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StartseiteForschung aktuellWelt in Hunger und Elend11.12.2006

Welt in Hunger und Elend

Über die katastrophalen Folgen eines begrenzten Atomkriegs

Klimaforschung. - In den 80er Jahren machten die Berechnungen über die Umweltfolgen eines Atomkriegs zwischen den USA und der UdSSR-Folgen Schlagzeilen. Heute erscheint ein regional begrenzter Atomkrieg wahrscheinlicher. Welche Umweltfolgen ein solcher Krieg hätte, haben Geophysiker und Atmosphärenforscher berechnet. Sie stellten ihre Ergebnisse soeben auf der Tagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union in San Francisco vor.

Von Dagmar Röhrlich

9. August 1945, Nagasaki (AP Archiv)
9. August 1945, Nagasaki (AP Archiv)

" Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem teilweisen Abbau der Nukleararsenale von Russlands und der Vereinigten Staaten glauben viele, dass ein Atomkrieg unwahrscheinlich ist. Aber derzeit wächst die Gefahr, weil immer mehr Länder Atomwaffen entwickeln. Also haben wir uns gefragt, was passieren könnte, wenn es einen Atomkrieg zwischen zwei Atommächten mit kleinerem Nuklearinventar geben würde: Sei es Indien gegen Pakistan, oder künftig Nordkorea gegen Irgendwen oder falls einmal Iran und Israel einen Konflikt austragen. "

Brian Toon von der University of Colorado in Boulder. Die Fragestellung lautete: Welche Folgen hat ein regionaler Konflikt, bei dem jede Seite rund 50 Atomwaffen zur Explosion bringt, eine jede so groß wie die Hiroshima-Bombe? Das strategische Ziel werden die Megastädte des Nachbarn sein. Das maximiert den Schaden. Und zwar nicht nur für die streitenden Länder: Den Berechnungen moderner Klimamodelle zufolge wird die ganze Welt in ein Klimachaos stürzen:

" Wir wissen schon seit Hiroshima und Nagasaki sehr gut, wie groß die Feuer sind, die durch eine Atombombenexplosion in einer Stadt ausbrechen. Heute leben zahllose Menschen in Megastädten, und wenn die dann flächendeckend brennen, sind die Folgen gewaltig. Nach unseren Berechnungen ruft ein regionaler Konflikt eine Art "Miniatur-Nuklearwinter" hervor. Es wird weltweit eine deutliche Abkühlung des Klimas geben. "

Richard Turco von der University of California in Los Angeles. Das Fatale ist dabei der dicke, schwarze Rauch, der bei einem solchen Flächenbrand entsteht:

" Dieser Rauch ist einzigartig. Über diesem riesigen Flächenbrand entstehen so genannte Pyro-Cumulus-Wolken, also feuerbedingte Gewitterwolken, die sehr hoch aufsteigen und den Rauch mitschleppen, der so direkt in die Stratosphäre gelangt und dann vom Wind schnell um den Planeten verteilt wird. "

Weil er so schwarz ist, absorbiert der Rauch Sonnenlicht und heizt sich stark auf. Eine Konvektion entsteht, die ihn höher und höher trägt. Der Rauch steigt 50 bis 80 Kilometer hoch in die obere Stratosphäre auf. Dort wird er nicht vom Regen ausgewaschen und kann sich lange halten,. Dort oben absorbiert er das Sonnenlicht, lässt er das Klimasystem kollabieren.

" Innerhalb weniger Monate sänke die globale Durchschnittstemperatur um ein-ein-viertel Grad Celsius, denn der Rauch ist sehr schwarz und rußig und beeinflusst deshalb über seine Absorption der Sonnenstrahlung das Weltklima besonders stark. Es wäre der größte und schnellste Klimawandel in der Menschheitsgeschichte. Die neue Durchschnittstemperatur entspräche der der Kleinen Eiszeit nach dem Mittelalter, und der Effekt würde etwa ein Jahrzehnt anhalten. "

Alan Robock von der Ruitgers University in New Brunswick, New Jersey. Regional wäre die Abkühlung stärker, in den USA und Eurasien beispielsweise läge sie bei mehreren Grad.

" Sowohl auf der Nord- als auch auf der Südhalbkugel wird es zu einer Verkürzung der Wachstumsperiode um bis zu 30 Tage kommen, der Monsun wird stark nachlassen und der Regenfall wird weltweit um zehn Prozent sinken. Diese Probleme beschränken sich also nicht auf die kämpfenden Länder. Sie betreffen die gesamte Welt. "

Aber das ist nicht die einzige Folge. Der sonnenerwärmte schwarze Rauch heizt die Stratosphäre um bis zu 100 Grad Celsius auf, und er schleppt gleichzeitig chemisch aktive Verbindungen hoch. So attackiert er den globalen Ozonschutzschild:

" Der Verlust wird gewaltig sein und im Durchschnitt ein Drittel betragen. Es gäbe so etwas wie ein globales Ozonloch. Der Ozongehalt fällt sofort nach dem Angriff ab. Nach drei Jahren - so weit sind unsere Simulationen - hat er sich noch nicht erholt. Die größten Verluste gibt es in den höheren und mittleren Breiten, wo viele Menschen leben. Aber es trifft auch die Tropen. "

Die Folgen für Natur und Landwirtschaft wären gravierend. Eine weltweite Hungersnot ohne gleichen wäre die Folge eines regionalen Atomkonflikts. Die Geophysiker sind überrascht über das Ausmaß des Klimawandels. Grund genug, um über einen Bann der Atomwaffen nachzudenken, so die Wissenschaftler.

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