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Seit 02:07 Uhr Kulturfragen
StartseiteKultur heuteWelt aus den Fugen16.04.2013

Welt aus den Fugen

Wols-Retrospektive in der Kunsthalle Bremen

Der deutsche Avantgardist Wols war eine bizarre künstlerische Existenz und zählt zu den bedeutenden, aber nicht allzu bekannten, Künstlern des 20. Jahrhunderts. Die Kunsthalle Bremen zeigt eine vielfältige Retrospektive, die erstmals versucht, das Werk unabhängig von Wols' tragischer Biografie zu betrachten.

Von Rainer B. Schossig

Ein Bild des Fotografen, Malers und Grafikers Wols (1913-1951) in der Kunsthalle Bremen. (picture alliance / dpa - Carmen Jaspersen)
Ein Bild des Fotografen, Malers und Grafikers Wols (1913-1951) in der Kunsthalle Bremen. (picture alliance / dpa - Carmen Jaspersen)

Er hieß Alfred Otto Wolfgang Schulze, aber das war ihm zu deutsch und zu persönlich, daher nannte er sich ab 1937 kurz Wols. Quasi anonym malte, kritzelte und fotografierte er Merkwürdiges, seine Biografie zwischen Exil und Alkohol erfüllt den Tatbestand eines verrückten Künstlerlebens.

Kurz vor 1933 verließ er Deutschland. In Paris begann er als fotografierender Autodidakt. Als Hitlers Wehrmacht Frankreich überfiel, wurde Wols zur Unperson, ortlos, in diversen Internierungslagern entstanden seine befremdlichen Zeichnungen und Aquarelle. Der Wols-Spezialist Ewald Rathke:

"Wols hat keine Konzepte gehabt, sondern er hat angefangen, bis zum Schluss ein ganzer Organismus daraus geworden ist. Bilder sind immer etwas in sich abgeschlossene Organismen, Welten."

Jetzt präsentiert die Kunsthalle Bremen diese Welt in einer Retrospektive, die erstmals versucht, das Werk unabhängig von Wols' tragischer Biografie zu betrachten. Doch beim Durchschreiten der sieben Säle bewegt man sich selbstverständlich entlang der Lebensachse des Künstlers: Angefangen von den frühen Pariser Fotografien, über die tastenden Zeichnungen und Aquarelle, von den Druckgrafiken über die Gemälde bis hin zu den illustrierten Büchern.

Und überall ist die Welt aus den Fugen: Krüppel und Amöben, negroide Masken und Insekten, ruinierte Architekturen mit Schießscharten, fliegende Kirchtürme, Damen ohne Unterleib und fantastische Schiffsmasten mit klirrenden Fähnchen, Kopffüßler und Kabbeltiere, knorrig, haarig, verworren oder verwachsen wie Alraunen, belanglos wie Telefonkritzeleien und geheimnisvoll wie Totems, banal und bedeutungsvoll, versponnen und hart zugleich. Wie war das gemeint? "Ich weiß nicht, was ich mache; ich bin eine Mikrobe", hat der heilige Trinker Wols einmal gesagt.

Mit 19 Jahren verließ er Deutschland, blieb lebenslang in Frankreich, als Flüchtling, Staatenloser und Lagerinsasse. Erst 1947 wurde er in Paris bekannt. Nach seinem Tod 1951 war er drei Mal auf der documenta vertreten, 1958 auf der Biennale Venedig. Dennoch vermochte man den eigensinnigen Nomaden in der Nachkriegszeit nicht einzuschätzen:

"Man hat ihn missverstanden, und was als 'Informel' dann in die Welt gezogen ist, war schon diese spontane, dynamische Malerei. Er ist genauso missverstanden worden wie Jackson Pollock, der ein ganz sorgfältig komponierender Künstler war. Das ist bei Wols genauso: Was zufällig erscheint, ist ein produzierter Zufall."

Wols' Motive verwandelten sich in der kurzen Spanne seines Schaffens von nur rund 15 Jahren spektakulär. Anfangs vom Surrealismus geprägt, zwischen Realität und Traum, ging ihr Realitätsgehalt zunehmend verloren, wurde gegen¬standslose Kunst ohne Form; später nannte man das "Informel". Wols war zum Wegbereiter der Nachkriegs-Westkunst geworden. Mit ihrer großzügigen Werk-Auswahl - aus bremischen, deutschen und internationalen Sammlungen - ermöglicht die Bremer Schau, Wols' umwegige Entwicklung detailliert zu betrachten. Höhepunkt ist das malerische Werk. Mit 36 furiosen Gemälden ist nahezu die Hälfte seiner Ölmalerei versammelt, der Wols sich erst 1946 zuwandte. Kein Zugeständnis an den Zeitgeist:

"Was ist denn der Zeitgeist? Der Zeitgeist wird von Künstlern produziert. Er ist doch nichts, was anonym umherschwebt und sich plötzlich manifestiert. Was Wols tut, ist nichts anderes als dass er Bilder malt, deren Betrachtung uns in die Lage versetzt, von den Formen, die er präsentiert, auf die Wirklichkeit zurückzuschließen."

Poetische Inspiration und Lästerung, Zote, Zärtlichkeit und Verzweiflung liegen da miteinander im Streit, drängen sich auf Postkarten- oder Schulheft-Format. "Das Maß der Handfläche ist heilig", auch so ein Spruch von Wols. Und er brachte spielend Großes unter auf kleinen Stücken Papier: Träume, Wolkenkuckucksheime, Kontinente. Um all dies zu entziffern, kann man Stunden vor den Bildern verbringen.

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