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StartseiteBüchermarktWeltenbauer und Weltenendler22.05.2012

Weltenbauer und Weltenendler

Nicolas Dickner: "Tarmac. Apokalypse für Anfänger", Frankfurter Verlagsanstalt

Nicolas Dickners Erstling "Nikolski" war ein Überraschungserfolg. In seinem neuen Roman erzählt der Kanadier die Geschichte der wunderlichen Propheten-Familie Randall, die seit sieben Generationen den Weltuntergang vorhersieht.

Von Hartmut Kasper

Am Sankt Lorenz-Strom in Kanada lernen sich die beiden 17-Jährigen Helden des Buches kennen. (Frank Barknecht)
Am Sankt Lorenz-Strom in Kanada lernen sich die beiden 17-Jährigen Helden des Buches kennen. (Frank Barknecht)
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Nicolas Dickners Roman ist in seinem Kern eine verhaltene Liebesgeschichte zweier Siebzehnjähriger. Eines Tages im Jahr 1989 lernt der Ich-Erzähler Michel oder Mickey die junge Hope Randall kennen und – was ein wenig länger dauert – auch lieben.

Die beiden treffen aufeinander im kanadischen Provinz-Nest Rivière-du-Loup, einer 20.000-Seelen-Gemeinde am Ufer des Sankt Lorenz-Stroms. Dieser Strom heißt auf Französisch Wolfsfluss, Fluss des Wolfes, Rivière-du-Loup eben.

Man kommt ins Plaudern über die Atombombe, über Marschflugkörper und Massenvernichtungswaffen, und der Leser merkt bald: In diesem Roman wird es mächtig originell zugehen.

Hope, die Hauptperson, ist ein fast unerträglich außergewöhnlicher Charakter. Nicht nur weist sie einen IQ von 195 auf – was immer das heißen soll. Sie entstammt auch noch einer höchst wunderlichen Propheten-Familie, die seit sieben Generationen

"an schweren Weltuntergangsvorstellungen litt. Sobald ein Mitglied der Randall´schen Familie, egal ob männlich oder weiblich, die Pubertät erreichte, wurde es auf übernatürliche Weise und sehr detailgenau über den künftigen Weltuntergang in Kenntnis gesetzt: über Datum, Uhrzeit und Hergang."

Der Misserfolg seiner jeweiligen Vorgänger ficht natürlich keinen der Familienpropheten an.
Auch Hopes Mutter wartet auf das Ende der Zeiten und hat sich einen großen Vorrat an Nudeln, Thunfisch in Öl, roten Bohnen in Dosen und Bibeln zugelegt – genug Proviant, um das Ende abzuwarten, das, ihrer Information nach, für 1989 ins Haus steht.

Was aus ihrer Tochter wird, kann, bei dieser ungünstigen kosmischen Prognose, ihr egal sein. Ist es auch. Hope ist zu allem Überfluss auch noch ein medizinisches Rätsel, da sie

"trotz ihrer längst siebzehn Jahre immer noch nicht ihre Regel hatte. Hope litt unter einer Amenorrhöa mysteriosa – einer 'unerklärlichen Abwesenheit von Menstruation'."

Hopes Absonderlichkeiten werden zunächst erzähltechnisch und überhaupt austariert durch den Ich-Erzähler. Mickey Bauermann ist ein braver Bursche, dessen Vater in Beton macht:

"Für die Bauermanns bedeutete Beton weit mehr als nur Broterwerb: Wir hatten eine zivilisatorische Aufgabe, die vom Vater an den Sohn weitergegeben wurde. Wir waren die Erbauer neuer Welten. "

Weltenbauer und Weltenendler, die beiden ergänzen sich gut. Allerdings wirkt es ein wenig irritierend, dass der doch erst Siebzehnjährige die Geschichte in einer – sagen wir einmal vorsichtig: – auffällig elaborierten Sprache vorträgt. So werden aus den alltäglichsten Verrichtungen, mit denen Teenager sich die Zeit vertreiben, sprachliche Vignetten, bei denen der Kunstwille aus allen Zeilen sprüht. Wenn Mickey und Hope auf eine Party gehen, liest sich das so:

"Die Operation Flaschenkampf war nach grober Schätzung bereits seit dem frühen Nachmittag in vollem Gange. Um die zwanzig Feierwütige besetzten das Wohnzimmer, und etwa zehn weitere waren in den umliegenden Zimmern verstreut. Der Geruch von Haschisch und Pizza Hawaii schwebte über dem Getümmel. Ich fragte mich, ob noch Pizza übrig war. Hope wollte in die Küche.
In der Küche stapelten sich Bierkästen. Ausgehungert machte Hope sich über den Kühlschrank her. Mit zwei Bier und einem Topf eingelegter Gurken setzten wir uns auf den Küchentresen. Der Geruch von Dill und Essig vermischte sich recht harmonisch mit dem des Cannabisharzes. Hope schnappte sich eine einigermaßen saubere Gabel und erdolchte ein Gürkchen."


Sie sehen fleißig fern, und sie haben viel fernzusehen. Gorbatschow kommt; die Mauer fällt. Irgendwann wird auch Hope das exakte Datum des Weltuntergangs offenbart: Sie würfelt es buchstäblich aus. Die Würfel fallen auf den 17. Juli 2001.

Kurz darauf findet Hope in einem alten Spider-Man-Heft eine Annonce, die den Weltuntergang für genau dasselbe Datum ankündigt. Würfel und Spiderman zugleich können nicht irren.

Hope macht sich auf die Suche nach dem Autor dieser Prophezeiung, einem gewissen Charles Smith. Und plötzlich – man traut als Leser seinen Augen nicht – ist der Ich-Erzähler von seiner Angebeteten verlassen wie von allen guten Geistern und verwandelt sich hastdunichtgesehen in einen allwissenden Erzähler.

Das ist ein derart haarsträubender handwerklicher Schnitzer, dass jeder Volkshochschul-Schreibwerkstättenleiter schamrot werden würde, ließe er seinen Schülern so etwas durchgehen. Tonfall und Wortschatz der Erzählung ändern sich nicht, wozu auch, in apokalyptischer Hinsicht ist ja eh alles egal.

Hope reist nach New York, von dort aus nach Seattle und nonstop nach Tokio. Der Untergangsprophet Smith heißt nämlich in Wirklichkeit Hayao Kamajii und stammt aus Japan. Und Japan ist, jedenfalls wenn wir diesem nunmehr allwissenden Erzähler glauben wollen, ein wahres kulturelles Kuriositätenkabinett.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wirkt der Roman, als hätte sich der Autor aus dem nächstgelegenen Reisebüro wahllos ein paar Broschüren über populäre Ziele verschafft, gut durchgemischt und dann seine Helden aufs Geratewohl mal hierhin verschickt, mal dorthin. Er opfert sie seiner Hatz nach originellen Schauplätzen.

Jahre gehen ins Land. Hopes Mutter stirbt. Andere Figuren gehen schlicht verloren. Es ist, als hätte die sagenhafte Entrückung, an die manche Christen als an ein Vorzeichen des Weltendes glauben, bereits eingesetzt, wenigstens in diesem Roman.

Dass der Roman bei aller verbalen Aufgeblasenheit seines Ich-Erzählers kein ganz uncharmantes Buch ist, liegt am Ensemble. Die Charaktere bilden eine rechte Wohlfühlmannschaft. Alle sind nett, so hilfreich und gut, dass man manchmal meint, dem Betriebsausflug eines Pfadfinderfähnleins ins Weltendzeitliche beizuwohnen.

Auch die hübsch ziselierten Formulierungen sind sicher gut gemeint.
Und am Ende geht das Buch, seinem lebensunlustigen Thema Apokalypse zum Trotz, auch noch gut aus. Eines Tages erhält Mickey einen Brief aus Tokio, Inhalt: die leere Hülle einer Damenbinde.

"Ich zog sie mit der Handfläche glatt und besah sie mir genauer, zunächst verwundert, dann ungläubig und entging nur knapp dem Nervenschock. Hope war kein medizinisches Wunder mehr",

sondern sie ist zur Frau gereift. Der Erzähler packt natürlich umstandslos seine Sachen und macht sich im 97. Kapitel auf den Weg nach Japan. Das 97. ist auch das letzte Kapitel dieses schmalen Romans. Das Ende ist nah, und in diesem Fall bemerkt der Leser es mit Erleichterung.

Nicolas Dickner: Tarmac. Apokalypse für Anfänger
Aus dem Französischen von Andreas Jandl
Frankfurter Verlagsanstalt, 253 Seiten, 19,90 Euro

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