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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWas hinter den Foodwatch-Forderungen steckt04.03.2013

Was hinter den Foodwatch-Forderungen steckt

Harald Schumann: "Die Hungermacher", Fischer-Verlag

Wer verstehen will, wie die Spekulation mit Nahrungsmitteln den Hunger in der Welt forciert und was man dagegen tun kann, ist gut beraten mit dem Buch "Die Hungermacher" des "Tagesspiegel"-Redakteurs Harald Schumann.

Von Detlef Grumbach

Globale Akteure auf den Finanzmärkten treiben mit ihren Preiswetten die Preise für Rohöl, Weizen, Mais und Soja in die Höhe. (AP)
Globale Akteure auf den Finanzmärkten treiben mit ihren Preiswetten die Preise für Rohöl, Weizen, Mais und Soja in die Höhe. (AP)

Die grundlegende These Harald Schumanns zu den seit gut zehn Jahren forcierten Anlagegeschäften an den internationalen Rohstoffbörsen lautet: Globale Akteure auf den Finanzmärkten erzielen dort hohe Gewinne durch Preiswetten. Damit aber treiben sie die Preise für Rohöl, Weizen, Mais und Soja in die Höhe - und zwar unabhängig von Angebot und Nachfrage. Die Folge dieses rein spekulativen Geschäfts bringt Foodwatch ganz nüchtern auf folgenden Nenner:

"Wenn Menschen 80 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen - und nicht nur zehn bis 20 Prozent, wie in den reichen Industrieländern -, dann sind Preissteigerungen für Getreide, Brot und andere Grundnahrungsmittel für sie eine existenzielle Bedrohung."

Die einen streichen Gewinne ein, die anderen hungern - mit dieser Aussage hat Schumann vor zwei Jahren die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Seitdem hat er zahlreiche Vertreter von Banken und Investmentfonds, Verantwortliche der Rohstoffbörsen in den USA und Europa, neutrale Beobachter der UNO und Wissenschaftler damit konfrontiert. Die Reaktion darauf war geteilt.

"Meine größte Überraschung war, dass ich bei Banken und Investmentfonds viele Leute getroffen habe, die das selber sehr kritisch sehen. Und dann hat mich natürlich auch überrascht, mit welcher Chuzpe dann die Verantwortlichen bei den großen Playern in dem Business die Auseinandersetzung einfach verweigert haben."

"Die Hungermacher" nennt der Redakteur des Berliner "Tagesspiegel" seine soeben erschienene Streitschrift. In einer Einleitung erinnert er an das zwei Jahre alte Versprechen der Deutschen Bank, die Vorwürfe zu überprüfen. Konsequenzen wurden bisher nicht gezogen.

Er dokumentiert Thesen und Forderungen von Foodwatch und erklärt in den folgenden Kapiteln seines Buchs die Aufgaben und Funktionsweise der Rohstoffbörsen, den Anteil der Spekulation an den zu beobachtenden Preissteigerungen und diskutiert die wirtschaftlichen und politischen Argumente für und wider den Handel mit Rohstoffderivaten.

Wie nebenbei, in kleinen Einschüben in seinem Text, erläutert der Autor wichtige Begriffe wie Margin, Futures oder Derivate, was es bedeutet, an der Börse "long" oder "short" zu gehen. Ursprünglich dienten sie demnach allein dem Handel mit Getreide, Öl oder Edelmetallen. Produzenten und Abnehmer wollten angesichts permanent schwankender Preise im Voraus wissen, auf welcher Grundlage sie ihr Geschäft kalkulieren können. So vereinbarten sie so genannte Warentermingeschäfte. Als Mittler dabei traten die Rohstoffbörsen auf.

"Bei den Warenterminkontrakten handelt es sich um Verabredungen zwischen jeweils zwei Handelspartnern. Der eine erwartet, dass der Preis steigen wird, der andere erwartet, dass der Preis fallen wird. Und je nachdem, wie es ausgehen wird, bezieht der eine seinen Gewinn aus dem Börsenkonto, wo der andere einzahlen muss - und umgekehrt."

Diese Geschäfte waren bis 1999 stark reglementiert und dienten allein dem physischen Handel mit Rohstoffen. Das Risiko, mit dem durchaus spekulativ im Voraus festgesetzten Preis ein gutes oder schlechtes Geschäft zu machen, war begrenzt. Die Preissicherheit wog es auf. Doch dann wurden die Regeln im Rahmen der globalen Liberalisierung der Finanzmärkte gelockert und die sogenannte Finanzindustrie witterte ihre Chancen.

600 Milliarden Dollar, so Schumann, sind mittlerweile in diesem Bereich angelegt, ein Vielfaches des Handelsvolumens für reale Rohstoffe. 80 Prozent der Geschäfte mit Rohstoffderivaten haben mit dem physischen Handel von Öl oder Weizen demnach heute nichts mehr zu tun.

"Das Interessante ist, dass mit der Öffnung der Warenterminbörsen für die große Kapitalanlage von Versicherungen, Pensionsfonds, Stiftungen und so weiter die Preisbewegungen an diesen Börsen aufs Engste gekoppelt wurden mit den Preisbewegungen mit den allgemeinen Kapitalmärkten. Darum kann es beispielsweise sein, dass der Preis für Mais und Weizen einfach nur deswegen steigt, weil die amerikanische Notenbank gerade wieder den Markt mit zusätzlichen Dollars flutet und die Banken und Anleger dann zusätzliche Anlagemöglichkeiten suchen. Dann steigt der Preis an den Warenterminbörsen für diese Rohstoffe, und wenn dieses Signal dann ausgesendet ist, dann ist es auch ein Signal an die physischen Händler, weil sie dann sehen, sie müssen nicht billiger verkaufen."

So steigen die Preise stetig an, auch wenn einmal eine Spekulationsblase platzt. Banken und Börsen verdienen aber auch dann: an Gebühren und Provisionen. Die Preise für Nahrungsmittel stiegen jedoch nur, weil es Missernten gebe, die Nachfrage steige, weil Mais jetzt auch für Ökosprit benötigt würde - so ziehen sich etwa die Deutsche Bank oder die Allianz aus der Affäre. Schumann widerlegt diese Position auf überzeugende Art und zitiert etwa die japanische Notenbank, dass ...

... die Rohstoffpreise zusehends weniger die jeweiligen Bedingungen bei Angebot und Nachfrage reflektieren, sondern vermehrt von den Effekten der Portfolio-Umschichtungen der Finanzinvestoren abhängig sind.

Am Ende des Buchs berichtet der Autor von politischen Initiativen in den USA oder Europa, der Spekulation mit Nahrungsmitteln ein Ende zu bereiten. Die Politik, so Schumann, könnte sie einfach verbieten, doch die Lobby der Finanzmärkte sei stärker. Wenn sich bislang einzelne Unternehmen, wie die Britische Bank Barclays, aus dem umstrittenen Geschäft zurückgezogen haben, sei dies nur auf Druck der Kunden geschehen. Deshalb engagiert er sich dafür, diesen Druck zu erhöhen:

"Man kann ja zum Kapitalismus stehen, wie man will, aber man macht einfach keine Geschäfte, die die Gefahr mit sich bringen, dass irgendwelche armen Leute deswegen hungern müssen. Das ist ja auch moralisch und religiös ganz tief verankert. Das gehört sich einfach nicht."

Wer verstehen will, wie die Spekulation mit Nahrungsmitteln den Hunger in der Welt forciert, wer daran verdient und was man dagegen tun kann, ist mit Schumanns Buch "Die Hungermacher" gut beraten. Sachlich und geduldig erklärt es die Zusammenhänge, und mit leidenschaftlichem Engagement zeigt er die Möglichkeiten auf, an den Missständen etwas zu ändern.

Harald Schumann: "Die Hungermacher. Wie Deutsche Bank, Allianz und Co. auf Kosten der Ärmsten mit Lebensmitteln spekulieren. Ein Foodwatch-Buch"
Fischer Taschenbuch, 192 Seiten, 9,99 Euro, ISBN: 978-3-59619-625-8

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