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StartseiteInterview"Was der Papst entschieden hat, ist ein Politikum"06.02.2009

"Was der Papst entschieden hat, ist ein Politikum"

Heiner Geißler stärkt der Bundeskanzlerin in der Pius-Affäre den Rücken

Der ehemalige Generalsekretär der CDU, Heiner Geißler, hat die Intervention der Bundeskanzlerin in der Affäre um die Piusbruderschaft verteidigt. Geißler sagt, wenn der Vatikan eine "radikalen Sekte", die "demokratiefeindlich, frauenfeindlich, judenfeindlich" sei, wieder in die Kirche aufnehme, dann sei das keine interne Kirchenangelegenheit mehr, sondern ein "Politikum".

Heiner Geißler im Gespräch mit Jochen Spengler

Heiner Geißler (AP)
Heiner Geißler (AP)

Angela Merkel: "Ich glaube, dass die eindeutige Aufforderung des Vatikan ein wichtiges und auch ein gutes Signal ist. Das macht deutlich, dass eine Leugnung des Holocaust niemals ohne Folgen im Raum stehen bleiben kann, und insoweit, glaube ich, sind wir auch ein Stück vorangekommen."

Jochen Spengler: Das war die Würdigung der Bundeskanzlerin, die nach ihrer Intervention auf eine Antwort des Papstes wartete. Die kam dann, die Antwort. Der Papst soll aber aufgrund der ersten Intervention von Frau Merkel sehr verärgert gewesen sein. Eine Reihe von Bischöfen ist es und auch innerhalb der Unionsparteien sind Merkels offene Worte auf Unverständnis gestoßen. - Darüber wollen wir nun sprechen mit Heiner Geißler, dem früheren Generalsekretär der CDU. Guten Morgen, Herr Geißler!

Heiner Geißler: Guten Morgen, Herr Spengler.

Spengler: Herr Geißler, hören wir uns zunächst an, was Norbert Geis von der CSU gestern Mittag im Deutschlandfunk von sich gab:

"Ich glaube, es war nicht sehr glücklich, was die Frau Bundeskanzlerin von sich gegeben hat. Sie hätte klar sagen müssen, für mich ist völlig eindeutig, dass der Papst eine ganz klare Position zum Holocaust hat. Und dass sie das nicht getan hat, sondern dass sie eigentlich in das Gegenteil gerudert ist, das halte ich für einen Fehler."

Einen Fehler. - Teilen Sie die Ansicht von Norbert Geis, Herr Geißler?

Geißler: Nein, ich teile diese Ansicht nicht. Ganz im Gegenteil! Angela Merkel hat ja vorhin völlig zurecht gesagt, wir sind jetzt ein Stück weiter. Was der Vatikan entschieden hat und was der Papst entschieden hat, ist natürlich ein Politikum, denn der Papst selber ist Deutscher, der Holocaust hat auf deutschem Boden stattgefunden und drittens ist diese Sekte - anders kann man sie ja nicht bezeichnen -, die jetzt in die Kirche aufgenommen worden ist, die Exkommunikation ist aufgehoben worden, demokratiefeindlich, frauenfeindlich, judenfeindlich. Der Prälat Schmidberger, dem ich auch schon begegnet bin, hat erst vor wenigen Tagen wieder die alte Lüge wiederholt, die Geschichtsfälschung, dass das jüdische Volk Jesus umgebracht habe, was im Zweiten Vatikanischen Konzil absolut abgelehnt worden ist.

Spengler: Aber das ist doch eine interne Kirchenangelegenheit, sich darüber zu streiten?

Geißler: Aber niemals ist das eine interne Kirchenangelegenheit. Ich habe schon darauf hingewiesen, welche Folgen das hat. Durch diese Haltung des Vatikans und durch diese Wiederaufnahme dieser radikalen Sekte schafft er einen Graben zwischen den Katholiken, zwischen der katholischen Kirche auf der einen Seite und den jüdischen Gemeinden auf der anderen Seite. Das ist in Deutschland ein absolutes Politikum. Dazu kann sie gar nicht schweigen. Im Gegenteil: Die Bischöfe sollten nicht die Angela Merkel kritisieren, sondern sie sollten den Papst auffordern, dass er die Aufhebung dieser Exkommunikation wieder rückgängig macht. Es ist ja völlig indiskutabel, dass Bischöfe und Priester wieder in die Kirche aufgenommen werden, die diese alte Lüge weiter aufrecht erhalten, dass die Juden Jesus umgebracht haben.

Spengler: Herr Geißler, lassen Sie uns bei dem Thema "Frau Merkel" bleiben und ihrer Intervention . Man hat ihr gesagt, na ja, sie hätte den Papst irgendwo gar nicht wegen Antisemitismus kritisieren müssen, weil der Papst hat sich oft genug eindeutig vom Antisemitismus distanziert. Das stimmt doch auch oder? Er hat sich distanziert.

Geißler: Nein, darum geht es ja gar nicht, sondern es geht darum, dass er zumindest das tun muss, was er jetzt im Nachhinein getan hat - die haben ja lange genug gebraucht im Vatikan -, dass er einen dieser Bischöfe, Williamson, dazu aufgefordert hat, das alles zurückzunehmen. Ich meine, der eigentliche Skandal besteht doch darin, dass der Papst - und das hat er ja gewusst - diese Sekte rehabilitiert hat, ohne dass diese Leute auch nur eine einzige Wiedergutmachung, eine einzige Konzession gemacht hätten, irgendetwas widerrufen hätten von dem, was sie behauptet haben und weswegen sie ja aus der Kirche ausgeschlossen worden sind.

Spengler: Herr Geißler, und deswegen geht das Frau Merkel etwas an? Ich sehe das immer noch nicht so richtig, was Frau Merkel mit dieser Geschichte zu tun hat.

Geißler: Sie ist die Kanzlerin Deutschlands, und diese Entscheidung im Vatikan hat politische Auswirkungen. Ich darf Sie höflich fragen: Lesen Sie keine Zeitungen oder hören Sie nicht?

Spengler: Doch, doch. Ich habe mich auch vorbereitet.

Geißler: Das Judentum in Deutschland ist zutiefst schockiert über das, was da passiert ist. Und dass hier ein Trend erkennbar ist, das können Sie ja doch schon daran erkennen, dass jetzt wieder dieser alte lateinische Tridentinische Ritus eingeführt wird oder eingeführt worden ist, damit aber auch die lateinische Karfreitagsliturgie. Für alle Nichtkatholiken, die da jetzt vielleicht zuhören, muss man sagen, dass in dieser Liturgie für die treulosen Juden gebetet wird, dass ihre Herzen erleuchten, damit Gott sie vor der Hölle bewahrt. Es ist ja ganz unglaublich, was mit dieser Entscheidung an Schaden angerichtet worden ist. Das ist doch ein Politikum. Die katholische Kirche ist die größte kirchliche Organisation in Deutschland, und das Judentum hat eine ganz besondere Stellung in Deutschland. Es weiß doch jedermann, was hier passiert ist.

Spengler: Aber wir haben doch die Trennung von Staat und Kirche?

Geißler: Die Trennung von Staat und Kirche haben wir aber nur partiell. Das hat doch damit gar nichts zu tun. Die Politik kann doch klar sagen, wenn hier ein solcher Fehler gemacht wird, dass dies falsch ist und dass dies korrigiert werden muss.

Spengler: Herr Geißler, einzelne CDU-Mitglieder sind aber sehr, sehr betrübt, weil die Kanzlerin sich so eingemischt hat. Es sind ja nicht meine Argumente, die ich vortrage, sondern der Freiburger Theologe Hubert Windisch zum Beispiel hat gesagt, Merkel sei für Katholiken nun nicht mehr wählbar.

Geißler: Wer?

Spengler: Der Freiburger Theologe Hubert Windisch.

Geißler: Ich weiß nicht, ob der Mitglied der CDU ist, und ich weiß auch nicht, ist der vielleicht Mitglied auch dieser Piusbruderschaft. Das weiß ich alles nicht. Ist auch Unsinn. Das sind zwei, drei Leute in der CDU. Sie können hier doch nicht von der CDU reden.

Spengler: Immerhin 50 Prozent der CDU-Mitglieder sind Katholiken, und viele Katholiken fühlen sich von der Kanzlerin an dem Punkt nicht vertreten.

Geißler: Aber ich glaube, die allermeisten fühlen sich vom Papst nicht mehr vertreten in dieser Sache, unabhängig davon, ob da nun Katholiken - -

Spengler: Herr Geißler, wir haben eine Störung in der Leitung. Ich weiß nicht, mit welchem Telefon Sie telefonieren, vielleicht, dass Sie es ganz ruhig halten. Vielleicht kriegen wir dann das Gespräch noch über die Bühne. Aber wir haben sehr viele Störgeräusche.

Geißler: Also ich höre nichts.

Spengler: Wir hören Sie jetzt wieder gut. - Sie sagen also nicht, dass die CDU-Vorsitzende die Christliche Demokratische Union spaltet durch ihre Intervention?

Geißler: Das sind doch alles Behauptungen. Entschuldigung, ist ja nicht ihre Behauptung. Das behauptet noch nicht einmal der Norbert Geis. Geis ist Mitglied von Opus Dei und fühlt sich dem natürlich verpflichtet, den Papst unter allen Bedingungen zu verteidigen. Was wir klar sehen müssen und was das Ärgerliche ist: Die Katholiken werden durch diese falsche Entscheidung des Papstes, ich sage noch einmal die Aufnahme einer judenfeindlichen Organisation in die Kirche, in schwerster Weise beeinträchtigt. Und wir müssen doch klar sagen und erkennen: die katholische Kirche ist nicht identisch mit dem Papst. Der Papst ist nicht die katholische Kirche und der Papst kann infolgedessen und muss auch von den Katholiken selber kritisiert werden dürfen.

Spengler: Heiner Geißler war das. Wir müssen an dieser Stelle das Interview abbrechen, weil die technische Qualität es leider nicht weiter zulässt. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Geißler: Bitte schön!

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