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Seit 00:00 Uhr Nachrichten
StartseiteUmwelt und VerbraucherFrankreich macht Druck auf die EU22.01.2016

WeichmacherFrankreich macht Druck auf die EU

Die französische Aufsichtsbehörde ANSAS hat chemische Stoffe untersucht, die störend in das Hormonsystem eingreifen können. Die Wirkungen solcher Chemikalien wurden nicht nur bei Tieren, sondern auch beim Menschen nachgewiesen.

Von Suzanne Krause

Kraniche ziehen am Himmel an einem Halbmond vorbei (imago/photo2000)
Weltweit sterben die Zugvögel - auch wegen umweltbelastender Chemikalien. (imago/photo2000)
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Weltweit lässt sich ein massives Sterben unter den Zugvögeln, immerhin jede zweite Vogelart, beobachten. Als Ursache gelten zumeist der Klimawandel und der Verlust des Lebensraums. Eine unrühmliche Rolle spielten auch umweltbelastende Chemikalien, sagt Christy Morrissey. Die Wissenschaftlerin der kanadischen Saskatchewan-Universität erforscht, wie Polychlorierte Biphenyle - wie PCB - auf den europäischen Singvogel Star einwirken. Der chemische Weichmacher PCB gilt als hormonell wirksamer Stoff. Jungen Versuchstieren wurden unterschiedliche Dosen PCB verabreicht – alle lagen unter dem festgelegten Grenzwert, waren also angeblich ungefährlich.

"Die Vögel, die wir damit in Kontakt brachten, waren nicht fähig, beim Flug die richtige Richtung anzusteuern. Ihr Orientierungssinn war völlig verwirrt. Vielfach zeigten sie Monate nach der Fütterung mit der Chemikalie weitere Symptome: Räumliche Aufgaben lösten sie weitaus schlechter als andere Vögel, die keinen Chemikalien ausgesetzt waren. Bei ihrer Mauser traten Probleme auf. All dies beeinträchtigt ihre Fähigkeit, erfolgreich den Wanderflug anzutreten."

Studie über die Wirkung beim Menschen

2012, beim ersten internationalen Kolloquium der französischen Behörde ANSES, die für die Sicherheit von Lebensmitteln und Umwelt sowie am Arbeitsplatz zuständig ist, konnten die Wissenschaftler fast nur auf Tierstudien zu den Auswirkungen gewisser chemischer Stoffe zurückgreifen. Heute jedoch liegen auch andere Daten für die hormonähnliche Wirkung vor, sagt ANSES-Experte Gérard Lasfargues. "Wir verfügen nun auch über Studien mit Menschen. Und die bestätigen die Wirkungen der hormonell wirksamen Stoffe, die schon beim Tier sehr deutlich aufgezeigt wurden."

Dazu teilt das Chemie-Unternehmen Bayer auf Anfrage des Deutschlandfunks mit: - Zitat: "Die Studien, die jetzt in Paris vorgestellt wurden, können wir in der Kürze der Zeit nicht beurteilen .... Das Thema wird in der EU derzeit intensiv diskutiert; die Europäische Kommission erarbeitet Kriterien, mit denen festgelegt werden soll, welche Stoffe künftig als endokrine Disruptoren zu betrachten sind. Das Ergebnis dieses Prozesses ist abzuwarten."

Bayer verweist zudem auf das Positionspapier des deutschen Verbands der Chemischen Industrie (VCI) vom vergangenen November. Darin steht, man solle endokrin aktive Stoffe nicht vorverurteilen. Schon Ende 2013 hätte die EU-Kommission eine Definition chemischer Stoffe, die störend in das Hormonsystem eingreifen können, erstellen sollen, als Basis für weitere Vorgaben. Der Verzug brachte der EU-Kommission sogar kürzlich eine Rüge des Europäischen Gerichts wegen Verschleppung ein. Dennoch erklärte die EU-Kommission gestern in einer Stellungsnahme, man habe nicht vor, die Vorgehensweise zur Erstellung von Kriterien zu hormonell wirksamen Chemikalien zu beschleunigen.

Französische Aufsichtsbehörde untersucht 20 Chemikalien

Dabei hat auch die französische Umweltministerin Ségolène Royal die EU-Kommission aufgefordert, das Regulierungsverfahren schnell voran zu bringen. Royal lässt derzeit von der französischen Aufsichtsbehörde ANSES 20 Chemikalien untersuchen, die entsprechend verdächtigt werden. Initiativen, die Andreas Kortenkamp sehr begrüßt. Der Professor für Humantoxikologie an der Brunel-Universität in London erstellte 2011 für die EU-Kommission einen Bericht zu hormonell wirksamen Stoffen. "Leider gibt es in Deutschland kein nationales Forschungsprogramm, was mit dem in Frankreich vergleichbar ist. Es gibt wenig Initiativen. Und es ist auch im politischen Raum bisher auf der europäischen Ebene wenig zu erkennen, welche Initiativen die deutsche Regierung hier unternimmt, um die Regulierung von Endokrinen Disruptoren voranzutreiben auf Kommissions-Ebene."

Doch das sei dringend nötig, fordert der Toxikologe.

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