• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 14:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKalenderblattWeibliche Magnifizenz22.02.2006

Weibliche Magnifizenz

Vor 40 Jahren wurde erstmals eine Frau Hochschulrektorin in der Bundesrepublik

In den 60er Jahren begannen schwierige Zeiten für die deutschen Universitäten. Eine Welle ideologischer Auseinandersetzungen der aufkommenden Studentenbewegung drohte den Wissenschaftsbetrieb bis ins Innerste zu erschüttern. In dieser Umbruchphase wurde am 22. Februar 1966 erstmals eine Frau zum Rektor einer bundesdeutschen Hochschule ernannt: Margot Becke-Goehring trat an die Spitze der Universität Heidelberg.

Von Andrea Westhoff

Studenten während einer Vorlesung an der Technischen Universität in München. (AP)
Studenten während einer Vorlesung an der Technischen Universität in München. (AP)

"Magnifizenz, Sehen Sie in Ihrer Wahl ein Symptom für die fortgeschrittene Gleichberechtigung der Frau auch an den Hochschulen? "

"Nein. Diese Frage hat mich eigentlich - sie ist mir öfter gestellt worden - immer überrascht. Als ich hier gewählt wurde, haben weder ich noch meine Kollegen das als eine solche Sensation empfunden."

Also - ziemlich ungewöhnlich und Aufsehen erregend war es schon, dass sich der Große Senat der Ruprecht-Karl-Universität Heidelberg 1966 entschloss, die Chemieprofessorin Margot Becke-Goehring an die Spitze zu wählen. Immerhin saßen in diesem Gremium 240 Männer und keine einzige Frau. Und von männlicher Seite wurde die Berufung auf jeden Fall als Besonderheit wahrgenommen. Bei einer der ersten offiziellen Amtshandlungen der neuen Rektorin, der Einweihung eines Partnerinstituts an der Universität Montpellier, schwärmte der französische Amtskollege:

"Es ist gut, dass eine Frau heute als Patin des Heidelberghaus in Montpellier ist. Denn sie bringt das, was Goethe gerühmt hat: das erlösende Element in das menschliche Werk. Wir Männer haben es geschafft, Sie, gnädige Frau, werden es krönen."

Margot Becke ist ohne Zweifel eine besondere Vertreterin ihres Geschlechts in ihrer Zeit: Als die 1914 Geborene mit dem Chemiestudium beginnt, hat sie nur eine weibliche Kommilitonin. Aber sie sah sich nie als "Ikone der Frauenbewegung":

"Ich kenne überhaupt gar keine ausgesprochenen Männersachen außer Schwerarbeit, ich glaube, das wäre nicht berechtigt zu sagen, anorganische Chemie oder überhaupt ein Teilgebiet der Chemie ist ausgesprochene Männersache, Madame Curie, war das nicht eine ganz große bedeutende Frau, wirkend in einer ausgesprochenen Männersache?"

Vermutlich ahnte Margot Becke auch schon, dass der Rektor - wie sie sich selbst stets nannte - in Heidelberg ohne Ansehen von Person oder Geschlecht Schwerarbeit würde leisten müssen.

"Das Wichtigste ist, die Universität durch diese schwierigen Zeiten hindurch zu führen."

Denn die altehrwürdige "Ruperto Carola" entwickelt sich gerade zur Massenuniversität. 1966 drängen sich in Heidelberg über 11.000 Studenten um nur 180 hauptamtliche Professoren. Margot Becke streitet heftig mit dem Ministerium, vor allem um eine bessere räumliche und finanzielle Ausstattung der Universität, spricht sich aber auch dafür aus, nicht mehr jeden studierwilligen Abiturienten zu jedem Studium zuzulassen:

"In Heidelberg brauchen wir den Numerus Clausus, weil die räumlichen und personellen Verhältnisse dies erfordern. Wir können nicht beliebig große Zahlen gut ausbilden. Gut ausbilden wollen wir aber."

Margot Becke sieht sich selbst als entschlossene Reformerin, aber für die aufkommende Studentenbewegung gehört sie doch eher zu den Talarträgern mit dem "Muff von 1000 Jahren": Ihr gesamtes Chemiestudium, inklusive Promotion und Habilitation, fiel in die Nazi- und Kriegszeit. Aber davon habe sie vor lauter wissenschaftlichem Arbeiten "nicht viel mitbekommen".

Auch als erste Frau an der Spitze einer deutschen Hochschule war sie gegen jede Politisierung der Universitäten, und das nahmen ihr die Studenten übel. Bei ihrem Amtsantritt hatte Margot Becke noch betont:

"Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu unserem ASTA-Vorsitzenden, zu dem Vorsitzenden des Studentenparlaments. Den Studenten wird meine Hauptsorge gelten."

Aber 1967 wird an die Wände der Heidelberger Uni gesprüht: "Bringt die Becke um die Ecke". Angst habe sie zwar nicht gehabt, aber die dauernden "Sit-ins" und "Go-ins", die Forderung nach studentischer Mitbestimmung, all das habe das Vertrauen zwischen Dozenten und Studenten kaputt gemacht.

Nach zwei Amtsperioden als Rektorin schied Margot Becke 1969 ganz aus der Uni aus. Sie kündigte sogar ihr Beamtenverhältnis und arbeitete bis zu ihrem Ruhestand 1979 als Direktorin des Gmelin-Instituts für Anorganische Chemie der Max-Planck-Gesellschaft. Und bis heute lebt - und arbeitet - die inzwischen 91-Jährige getreu einem Motto, das sie auch nicht bei einer Frau, sondern bei dem Psychiater Ernst Kretschmer gefunden hat:

"Wissenschaft ist eine Frage des Charakters, der strengen Zucht und des Verzichtes, eine Frage der Redlichkeit, der Unerbittlichkeit, der aufrechten Gesinnung und eines unendlichen Leistungswillens."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk