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StartseiteMusikjournal"Niemand vom Weißen Haus ist gekommen"13.03.2017

Washington National Opera "Niemand vom Weißen Haus ist gekommen"

In der Washington National Opera sind seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump zwei Werke des 21. Jahrhunderts aufgeführt worden: Jake Heggies "Dead Man Walking" über die Todesstrafe und Terence Blanchards "Champion" über einen schwulen afroamerikanischen Boxer. Das Weiße Haus ist nur eine Meile vom Spielort entfernt, doch bislang hat von dort keiner den Weg in die Oper gefunden.

Von Bernhard Doppler

John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington, DC (AFP - MANDEL NGAN)
John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington, DC - ganz in der Nähe zum Weißen Haus. (AFP - MANDEL NGAN)
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"Hier in Amerika wir haben einen Zeitbruch, alles ist in Transition. Auch wie in Europa. Denn wir haben diesen neuen Präsident. Das ist sehr schwer für uns: Arbeit in Kultur und Kunst. Ich habe diese Opern schon programmiert jetzt schon vor zwei Jahren. Aber jetzt sind sie sehr wichtig in unserer Zeit."

Ostküsten-Premiere von "Oper in Jazz"

Die afroamerikanische Oper von Terence Blanchard, Trompeter, aber auch erfolgreicher Komponist von Filmmusik nennt sich "Oper in Jazz". Sie war ein Auftragswerk der Oper Saint Louis und der Institution "Jazz Saint Louis". Die Washingtoner Aufführung nun ist nach Saint Louis und San Francisco die Ostküsten-Premiere des Werkes. Inhalt ist die Biografie des Welter- und später auch Mittelgewichtsweltmeisters Emile Griffith. Er starb kurz nach der Uraufführung 2013.

Griffiths Lebensgeschichte wird in vielen Spiegelungen gezeigt. Dem alten an Alzheimer erkrankten und von Ängsten verfolgten Boxer stehen nicht nur sein Gegner um den Weltmeistertitel und sein Stiefsohn gegenüber, er taucht auch selbst als junger Mann, ja auch noch in einer dritten Rolle als Kind auf. Das Thema seiner Ängste ist ein Widerspruch. Griffith hatte bei einem Boxkampf seinen Gegner Paret so zusammengeschlagen, dass dieser wenige Tage später starb. Ein Schicksal, das Griffith an anderer Stelle beinahe selbst ereilte. In den 90er-Jahren wurde er fast zu Tode geprügelt, als er eine Homosexuellen-Bar verließ. "Ich töte einen Mann, und die meisten Leute verstehen das und verzeihen mir. Und ich liebe einen Mann, und das halten sie für eine unverzeihliche Sünde." So bringt der Boxer sein Dilemma auf den Punkt.

Oper in den USA boomt seit 2000; in den letzten 15 Jahren gab es mehr Uraufführungen als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, heißt es im "National Opera Center" in New York. Dass sich die amerikanische Oper auch politisch versteht, ist an einem Abend unter dem Motto "Justice at opera" mit Ruth Bader Ginsburg zu sehen. Die 84-jährige Richterin am Supreme Court gehört zum liberalen Flügel der Richterschaft. Als sie auftritt, erhebt sich das Publikum zu Standig Ovations, viel länger dauernd als bei den Sängern. Die Richterin moderiert ein halbszenisches Opernkonzert, in dem sie Opern vom Freiheitskampf Leonores in "Fidelio", über Don Joses Dienstvergehen in "Carmen" und so weiter bis zu Philip Glass Klu-Klux-Klan-Oper juristisch und wohl auch unterschwellig politisch kommentiert.

"Natürlich sie könnte das nicht so dunkel machen, aber alles war mit einem Untertext, einem Subtext. Naturlich dieses Jahr war für Justice Ginsburg sehr schwer, denn sie hat gesprochen dieses Jahr gegen Trump in der 'New York Times'."

Über Ginsburg und ihren politischen Gegenspieler am Supreme Court gibt es übrigens bereits eine erfolgreiche Oper von Derrick Wang "Ginsburg -Scalia", Francesca Zambello wird auch dieses Werk zeigen.

"Die Oper dauert eine Stunde und ist eine Diskussion zwischen Ginsburg und Scalia. Er ist jetzt tot und er war sehr sehr konservativ, aber er war wie Ginsburg, das war immer ein großer Amant von der Oper und Musik. Und das war immer für die zwei ein ein Moment wo wir Frieden könnten haben."

"Dead Man Walking" wird als Ausdruck der eigenen Kultur empfunden

Jake Heggies "Dead Man Walking" ist vermutlich die erfolgreichste amerikanische Oper des 21. Jahrhunderts. Seit der Uraufführung 2000 ist die Inszenierung in Washington nun schon die 15. Produktion dieser Oper. Auch in Deutschland wurde sie, in Dresden und in Schwerin, gezeigt. Doch in Amerika wird "Dead Man Walking" vor allem als Ausdruck der eigenen Kultur empfunden. In den Publikumsgesprächen nach der Aufführung wird kaum politisch, etwa für oder gegen die Todesstrafe agitiert, sondern hervorgehoben, wie nahe die Figuren dem eigenen Alltag entsprechen. Schon allein deshalb, weil sie englisch singen.

Francesca Zambello hat sich im Bühnenbild durchaus an die "Champions"-Inszenierung und ihre innere Dramaturgie angelehnt. Beide Aufführungen sollen sich für das Publikum aufeiander beziehen. Alle Personen der Oper sind in ihrer Inszenierung immer auf der Bühne präsent: die Opfer, die Täter. Wie in einer therapeutischen Sitzung wird das Thema behandelt. Treten manche Figuren in einer Szene nicht auf, nehmen sie auf Stühlen an der Seite Platz und beobachten das Geschehen. Hin und wieder wird die Rückwand hochgefahren, und die Gefangenen werden als bedrohlicher Chor sichtbar.

Heggies Komposition zitiert sehr geschickt verschiedene amerikanischen Musikformen: Radiomusik aus den 80ern, Elvis Presley, Filmmusik, Gospels. Vor allem ist sie an den Stimmen orientiert und fordert unterschiedlichste Nuancen. Sehr ambitioniert das Orchester unter Michael Christie. Als Schwester Helen Prejan sehr beeindruckend Kate Lindsay. Susan Graham - sie sang diese Rolle bei der Uraufführung in San Francisco vor 16 Jahren ist inzwischen - sehr dramatisch  - die Mutter des zum Tode Verurteilten. Oper lebt in den USA, auch und gerade in Washington. Ob das auch die neue Regierung realisiert? Das Weiße Haus ist nur eine Meile vom Washingtoner Kennedy-Center entfernt.

"Nein. Ich habe alles eingeladen, viele Leute von Trump und der republikanischen Administration. Aber niemand vom Weißen Haus ist gekommen."

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