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StartseiteEine WeltWeg vom Fenster19.04.2008

Weg vom Fenster

Die Zeitungskrise in den USA

Nach dem 11. September 2001 mussten in Deutschland viele Zeitungen Journalisten entlassen: Der Anzeigenmarkt war zusammengebrochen und damit die Finanzierung vieler Zeitungen. Erst jetzt ereilt diese Entwicklung die amerikanischen Medien. Tageszeitungen wie auch Magazine leiden unter chronischem Leserschwund und dem anhaltenden Anzeigeneinbruch. Die Folge: Immer mehr Mitarbeiter werden entlassen.

Zeitungsstapel (Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)
Zeitungsstapel (Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)

Die amerikanischen Medien berichten derzeit pausenlos über ein bedrohliches Phänomen in der Medienbranche: den freien Fall der Zeitungen ins Bodenlose. Das vergangene Jahr war von besonders vielen Umwälzungen geprägt: Die Tribune Company, eines der größten Verlagshäuser der USA, wurde an den Businessmann Sam Zell verkauft. Das "Wall Street Journal" ging aus den Händen der alteingesessenen Verlegerfamilie der Bankrofts an den Medienunternehmers Rupert Murdoch über. Und sogar die lange Zeit als unangreifbar geltende "New York Times" steht unter Druck von einigen Finanzinvestoren, die die Zeitung zu einer radikalen Kursänderung zwingen wollen - und das würde im gegenwärtigen Geschäftsklima massive Budgetkürzungen, Massenentlassungen und eine verminderte journalistische Qualität der Zeitung bedeuten. Genau dies ist nach den Worten von Samuel Craig, Medienprofessor an der New York University, bei vielen anderen Zeitungen bereits voll im Gange.

"Das Zeitungsbusiness in den USA hat schon bessere Zeiten gesehen und steht unter Beschuss von mehreren Seiten. Viele der jüngeren Leser sind dabei, das Zeitungslesen zugunsten des Internets aufzugeben, und die sinkenden Abozahlen machen Zeitungen unattraktiver für Werbekunden, weil eine Anzeige immer weniger Leute erreicht. "

Tatsächlich lesen nur noch 19 Prozent der Amerikaner zwischen 18 und 34 Jahren täglich Zeitung, das Durchschnittsalter der Zeitungsleser liegt bei 55 Jahren. Obwohl viele jüngere Leser ausführlich von den Infoangeboten im Internet Gebrauch machen ist das Hauptproblem, dass die meisten Zeitungen den Einnahmenschwund aus dem Printgeschäft durch ihre Onlineausgaben noch längst nicht wettmachen können. Das gilt vor allem für die rund 1400 Lokal- und Regionalzeitungen der USA und weniger für die überregionalen Zeitungen sagt Samuel Craig.

"Das einzigartige an der "Times" und am "Wall Street Journal" ist, dass es keine anderen Zeitungen wie sie gibt. Das Journal steht für höchste Qualität im Wirtschaftsjournalismus und die Times ist das Äquivalent im politischen Journalismus. Solche Institutionen haben es einfacher, dem Sturm entgegenzutreten auch wenn es nicht einfach sein wird. Das Journal hat außerdem den Vorteil, dass es nun zur News Corporation mit seinen Dutzenden von anderen Geschäftsbereichen gehört, das heißt auch wenn es der Zeitungsbranche schlecht geht, werden die Verluste durch Gewinne in anderen Bereichen aufgefangen. Man ist nicht von einer einzigen Einnahmequelle abhängig. "

Die Krise ist nicht auf die Tagespresse begrenzt. Auch bei Magazinen wie "Newsweek" oder TV-Sendern wie CBS werden drastisch Mitarbeiter gekürzt, so dass immer weniger Journalisten für immer mehr Arbeit zuständig sind. Dass Reporter wissen, wie sie nicht nur mit einem Laptop, sondern auch dem Design ihrer Onlineausgabe und einer Videokamera umgehen sollen, wird fast schon vorausgesetzt. Auch Danny Schechter arbeitete jahrzehntelang als Fernsehjournalist bei ABC und CNN und widmete sich dann als Dokumentarfilmemacher brisanten politischen Themen wie Korruption und Medienkonzentration. Doch auch für ihn wird es immer schwieriger Geld für ehrgeizige Recherchen zu bekommen. Er denkt daran, seine Produktionsfirma aufzulösen.

"Viele Redaktionen im ganzen Land sind finanziell ausgetrocknet und haben kein Geld mehr für erfahrene Reporter, und den jungen Journalisten die neu anfangen, werden auch nicht gerade besonders aufregende Aufträge gegeben und das beeinträchtigt die Qualität des Journalismus. Das Internet hat eine Kultur geschaffen, wo die Leute erwarten, Content kostenlos zu bekommen. Und das schafft nicht gerade neue Stellen für den Journalismus oder die Möglichkeit bezahlt zu werden."

Laut einer Umfrage der "American Journalism Review" begegnen viele Zeitungsjournalisten den derzeitigen Umwälzungen mit Unbehagen. Zwei Drittel aller Befragten gaben an, dass ihnen die technologischen Neuerungen Angst machten. 43 Prozent sind sich nicht sicher, ob sie in fünf Jahren überhaupt noch als Zeitungsjournalist arbeiten werden, bei jenen Befragten unter 34 Jahren waren es gar 75 Prozent. Die Folge ist, dass immer weniger junge Talente in diesem Beruf bleiben und sich frühzeitig nach anderen Möglichkeiten umsehen. Rem Reider, Chefredakteur der "American Journalism Review".

"Journalisten haben sich viele Jahre lang als Retter der Welt gesehen, die Missstände aufdeckten und allein gegen die ganze Welt ankämpften. Heute haben Journalisten eine ganz andere Identität, sie arbeiten eher in einem Team und machen vieles gemeinsam. Aber der wirkliche Grund zur Sorge ist die Frage, ob es in Zukunft weiterhin die gleiche hohe Qualität an politischen Journalismus geben wird. Viele Medien ziehen sich aus langen, teuren und langfristigen Projekten zurück und wenden sich dem Lokalen für die Webseite zu. Es ist ein Geschäft, das sich von jenen Ursprüngen abwendet, weshalb sich ihm viele einmal zugewandt haben. "

Die Stimmung in den Nachrichtenredaktionen ist dementsprechend schlecht und immer mehr Journalisten wenden sich anderen Berufsfeldern wie der PR zu oder fangen noch einmal ganz von vorne an und kaufen ein Restaurant oder studieren Jura. Allein bei der "Washington Post" hat daher die Hälfte der Belegschaft, denen der Verlag ein Angebot für den vorzeitigen Ruhestand machte angenommen, sagt Peter Perl, Direktor für Redaktionsfortbildung bei der Post.

"Manche Leute wünschen sich wirklich, dass sie zu den alten Zeiten zurückkehren könnten, aber andere haben begriffen dass das schlichtweg nicht möglich ist. Wir haben nicht mehr die Ressourcen, die es uns erlauben lange an wichtigen Stories zu sitzen und von der Reportern wird erwartet, dass sie produktiver sind. Wir können uns eine Belegschaft von der Größe wie wir sie einmal hatten nicht mehr leisten. Das ist schlichtweg die harsche Realität des Geschäfts. "

Die "Washington Post" ist eine jener Zeitungen, die verstärkt mit dem sogenannten hyperlokalen Journalismus experimentiert. Im Rahmen der zu der Zeitung gehörenden Webseite LoudounExtra.com, die in einem Vorort von Washington gemacht wird, sind Reporter unterwegs um über jedes Schulfest und jedes Fußballspiel der Kreisliga zu berichten. Die Leser, die sich regelmäßig in der Berichterstattung wiederfinden, bleiben der Publikation auf diese Weise treu und sorgen dafür, dass es die Washington Post noch lange geben wird. New York University Professor Samuel Craig findet die Nachrufe auf das Zeitungsgeschäft ohnehin irreführend.

"Dies ist eine Zeitung, die Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet wurde, und sie wird weiterhin bestehen aber anders aussehen. Vorhersagen, die den Tod der Papierzeitung vorhersagen sind verfrüht, sie wird weiterhin ihre Rolle in der Gesellschaft haben. Meiner Ansicht nach wird es noch mindestens 10 Jahre dauern bis das Internet den gleichen Stellenwert einnimmt. "

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