf der Überzeugung, dass jeder Einzelne durch seine Kaufentscheidung die Macht hat, Dinge zu verändern.

Den Mitautor und Filmemacher Valentin Thurn beschäftigt das Thema schon seit längerem. Bereits im vergangenen Jahr erschien seine ARD-Dokumentation "Frisch auf den Müll". Er ist auch der Macher des Kinofilms "Taste the Waste", ergänzend dazu ist das Buch "Die Essensvernichter" erschienen, das allerdings weit über den Film hinausgeht.

Darin erzählt Thurn – teils sehr persönlich– von seinen Drehaufnahmen in Kamerun, Japan und den USA sowie von seinen Protagonisten. Außerdem finden sich Fakten und Zahlen, Infografiken, Hintergründe und Handlungsanweisungen – aufgearbeitet von dem Journalisten Stefan Kreutzberger.

Beide Teile sollen getrennt voneinander lesbar sein. Doch hierfür fehlt eine klare optische Trennung: Ein schneller Zugriff auf einzelne Fakten oder aber auf die Hintergründe zum Film ist leider nicht möglich.

Die Autoren überzeugen vor allem inhaltlich durch die unterschiedlichen Blickwinkel auf das Thema: Da ist Bäcker Roland Schüren, der die übrig gebliebenen Backwaren verbrennt und damit die Backöfen heizt; oder Jens, der "containert" – also Lebensmittel aus Abfallbehältern von Supermärkten sammelt. Beide wollen den weltweiten Essens-Müllberg reduzieren, der seit den 1970er-Jahren um die Hälfte gewachsen ist.

Für den Händler ist es schlimmer, wenn ein Kunde zur Konkurrenz geht, weil er einmal sein Lieblingsprodukt nicht im Regal vorfindet, als einen Teil der Ware wegzuwerfen. Das kostet zwar, aber nicht den Händler, sondern den Kunden. Denn die entsorgte Ware ist natürlich eingepreist.

Dennoch sind konventionelle Lebensmittel günstig. Denn nicht eingepreist sind die Umweltkosten. Und selten wird erwähnt, dass die EU-Bürger mit ihren Steuergeldern hohe Agrarsubventionen finanzieren und sich damit auf Umwegen günstige Preise erkaufen.

So wird die Lebensmittel-Verschwendung schnell zu einem komplexen Thema. Die Autoren hinterfragen nicht nur das Wegwerfverhalten, auch die Ernährung, wie etwa den deutschen Fleischkonsum. Denn die Tierzucht verschlingt große Mengen an Weizen, Mais und Wasser. Landen die Steaks und Schnitzel dann sogar noch im Müll, werden gleichzeitig viele wertvolle Ressourcen mit weggeworfen – von der Ethik einmal abgesehen.

Detailliert beschreiben Kreutzberger und Thurn, wie Lebensmittel längst ein lukrativer Teil des globalen Marktes geworden sind, den wenige internationale Agrarkonzerne dominieren.

Diese Konzerne haben keinerlei Interesse an einer Einschränkung des Konsums und einer Begrenzung der Produktion. Raubbau an der Natur und Wegwerfmentalität sind ihre Markenzeichen und sichern den Geschäftserfolg. Will man Schuldzuweisungen treffen, dann sind diese Agrarkonzerne die Täter, die Lebensmittelindustrie ihre willfährigen Gehilfen und die Verbraucher die nützlichen Idioten.

Doch diese nützlichen Idioten können etwas verändern. Und hier hält das Buch viele Vorschläge parat: vom geplanten Einkauf mit Liste bis hin zu konkreten Landwirtschaftsprojekten, wie etwa in den USA. Dort schließen immer mehr Farmer direkte Verträge mit den Verbrauchern ab.

Immer wieder betonen die Autoren die Einflussmöglichkeiten der Konsumenten: Beim Einkauf etwa hätten die Verbraucher doch die größte Macht, indem sie regional und saisonal einkaufen. Denn das reduziert Lebensmittel-Verluste, aber auch Klima-Kosten für Transport und Kühlung. Oder aber der Verbraucher entscheidet sich für ökologische und fair gehandelte Produkte.

Anders als bei konventionellen Produkten fließen die sozialen und die Umwelt-Kosten hier in den Preis mit ein. Beim Gemüseanbau etwa in Entwicklungsländern werden dann keine Pestizide eingesetzt, das mindert das Gesundheitsrisiko und die drohende Arbeitsunfähigkeit für die Arbeiter.

Das alles ist nicht neu. Neu ist der Schwerpunkt der Autoren: Indem sie den Fokus auf die Lebensmittelvernichtung legen, zeigen sie die Verschwendung und auch den Irrwitz der vorherrschenden Konsum- und Produktionsstrukturen.

Dabei betonen die Autoren, dass für die Verbraucher der bewusste Konsum keinen Verzicht mit sich bringt. Doch gerade diese These hat ihre Schwächen: Denn es ist bekannt, dass fair gehandelt und biologisch durchaus seinen Preis hat – deshalb muss der Verbraucher hier tiefer in die Tasche greifen. Bislang fehlt hierfür die Bereitschaft. Im Zuge von Lebensmittelskandalen ist man sich zwar einig, dass mehr Qualität mehr Geld kostet. Doch bald danach sind es wieder die günstigen Preise, die beim Einkauf entscheiden.

"Die Essensvernichter" ist ein wichtiges Buch – auch wenn sich die Autoren allzu oft in ihren Fakten und Beispielen wiederholen; mehr Kürze und eine bessere Struktur hätten dem Buch gut getan. Dennoch gelingt es Kreutzberger und Thurn die Augen zu öffnen für viele Fehlentwicklungen, die mittlerweile Landwirtschaft, Handel und Konsum beeinflussen. Dass in den Industrieländern die Hälfte der Lebensmittel vernichtet wird, verändert auch den Blick auf den Hunger weltweit. Es müssen nicht unbedingt mehr Lebensmittel weltweit produziert werden, vielmehr braucht es ein Umdenken und eine Umverteilung. In diesem Sinn ist "Die Essensvernichter" ein wichtiger Denkanstoß.

Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn: "Die Essensvernichter. Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist".
Kiepenheuer und Witsch, Köln, 319 Seiten, 16,99 Euro.

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