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StartseiteBüchermarktWas das Japanische an der japanischen Literatur ist02.03.2009

Was das Japanische an der japanischen Literatur ist

Irmela Hijiya-Kirschnereit: "Ausgekochtes Wunderland", Edition Text + Kritik

Obgleich die wirtschaftliche Machtstellung Japans schon seit geraumer Zeit bröckelt, hat das ferne Land der aufgehenden Sonne an Attraktivität auf dem Gebiet der Unterhaltungselektronik und Popkulturen nichts eingebüßt.

Von Michael Wetzel

Einer der bekannten japanischen Schriftsteller: Kenzaburo Oe (AP Archiv)
Einer der bekannten japanischen Schriftsteller: Kenzaburo Oe (AP Archiv)

Gerade jüngst hat die begeisterte Aufnahme der ersten europäischen Gesamtausstellung des Werkes von Murakami Takashi im Frankfurter MMK gezeigt, wie anfällig die westliche Welt für den "kawaii"-Kult, die Vergötterung des Niedlich-Süßen ist, die selbst alle "political correctness" außer Kraft zu setzen vermag, wenn es um die ganz und gar nicht unschuldige Idolisierung erotischer Kindfrauenkörper geht.

Die Mode der Mangas und Animes, der japanische Film sowie die Werke der jungen Künstler und Architekten, nicht zuletzt aber der Lebensstil überhaupt von Sushi, Futon und Tatamizimmer, all diese Phänomene stehen immer weniger im Zeichen einer exotischen Fremde, sondern werden dem globalen Haushalt assimiliert. "Tokio Hotel" ist eine deutsche Boygroup, "Hello Kitty" ein internationales Modelabel, und Murakami vermarktet seine "Kaikai-Kiki"-Devotionalien in Kooperation mit dem französischen Handtaschenhersteller Louis Vuitton. Kein Wunder also, dass es in Japan mittlerweile staatliche Bestrebungen gibt, über ein "content management" das geistige Eigentum an diesem kulturellen Kapital und damit so etwas wie eine japanische Identität zu sichern.

Das Buch von Irmela Hijiya-Kirschnereit versucht Ähnliches über den anderen Weg der Literatur, der als Königsweg gepriesen wird, das geschichtlich und kulturell Andere zu markieren und auch zu verstehen. Den Titel ihrer Studien, den sie schon einmal für den Präsentationsband "Traumbrücke ins ausgekochte Wunderland" (Frankfurt/M./Leipzig 1993) der von ihr betreuten "Japanischen Bibliothek" im Insel Verlag benutzte, hat sich die Doyenne der deutschen japanologischen Literaturwissenschaft von dem sicherlich populärsten Gegenwartautor Japans, Murakami Haruki ausgeliehen.

Er veröffentlichte 1985 das - wie Hubert Winkels schrieb - "Herzstück" seiner vielgestaltigen Romanwelt unter dem Titel "Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt", ein Roman, der neben der Anspielung auf die "hartgesottenen Helden" der Kriminalromane Raymond Chandlers und Dashiell Hammetts und des "Film Noir" mit ihrer stereotypen Vorliebe für hochprozentige Getränke und flüchtige sexuelle Abenteuer die Zerrissenheit der postmodernen Lebenswelt vor allem dadurch zum Ausdruck brachte, dass er in zwei Parallelwelten spielt: dem Wunderland als Mischung aus Lewis Carrolls Alice-Phantasien und Thomas Pynchons Cyberspace-Fiktionen im Gegensatz zur Endzeitvision einer posthistorischen Stadt-Heterotopie als Mischung aus Orwell und Kafka.

Auffällig ist dabei die Gleichzeitigkeit von archaisch Altem und futuristisch Neuem: Aber um die Frage all dieser Mischungen geht es gerade in jenem Wunderland des fernen Ostens. Denn man würde der japanischen Kultur Unrecht tun, wollte man sie auf bloße Aneignung und Hybridisierung einer Multikulti-Mixtur reduzieren. Das eigenwillig Besondere dieser Kulturgeschichte, das - wenn man so will - Eigene des japanischen Wegs ist nämlich das gleichzeitige Aufnehmen und Nebeneinander-Stehen-Lassen fremder Einflüsse. So war es bei der fast zweitausendjährigen Adaptionsgeschichte der chinesischen Schrift und Religion: Der Buddhismus verdrängte nicht den heimischen Shintoismus, sondern siedelte sich - als zuständig für Geburt und Tod - buchstäblich räumlich neben diesem an, und zusätzlich zu den abertausenden chinesischen Kanji-Zeichen entwickelte das Japanische für den Alltag eigene Kurzschriften, die exegetische Hilfestellungen leisten.

Angesichts dieser Fähigkeit zur Integration des Fremden fragt es sich, ob die Sichtweise des Exotischen einer durch einen tiefen Riss zwischen Tradition und Moderne markierten japanischen Postmoderne nicht selbst medial produziert ist. Die hochinformative Studie von Bettina Lockemann: "Das Fremde sehen. Der europäische Blick auf Japan in der künstlerischen Dokumentarfotografie" (Bielefeld - transcript-Verlag - 2008) zeigt dies am Beispiel der Fotografie, um zugleich aber die japanische Kunst der Aneignung dieses westlichen Mediums in Erinnerung zu rufen, das für viele heute eher als ein japanisches gilt und dessen obsessiver Einsatz als kulturelles Spezifikum fernöstlicher Touristen belächelt wird.

Hijiya-Kirschnereit demonstriert diese Simultaneität von Selbstbehauptung und Anpassung auch am Fachterminus der japanischen Literaturwissenschaft: als Gleichzeitigkeit von Beharren auf Eigenem und Offenheit für Fremdes. Übersetzt bedeutet der Ausdruck "Kokubungaku" "Nationalliteratur", und dennoch schließt diese chauvinistisch anmutende Bezeichnung gerade eine äußerste Sensibilität für das Fremde in Form einer Übersetzungskultur mit ein, die nicht assimiliert, sondern Distanz wahrt.

Und dies gilt in besonderem Maße für die kulturelle Öffnung des Landes seit der Meiji-Zeit und natürlich verstärkt für die westlichen beziehungsweise genauer amerikanischen Einflüsse nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotz der eindeutigen Orientierung der Schriftstellergenerationen der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts an europäischen Vorbildern wie Dostojevski, Baudelaire oder Wilde, die nach 1945 vor allem solchen der amerikanischen Literatur weichen, bleibt doch der Grundzug einer spezifischen nationalen Tradition, die man als ästhetisierende Indifferenz bezeichnen kann. Vielleicht lässt er sich am besten mit dem Titel eines Buches des Nobelpreisträger Kawabata Yasunari begreifen als Zugleich von Schönheit und Trauer, als Erlebnis der Schönheit in der Trauer um ihre Vergänglichkeit, aber auch als eine Trauer, die als schön empfunden wird.

Wenn es einen gemeinsamen Nenner für die in diesem Buch versammelten Versuche zur Erkundung eines japanischen Schreibens gibt, dann ist es dieses Motiv des aufrecht erhaltenen Widerspruchs, der Annäherung bei gleichzeitiger Distanz sowie der Bejahung ganz gegensätzlicher Aspekte. Immer wieder wird man in den literarischen Beispielen dieser Ambivalenz einer Gleichzeitigkeit widerstrebender Empfindungen begegnen: von Liebe und Gewalt, Lebensfreude und Verlusterleben, Melancholie und Brutalität, Schönem und Groteskem.

Irmela Hijiya-Kirschnereit Potpourri, das neben einigen Beispielen sogar aus der Höfischen Kultur des Mittelalters die ganze Palette von Autorinnen und Autoren vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart umfasst, hat ihre Sammlung aus zwei Textsorten komponiert. Der erste Teil enthält Nachwörter zu deutschen Ausgaben meistenteils der "Japanischen Bibliothek", der zweite Teil besteht aus Rezensionen. Die meisten Autorennamen haben in Deutschland keine Vertrautheit erlangt. Bekannt sind natürlich Tanizaki Jun'ichiro, dessen "Lob des Schattens" nahezu Kultstatus gewonnen hat und der mit seinem Skandalroman "Naomi" in den Fußstapfen von Nabokovs "Lolita" wandelte. Auch die beiden Nobelpreisträger Kawabata Yasunari und Oe Kenzaburo verfügen über das ihnen gebührende Renommee beim deutschen Publikum. Mishima Yukio ist weniger durch sein oft manieristischen Zügen verfallendes Romanwerk als vielmehr durch seine Selbstinszenierung eines männlichen Körperkultes und natürlich durch seinen spektakulären Harakiri-Selbstmord berühmt geworden.

Murakami Haruki dagegen, der Bestseller, ist durch seine in Japan oft kritisierte Zelebrierung eines hedonistischen Egoismus und besonders durch die kulturelle Entspezifizierung seiner Handlungsräume zwecks besserer globaler Vermarktung gerade ein schlechtes Beispiel für japanische Literatur.

Der Gewinn der vielen Einzelstudien von Hijiya-Kirschnereit ist vielmehr die Entdeckung der unbekannten Autoren, wobei der hohe Anteil an Autorinnen auffällt. Das hat Tradition, schließlich wurden die beiden Klassiker, "Die Geschichte des Prinzen Genji" und "Das Kopfkissenbuch" aus dem 11. Jahrhundert von zwei Hofdamen Murasaki Shikibu und Sei Shonagon verfasst. Der klassische Stil des teilnamelosen Beobachtens und des bildhaften Beschreibens wie mit einem "freien Pinsel" findet sich auch in neuerer Literatur. Beeindruckend ist hier aber auch die Radikalität, mit der Frauen über ihre Gefühle und Sehnsüchte schreiben. Die grausamen Gelüste der Heldinnen Kono Taekos nach Knaben und sadomasochistischen Spielen stehen denen in den Texten Elfriede Jelineks nicht nach, nur dass sie naiver, das heißt weniger "pervers" erscheinen.

Die Schönheit des Schrecklichen wird nicht als Ausnahmezustand beschrieben, sondern als Dauer des Daseins, - so wenn Kono zum Beispiel die akribischen Haushaltvorbereitungen einer Ehefrau beschreibt, der für den anderen Tag der Tod angekündigt wurde und die ihrem Mann auf keinen Fall eine Unordnung hinterlassen möchte.

In dieser Hinsicht tun es die Frauen den männlichen Autoren wie Tanizaki und Kawabata gleich, die mit ihren Passionen für junge, ja blutjunge Mädchen dem unaufhaltsamen Verfall der eigenen Jugend entgegenwirken wollen, ohne den geringsten Zweifel an der Vergeblichkeit dieses Unternehmens aufkommen zu lassen. Zugleich demonstrieren die Frauen ein klares Selbstbewusstsein ihrer Ansprüche, die sich wie zum Beispiel bei Mori Yoko in deutlichen Worten über die Liebesunfähigkeit der japanischen Männer auslassen; oder die sich über die Ambivalenzen ihres eigenen Mutterseins bis hin zum Eingeständnis des Todeswunsches gegen die eigene Tochter bewusst werden, wie sie etwa Ito Hiromi in höchster künstlerischer Perfektion artikuliert. Neben dieser zentralen Thematisierung des Geschlechterkonflikts fällt die intensive Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung während des Zweiten Weltkriegs und danach auf, die natürlich durch die traumatischen Ereignisse von Hiroshima und Nagasaki geprägt ist. Aber auch hier steht die kollektive Erfahrung einer für die japanische Kunst und Popkultur generell typischen Faszination des Destruktiven nicht im Widerspruch zur oft eingenommen Perspektive der Selbstbezogenheit eines erzählenden Ichs auf die jeweils eigenen Familienumstände und die aus ihnen erwachsenen Träume.

Hijiya-Kirschnereits Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Repräsentativität für eine japanische Literaturgeschichte der Gegenwart, der im Handbuch "Japanische Gegenwartsliteratur" (München 2000) derselben Autorin wesentlich mehr Raum gegeben wird. Aber sie ist bestens geeignet, dem noch unwissenden Leser einen Eindruck von dem zu verschaffen, was das Japanische an der japanischen Literatur ist, ihn also neugierig zu machen.

Sicherlich, man hätte durch Überarbeitung der Texte manche störenden Wiederholungen tilgen können, die sich aus der Natur der immer wieder auf Allgemeinplätze zurückgreifenden Nachwörter ergibt. Aber wichtiger ist, die Öffnung der Tür in das scheinbar als Wunderland erscheinende Reich der Sinne, deren Madames Butterflies aber gar nicht so fremd sind, jedenfalls nicht für uns heute im Zeitalter der Globalisierung.

Irmela Hijiya-Kirschnereit: Ausgekochtes Wunderland. Japanische Literatur lesen. Edition Text+ Kritik (München), 2008, 214 S., Euro 25

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