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StartseiteEuropa heuteKein Geld für den Truthahn23.12.2015

Weihnachten in GriechenlandKein Geld für den Truthahn

Weihnachtszeit in Griechenland: Athen und andere Städte sind festlich geschmückt, die Einkaufsstraßen voll. Das fünfte Krisenjahr in Griechenland war nicht so schlimm wie erwartet. Und doch lebt jeder Dritte Grieche an oder unter der Armutsgrenze, jeder Vierte ist arbeitslos. Die Athener versuchen trotzdem, das beste aus dem Weihnachtsfest zu machen.

Von Jerry Sommer

Menschen laufen über den weihnachtlich geschmückten Syntagma-Platz in Athen, der vor dem griechischen Parlament liegt und einen Weihnachtsbaum in der Mitte hat. (afp / Louisa Gouliamaki)
Der weihnachtlich geschmückte Syntagma-Platz in Athen (afp / Louisa Gouliamaki)
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Athen ist festlich geschmückt, Lichterketten, Kirmes, Weihnachtsmärkte und Weihnachtsmänner in den Einkaufsstraßen. Weit mehr als 200 Veranstaltungen im Freien und in Sälen organisiert allein die Athener Stadtverwaltung: mit Musik, Tanz, Theater - für Kinder und Erwachsene. Auch das Weihnachtsgeschäft läuft: Es ist Ausverkauf, die Innenstadt ist voller Menschen. Eine Verkäuferin: "Am verkaufsoffenen Sonntag waren besonders viele hier. Viele haben aber nur die Preise verglichen."

Das fünfte Krisenjahr in Griechenland war nicht so schlimm wie erwartet. Die Wirtschaft schrumpft wohl nur um ein, und nicht - wie manche befürchtet hatten - um drei Prozent. Der Tourismus hat dieses Jahr einen Sprung nach vorn gemacht und mehr Geld ins Land gespült. Viele Griechen hatten dadurch immerhin für einige Monate eine Arbeitsmöglichkeit, wenn es sich auch oft um Schwarzarbeit gehandelt haben dürfte. Dennoch: Jeder vierte Grieche - so die Statistik - ist arbeitslos, jeder Dritte lebt an oder unterhalb der Armutsgrenze. Die Vorfreude auf Weihnachten habe in diesem Jahr deshalb auch viel mit Verdrängung zu tun. Davon ist der Politologe Thanos Dokos überzeugt, der Direktor des Athener Thinktanks "Eliamep": "Wir feiern wie immer. Wenn wir die ganze Zeit nur an die Krise denken, werden wir doch nur noch depressiver. Aber eigentlich wissen alle: ein Ende der Krise ist nicht in Sicht."

Linsensuppe als Weihnachtsessen

Vor einem Straßencafé sitzt der 38-jährige Illias auf dem Bürgersteig der Akadimias, einer Haupteinkaufsstraße im Zentrum von Athen. Sein linkes Bein musste nach einem Unfall amputiert werden, eine Prothese hat er nicht. Der ehemalige Akropolis-Wärter lebt als Obdachloser und Bettler auf der Straße. Seine Pläne für Weihnachten: "Am 25. gehe ich auf den Syntagma-Platz, wo sie eine Feier veranstalten wollen. Oder ich gehe zur Obdachlosenspeisung. Seit neun Monaten warte ich auf meine Behindertenrente. Wer weiß, wie lange das noch dauert!"

Vor dem Arbeitsamt von Athen steht eine Gruppe von Menschen, die wohl ein wenig Glück im Unglück gehabt haben. Sie sind zwar schon seit Jahren arbeitslos, haben aber eine fünfmonatige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme beim Grünflächenamt der Stadt bekommen. Am 31. Dezember läuft sie allerdings aus. Kostas, ein 46-jähriger gelernter Bauarbeiter, ist deshalb nicht gerade in festlicher Stimmung: "Ohne Geld Weihnachten feiern? Das geht nicht. Ich habe drei Kinder und erhalte nur 500 €." Die neben ihm stehende Eleni wirft ein: "Wenn Weihnachten wenigstens ein Hühnchen statt des traditionellen Truthahns auf den Tisch kommt, das wäre gut." Und Kostas ergänzt halb im Scherz, halb ernsthaft: Linsensuppe werde es Weihnachten geben, nur Linsensuppe.

Krise trifft nicht alle gleich

Ein neuer Song wird in Griechenland im Internet im Augenblick oft angeklickt. "Schöne Feiertage, Alexis", wünschen die Rapper dem linken Ministerpräsidenten Alexis Tsipras. Doch sie warnen auch: Mehr Einsparungen gehen nicht, manche Leute hungern. Der Einzelhandel hofft, dass das Weihnachtsgeschäft nicht noch schlechter ausfällt als im vergangenen Jahr. Allerdings dürfte sich diese Hoffnung kaum erfüllen. In den vergangenen Monaten hat der Umsatz nämlich im Vergleich zum Vorjahr sogar um einige Prozentpunkte abgenommen.

Doch natürlich trifft die Krise nicht alle gleich. Dreiviertel der arbeitsfähigen Griechen haben noch einen Job. Paris, London, Rom sind für die Betuchteren dieses Mal die beliebtesten Reiseziele für die Tage zwischen den Jahren. Um 15 Prozent hat im Oktober auch die Zahl der neu angemeldeten Autos zugenommen. 40 Milliarden Euro haben Griechen im Frühsommer von den Banken abgehoben. Die Wohlhabenderen haben dieses Geld bei sich zu Hause liegen, sagt der Ökonom Angelos Tsaganikas vom Wirtschaftsforschungsinstitut IOBE in Athen: "Ich glaube, es gibt so eine Stimmung, das Geld lieber jetzt auszugeben, bevor irgendetwas wie ein Grexit oder anderes passiert."

Und es gibt auch ganz persönliche Gründe, sich auf Weihnachten zu freuen. Zum Beispiel für die 29-jährige Alexandra: "Wirtschaftlich ist es sicher das schwierigste Jahr, aber persönlich wird es das glücklichste Weihnachten. Denn ich bin hochschwanger, wir werden eine Familie!"

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