Kommentar /

Weg zurück aus radikaler Verirrung ermöglichen

Über die Diskussion um das rechtsextreme Umfeld der Ruderin

Von Rolf Clement

Die Ruderin Nadja Drygalla
Die Ruderin Nadja Drygalla (picture alliance / dpa/Vassil Donev)

In Deutschland muss man aufpassen, dass nicht schon ein Verdacht reicht, um einen Menschen zu verurteilen, wenn es um rechtsextremistisches Gedankengut geht.

Seit einigen Tagen wird über eine mögliche braune Gesinnung der Ruderin Nadja Drygalla wild spekuliert. Was wird ihr konkret vorgehalten? Im Pressedienst des Innenministeriums von Mecklenburg-Vorpommern steht der Satz: "Nachdem im Jahr 2011 dem Innenministerium bekannt wurde, dass auch Personen zum Bekanntenkreis von Nadja Drygalla gehören, die der offen agierenden rechtsextremen Szene zugehörig sind, wurden mit ihr Personalgespräche geführt."

Das muss man sich genau anhören: Zu ihrem Bekanntenkreis gehörten Personen aus der Szene. Dass sie selbst dort eine Rolle gespielt hat oder spielt, behauptet niemand, der die Szene beobachtet. Die in den meisten Fällen wohl berechtigte Annahme, dass ein militanter Rechtsextremist - das war ihr Freund sicherlich, wenn er es nicht sogar noch ist – nur mit Gesinnungsgenossen zusammenleben kann, reicht also aus, um Drygalla zum Verzicht auf eine sichere Polizeikarriere zu bringen und sie nach geleistetem, nicht medaillenprämierten Einsatz bei Olympia – wohlgemerkt: danach – des Olympiadorfes zu verweisen.

Auf solch schmaler Basis darf ein solcher Umgang mit einem jungen Menschen nicht aufgebaut werden. Wer sich noch an die Extremistenbeschlüsse der Regierungen in den 1970er-Jahren erinnert, wird schnell feststellen, dass hier noch weniger an harten Informationen vorliegt als damals. Und damals hagelte es Kritik an den Verfahren, Extremisten aus dem öffentlichen Dienst fernzuhalten.

Natürlich steht ein Sportler in der Öffentlichkeit und muss sich dieser auch stellen – Nadja Drygalla weiß dies und hat gestern ein Interview dazugegeben. Und was sie sagte, hört man auch aus Sicherheitsbehörden: Drygalla hat sich vor fünf Jahren, damals als sehr junges, sportbegeistertes, unpolitisches Mädchen, in einen jungen Mann verliebt, der den Weg in die militante rechte Szene gegangen ist.

Sie kam von ihm nicht mehr los, hat aber nicht mitgemacht. Dann hat sie den Job verloren, es wurden die NSU-Taten bekannt. Und seit gut einem Jahr versucht sie aktiv, ihren Freund auf einen anderen Weg zu bringen. Dessen Austritt aus der NPD vor einigen Monaten wurde heute bestätigt.

Kann die Geschichte nicht so gewesen sein? Wird der Schweriner Innenminister Caffier morgen das im Kabinett und dann in der Öffentlichkeit so darstellen? Es geht jetzt nicht mehr nur um Nadja Drygalla, es geht jetzt auch darum, ob die Gesellschaft jungen Menschen den Weg zurück aus einer radikalen Verirrung ermöglicht.

Bei aller nötigen Härte in der Verfolgung rechtsextremistischer Personen müssen denen, die aussteigen wollen, der Weg geebnet und damit Anreize geschaffen werden - immer vorausgesetzt, dass das jetzt gezeichnete Bild und Selbstbild der Ruderin richtig ist.

Das wäre ein am Ende für Nadja und die Gesellschaft positives Ergebnis dieser Geschichte.

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