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StartseiteKalenderblattWegbereiter des modernen Theaters21.01.2009

Wegbereiter des modernen Theaters

Vor 25 Jahren starb der Schauspieler und Theaterregisseur Roger Blin

Der Regisseur Roger Blin hat den Stücken von Samuel Beckett und Jean Genet zum Durchbruch auf der Bühne verholfen und die moderne Theaterästhetik mit geprägt. Als Schauspieler war der 1907 geborene Franzose schon in den 30er Jahren gefragt. Der Weggefährte der Avantgardisten und Wegbereiter neuer Dramatiker von Antonin Artaud bis Harold Pinter starb am 21. Januar 1984.

Von Eva Pfister

Samuel Becketts (siehe Bild) Theaterstück inszenierte vor allem ein Regisseur: Roger Blin. (AP Archiv)
Samuel Becketts (siehe Bild) Theaterstück inszenierte vor allem ein Regisseur: Roger Blin. (AP Archiv)

"Die Natur hat uns vergessen", stellt Hamm in Samuel Becketts "Endspiel" fest. Roger Blin hat diese Rolle gespielt, er hat auch das Stück inszeniert. In die Geschichte eingegangen ist er aber vor allem als Regisseur der Uraufführung von "Warten auf Godot", die den damals unbekannten irischen Autor von seinem Hungerleiderdasein in Paris erlöste.

Samuel Beckett lernte Roger Blin 1950 kennen. Der gehörte damals der "Gruppe Oktober" an, einem Zirkel von Theaterleuten und Autoren, die sich für unkonventionelle Ästhetik und radikale Stücke einsetzten. Roger Blin, 1907 in Neuilly-sur-Seine geboren, war ein Schüler Antonin Artauds, der ihn ermutigt hatte, trotz seines schweren Stotterns zum Theater zu gehen.

Nachdem Beckett 1949 Blins Inszenierung von Strindbergs "Gespenstersonate" gesehen hatte, bot er ihm "Warten auf Godot" an.

Roger Blin las das Stück, so erzählt er, und auch wenn er zunächst nicht alles verstand, begriff er doch, dass es sich um einen außerordentlichen Text handelte, den man auf die Bühne bringen musste. Es dauerte aber noch drei Jahre, bis er ein Theater fand, das es mit diesem Stück wagen wollte - und Geldgeber. Schließlich wurden 500.000 alte Francs bewilligt.

Nach der Premiere am 5. Januar 1953 zeichnete sich rasch der große Erfolg ab. Roger Blin blieb Beckett treu, er inszenierte "Endspiel", "Das letzte Band" und "Glückliche Tage". Der Regisseur arbeitete auch mit Amateuren, unter anderen mit einer Gruppe von in Paris lebenden Afrikanern, die sich "Les Griots" nannten, die Geschichtenerzähler. Mit ihnen riskierte Blin die Uraufführung von Jean Genets "Les Nègres". Sechs Monate lang arbeiteten Regisseur und Ensemble ohne Bezahlung. Die Premiere im Oktober 1959 bedeutete Genets Durchbruch als Bühnenautor.

1960 unterzeichnete auch Roger Blin das Manifest der 121 gegen den Algerienkrieg, was ihm ein Jahr lang faktisches Berufsverbot einbrachte. Um so mehr war es ihm dann ein Anliegen, Genets Stück über den Algerienkrieg "Les Paravents" - "Die Wände" - zu inszenieren. Das war in Frankreich erst 1966 möglich, fünf Jahre nach der Uraufführung in Berlin, und führte zu heftigen Skandalen, denn viele Nationalisten hatten den Abzug der Franzosen aus Algerien 1962 noch nicht akzeptiert.

Jean Genet besuchte regelmäßig die Proben zu "Die Wände" und notierte sich nachts Anregungen und Kritiken, die er dem Regisseur schickte.

"Der Polizist gefällt mir nicht. Entweder liegt es an Ihnen und Ihrer etwas herben und spöttischen Poesie, oder es liegt an dem von Ihnen geführten jungen Mann."

Diese Notizen wurden später publiziert als "Briefe an Roger Blin". Kurz vor der Premiere wurde Genet euphorisch:

"Wenn ich es für möglich gehalten hätte, dass das Stück gespielt werden könnte, hätte ich es schöner gemacht - oder vollständig verdorben. Sie haben, ohne daran zu rühren, die Schwerfälligkeit beseitigt und es leicht gemacht. Das ist sehr schön. Sie haben meine Freundschaft und meine Bewunderung."

Auch danach blieb Roger Blin an zeitgenössischen Autoren interessiert; er brachte Stücke des Südafrikaners Athol Fugard auf die Bühne, inszenierte Texte von Thomas Bernhard und Harold Pinter. Seine letzte Arbeit galt Max Frischs "Triptychon". An diesem Stück, in dem sich Lebende und Tote begegnen, faszinierte ihn die Aufgabe, eine besondere Spielweise, er nannte es, eine "weiße Choreographie", für den zwischen Diesseits und Jenseits schwebenden Raum zu erfinden.

Roger Blin starb am 21. Januar 1984. Zeitzeugen beschrieben die Trauerfeier: In der überfüllten Kapelle des Krematoriums auf dem Friedhof Père Lachaise gab es keinen Priester, keine Ansprache und keine Musik, alle verharrten schweigend. Als der Sarg hinaus glitt, begann jemand bitterlich zu weinen. Es war Samuel Beckett.

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