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StartseiteKultur heute Wegwerfprodukt als Kunst26.07.2010

Wegwerfprodukt als Kunst

Eine Ausstellung in Siegburg über 400 Jahre Zeitung in der Kunst

Nichts ist so alt wie das, was gestern in der Zeitung stand. So ähnlich ventilierte sich bereits der Reichskanzler Bismarck, als er sich mal wieder über die destruktive Journaille aufregen musste. Seit dem Kaiserreich hat sich am gefühlten Verfallsdatum von Presseerzeugnissen wenig geändert.

Von Wolf Schön

Das Wunder grenzenloser Haltbarkeit gründet in nicht zu unterschätzender Kunsttauglichkeit. (Stock.XCHNG / Natalie Souprounovich)
Das Wunder grenzenloser Haltbarkeit gründet in nicht zu unterschätzender Kunsttauglichkeit. (Stock.XCHNG / Natalie Souprounovich)

Aber der frühe Tod im Papierkorb braucht nicht das unabänderliche Schicksal des Wegwerfprodukts Tageslektüre zu sein, wie in der reich bestückten Ausstellung "Newspaper Art" im Siegburger Stadtmuseum zu sehen ist.

Das Wunder grenzenloser Haltbarkeit gründet in nicht zu unterschätzender Kunsttauglichkeit, die den rasch vergilbenden Rotationsdruck wider Erwarten in die höheren Regionen des Bewahrens befördert. Immerhin so bedeutende Künstler wie Picasso und Juan Gris haben in ihren kubistischen Kompositionen Zeitungsausrisse verarbeitet. Die Schnipsel dienten als Beweisstücke für die Aktualität ihrer Kompositionen, auch als Abwehrzauber gegen befürchtete Vorurteile, nach denen die Bilder abstrakt seien und mit der Realität gar nichts zu tun hätten.

Von langer Dauer sind die kultivierten Umgangsformen der klassischen Moderne nicht gewesen. Sobald die Gegenwart ins Blickfeld gerät, wird die sensationsgierige Massenpresse von den Gesetzen des Boulevards ungebremst eingeholt. Auf einem Poster des Politkünstlers Klaus Staeck verschlingt der kampfeslustige Bayer Franz Josef Strauß die Balkenüberschrift der "Bild"-Zeitung: "Juso beißt wehrloses Kind". Dafür trifft den Leser des Revolverblatts mit einem bekannten Werbespruch der polemische Vorschlaghammer: "Dahinter steckt immer ein kluger Kopf". Fehlen darf da auch nicht der selbst ernannte Umweltretter HA Schult. Dessen Motto heißt "Kunst ist so nötig wie Müllabfuhr", weshalb der Meister des Abfalls den Markusplatz von Venedig in den wilden 1970er-Jahren mit einer Sturzflut zerknüllter Zeitungen zugemüllt hat.

Aber die Avantgardisten können auch anders. So hat der Künstlerfürst Baselitz den Abonnenten der Berliner "BZ" ein Original spendiert, ein auf zwei Zeitungsseiten gedrucktes Doppelporträt seiner Frau im Norwegerpullover, was die Redakteure nicht an einem faulen Witz gehindert hat. "Vorsicht, nicht umdrehen! Baselitz malt alles auf den Kopf gestellt" steht als Warnung für Lieschen Müller darüber. Ein Kleinod der Gegenwartskunst stellt auch Günther Uecker bereit: den mit krummen Zimmermannsnägeln beschlagenen Holzkasten, der mit zerlesenen Zeitschriften gefüllt ist.

Und ganz frisch nach dem spanischen WM-Sieg wirkt Antoni Tápies' Plakat für die Fußballweltmeisterschaft des Jahres 1982 in Barcelona, eine schwungvolle Pinselkalligrafie auf vier Faksimile-Seiten der "Tribuna". Mit einer eigenen Zeitung, verstaut in einer signierten Pappkassette, präsentiert sich Joseph Beuys. Die Lektüre des dort verkauften Interviews ist allerdings mit Vorsicht zugenießen. "Ich denke sowieso mit dem Knie", bekennt der Befragte. Das rote Titelquadrat der "documente" ist Springers "Bild" abgeschaut.

Immer wieder "Bild". Die künstlerische Presseschau beginnt mit der "Bild"-Zeitung des späten Mittelalters, einem illustrierten Flugblatt des Jahres 1535, als Münster mit brachialer Gewalt von der Schreckensherrschaft der Wiedertäufer befreit wurde. Das Blut fließt in Strömen, der Holzschneider macht den Job des späteren Fotoreporters. Bis die ersten Kameras klicken, sorgen die Zeichner für die Bebilderung der Gazetten. Die Zeitung wird bis zum "Simplicissimus" zur Bühne von Karikaturisten, Weltverbesserern, politischen Hitzköpfen, Genredarstellern und Werbegrafikern. Umgekehrt bleibt der Zeitungsleser ein beliebtes Objekt des Künstlerinteresses. Berühmte Namen finden sich unter den Signaturen der rund 70 gezeigten Arbeiten: Daumier, Liebermann, Kirchner, Heartfield und Feininger.

Den Schlusspunkt setzt ein Journal, das der Künstler im Rachen des Reißwolfs verschwinden lässt. Die mediale Revolution frisst ihre Kinder. Doch sagt das digitale Horrorstück nichts darüber aus, ob Newspaper-Art nur auf bedrucktem Papier überleben kann.

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