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StartseiteForschung aktuellArzneimittel-Reste verunreinigen Flüsse13.01.2017

Wasserbau-Symposium Arzneimittel-Reste verunreinigen Flüsse

Deutsche Flüsse werden nicht nur durch Abwasser und Pestizide verunreinigt, sondern auch durch Arzneiwirkstoffe. Oft werden die Grenzwerte der Mittel überschritten, wie Forscher auf dem Wasserbau-Symposium der RWTH Aachen berichteten. Im Fluss Nidda etwa wurden große Mengen von Diclofenac gefunden.

Von Volker Mrasek

Die Nidda schlängelt sich am Kurpark von Bad Vilbel (Wetteraukreis, Hessen) nach erfolgreicher Renaturierung durch in verändertes Flussbett.  (dpa / picture-alliance / Arne Deder)
Der Fluss Nidda ist mit Arzneimitteln stark belastet. (dpa / picture-alliance / Arne Deder)
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Die Nidda fließt durch Hessen. Sie entspringt am Vogelsberg und mündet in den Main. Aber eigentlich gibt es sie überall:

"Die Nidda ist ein Fluss, wie er vielfach in Deutschland vorkommt. Ein mittelgroßer Fluss, ungefähr 100 Kilometer Länge."

Der Umweltwissenschaftler Arne Wick von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz ...

"Die Nidda ist auch stellvertretend für Flüsse, wo wir eine hohe Siedlungsdichte haben, aber auch viel Einfluss von Landwirtschaft."

Abwasser und Abflüsse von Äckern fließen in die Nidda

Abwasser aus Kläranlagen und Abflüsse von Äckern - sie führen dazu, dass die Nidda nicht den guten chemischen Zustand aufweist, den sie nach der europäischen Wasserrahmenrichtlinie schon seit 2015 haben sollte. Das ergibt sich aus Messkampagnen in der Nidda und ihren Nebenflüssen. Über die vorläufigen Ergebnisse aus dem laufenden Forschungsprojekt berichtete Arne Wick jetzt erstmals auf dem Wasserbau-Symposium in Aachen:

"Es gibt auf jeden Fall Handlungsbedarf. Das betrifft aber nicht nur die Nidda. Das ist durchaus repräsentativ. Das betrifft alle Flüsse, die eben einen gewissen Abwasseranteil haben."

Im gereinigten Abwasser der Kläranlagen findet sich zum Beispiel Diclofenac. Der Arzneiwirkstoff steckt in vielen Schmerzsalben. Beim Händewaschen nach dem Auftragen oder beim Duschen gelangt er dann ins Abwasser. Und schließlich in die Umwelt. Denn in der Kläranlage rauscht Diclofenac größtenteils durch - so auch an der Nidda. Noch gibt es keine Umwelt-Qualitätsnormen für Diclofenac in der Wasserrahmenrichtlinie. Aber das soll sich schon bald ändern:

"Es gibt eine vorgeschlagene Umwelt-Qualitätsnorm, die liegt bei 50 Nanogramm pro Liter momentan. Dieser Wert wird eigentlich in sämtlichen Bereichen, auch in den Nebenflüssen, überschritten."

Diclofenac schädigt Nieren von Fischen

Der empfohlene Schwellenwert ist deshalb so niedrig, weil offenbar schon winzige Mengen Diclofenac genügen, um die Nieren von Fischen zu schädigen. In der Nidda und ihren Zuflüssen übertrafen die Jahresmittelwerte für Diclofenac die 50-Nanogramm-Schwelle deutlich. Zum Teil waren die gemessenen Stoffmengen zehnmal so hoch.

Dass aber auch andere Flüsse ein Problem mit dem Entzündungshemmer haben, bestätigen Studien des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wasserforschung in Mühlheim an der Ruhr. Dort befasst sich der Hydrologe Tim aus der Beek mit der Gewässerverschmutzung durch Arzneimittel:

"Wir haben über 4.000 Messwerte gefunden für Diclofenac allein in Deutschland. Und allein der Mittelwert liegt über 0,1 Mikrogramm pro Liter. Das ist über dem Grenzwert, der sogenannten predicted no effect concentration. Das ist die Konzentration, ab der man im Labor Effekte auf die Umwelt nachgewiesen hat."

Hohe Konzentration des Pflanzenschutzmittels Isoproturon

In der Nidda fiel auch Isoproturon durch überhöhte Gehalte im Wasser auf - ein häufig eingesetzes Pflanzenschutzmittel. Landwirte verwenden es, um Ackerunkräuter zu bekämpfen. Der Stoff hemmt aber auch die Photosynthese von Grünalgen in Gewässern. Für Isoproturon kennt die Wasserrahmenrichtlinie deshalb bereits Grenzwerte.

"Hier haben wir hinsichtlich der Höchstkonzentration auch Überschreitungen von Umwelt-Qualitätsnormen gesehen. Sobald die Situation eines Stoffes die Umwelt-Qualitätsnorm überschreitet, müssen eigentlich Maßnahmen eingeleitet werden."

Die Schweiz hat sich dazu entschlossen. Dort erhalten kommunale Kläranlagen eine vierte Reinigungsstufe. Teils bekommen sie Aktivkohle-Filter, teils wird das Abwasser zusätzlich mit Ozon behandelt. Beide Verfahren können Stoffe wie Diclofenac und Isoproturon wirkungsvoll eliminieren.

Auch in Deutschland gebe es inzwischen solche Überlegungen, wie Tim aus der Beek in Aachen sagte. Etwa in Nordrhein-Westfalen:

"Was jetzt in NRW auch passiert, ist, dass man eher die Hot Spots versucht herauszufinden, das heißt: An welchen Kläranlagen haben wir besonders hohe Einträge? Bei welchen Kläranlagen würde es sich wirklich lohnen, diese aufzurüsten?"

Ökosysteme in Deutschland erholen sich nur schwer

In Deutschland hat die Renaturierung von Flüssen oft nicht den erhofften Erfolg, das Ökosystem erholt sich nicht wie erwartet. Forscher wie Arne Wick vermuten, dass das auch an der permanenten Belastung mit Schadstoffen wie Diclofenac oder Isoproturon liegen könnte. Ein Grund mehr aus ihrer Sicht, um die Einträge der Substanzen zu reduzieren.

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