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StartseiteForschung aktuellWie sich soziale Insekten auf Katastrophen vorbereiten15.02.2016

Weitsichtige AmeisenWie sich soziale Insekten auf Katastrophen vorbereiten

Insekten wie Ameisen, Bienen oder Termiten müssen als Individuum und als Gruppe manchmal Entscheidungen treffen, von denen mitunter das Überleben der Kolonie abhängt. Forscher aus Lausanne wollten herausfinden, wie zum Beispiel der Entscheidungsprozess funktioniert, wenn Tiere gemeinsam ihr Nest verlassen.

Von Michael Stang

Zwei Exemplare der Kahlrückigen Waldameise (Formica polyctena) (picture alliance / dpa / Ulrich Perrey)
Wenn Ameisen ein altes Nest verlassen haben, vergessen sie das spätestens nach einer Woche, vermuten Forscher. (picture alliance / dpa / Ulrich Perrey)

Die in Europa heimischen Ameisen der Gattung Temnothorax sind nur gut zwei Millimeter lang und leben in kleinen Kolonien von 100 bis 200 Tieren. Bevorzugter Lebensraum sind hohle Eicheln oder Nüsse. Nathalie Stroeymeyt von der Universität von Lausanne interessiert sich für diese Insekten, weil sie Entscheidungen im Kollektiv treffen.

"Diese Ameisen können gemeinschaftlich Nester miteinander vergleichen und sich für die beste Option entscheiden, wenn sie umziehen müssen, etwa in einem Katastrophenfall. Und ich wollte herausfinden, ob sie diese potenzielle Entscheidung auch schon vorbereiten, um im Ernstfall schneller handeln zu können."

Solche Ernstfälle sind nichts Ungewöhnliches. Wind, Sturm oder Tiere wie Eichhörnchen oder Wildschweine etwa können das Nest zerstören. Dann müssen die Ameisen schnell reagieren und eine neue Obhut finden. Die Biologin fragte sich, ob und wie Temnothorax darauf vorbereitet ist.

"Zunächst haben wir ermittelt, ob und wie die Ameisen neue Nester ausfindig machen, auch wenn es noch keinen Grund für einen Umzug gibt. Dazu haben wir im Labor verschiedene Experimente aufgebaut und potenzielle neue Verstecke angeboten."

Kolonien von Temnothorax haben bei den Versuchen immer rund zehn Prozent der Tiere auf die Suche nach neuen Nestern geschickt, im Ernstfall war sogar ein Drittel der Kolonie unterwegs. Ob eine neue Zuflucht angemessen ist, werde anhand bestimmter Parameter beurteilt, so Nathalie Stroeymeyt.

Lichtintensität, Größe des Eingangs und Platz. Ein neues Domizil zu finden sei gar nicht so einfach und die ganze Kolonie davon zu überzeugen, noch einmal schwieriger. Denn diese Insekten kommunizieren nicht über Duftstoffe, die Artgenossen verraten, ob sich ein Weg lohnt oder nicht.

"Die einzige Möglichkeit, einer anderen Ameise über ein neues Nest zu berichten, ist die Rekrutierung. Dazu gehen sie zu einem Artgenossen, sagen praktisch 'Ich habe ein gutes Nest gefunden - Folge mir'. Dann laufen beide zum neuen Nest, wo sich die zweite Ameise selbst eine Meinung bildet."

Wichtig sei, dass die erste Ameise die zweite in ihrer Entscheidung nicht beeinflusst. Dies passiere oft bei Staaten, die über Signalstoffe kommunizieren. Ist der erste Bote etwa krank und gibt eine Fehlinformation, kann der ganze Staat ins Verderben laufen. Bei Themnothorax würde so etwas durch eine Art Sicherheitsmechanismus verhindert, weil sich jedes Tier aufs Neue eine eigene Meinung bildet. Ist eine Ameise überzeugt, geht sie zum Nest zurück und rekrutiert ebenfalls weitere Artgenossen. Haben sich irgendwann mehr als die Hälfte der Tiere für die neue Zuflucht entschieden, die besser ist als die alte, wird umgezogen.

"Später haben wir das alte Nest zerstört und geschaut, wie schnell der Umzug vonstatten ging und ob dies tatsächlich schneller passiert als bei Staaten, die keine Pionieren rausgeschickt hatten."

Bei den Versuchen zeigte sich deutlich, dass die "weitsichtigen" Ameisen besser vorbereitet waren als Kolonien, die keine oder kaum Pioniere auf den Weg geschickt hatten. Temnothorax- Ameisen agierten schneller, effizienter und das alles gemeinsam als Gruppe. Zum Schluss wollte die Biologin noch wissen, wie lange sich die Ameisen an ein gutes Nest erinnern können.

Nach nur einer Woche hätten sie wieder alles vergessen. Dies sei aber nicht schlimm, so Nathalie Stroeymeyt. Denn auch dies diene der Sicherheit: schließlich sind erst kürzlich inspizierte Nester mit größerer Wahrscheinlichkeit in einem guten Zustand als jene, die bereits vor Monaten gut in Schuss waren.

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