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StartseiteEuropa heutePolen will eine Zukunft mit Kohle24.11.2015

WeltklimaPolen will eine Zukunft mit Kohle

Beim Weltklimagipfel nächste Woche in Paris geht es auch um die Zukunft der Kohle. Da Kohlekraftwerke als besonders schädlich für das Klima gelten, scheinen die Tage dieses Energieträgers eigentlich gezählt. Aus Polen aber kommen ganz andere Signale: Die neue konservative Regierung will nicht weniger, sondern mehr Kohlekraftwerke.

Von Ernst Ludwig von Aster

Umweltaktivisten demonstrieren vor dem Wirtschaftsministerium inn Warschau (Polen) mit dem Banner: Saubere und gesunde Zukunft. (dpa/picture alliance/epa/Radek Pietruszka)
Umweltaktivisten demonstrieren vor dem Wirtschaftsministerium inn Warschau (Polen) mit dem Banner: Saubere und gesunde Zukunft. (dpa/picture alliance/epa/Radek Pietruszka)
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Ein großer Kipper rangiert über den schwarzschlammigen Zechenboden. Der Fahrer blickt kurz in den Rückspiegel, lässt eine Besuchergruppe vorbei. Betriebsleiter Wojciech Kaminski stapft vorneweg, gut ein Dutzend Besucher hinterher. Ganz hinten geht Magdalena Rusinek. Sie ist die Sprecherin von Tauron, dem zweitgrößten polnischen Energiekonzern.
Im Zulieferschacht der Zeche Jarworzno warten drei Hängegondeln auf den Einsatz, einige Baumstämme müssen unter Tage transportiert werden. Stolz rattert Betriebsleiter Kaminski die Zahlen herunter: Zehn Kilometer Fahrweg, bis in 800 Meter Tiefe, 3000 Bergleute im Einsatz, unter wie über der Erde.

"Unsere Lagerstätten können noch wir bis zum Jahr 2060 ausbeuten. Gerade bauen wir einen neuen Schacht, der soll den Betrieb für die nächsten 50 Jahre sichern. Als Tauron-Gruppe verfügen wir insgesamt über fast drei Milliarden Tonnen Kohle. Wir haben hier im Bergwerk rund eine Milliarde Tonnen, die wir fördern können."
Nach dem Rundgang präsentiert Magdalena Rusinek die Firmenstrategie. Die Tonne Steinkohle holt Tauron hier für umgerechnet rund 60 Euro ans Tageslicht, die Kompagnia Wenglowa, der rein staatliche Kohle-Konzern, muss fast doppelt so viel aufwenden. Eine günstige Abbausituation und moderne Fördertechnik, das mache den Unterschied. Und dass Tauron die Kohle gleich in seinen eigenen Kraftwerken verfeuere:

"Tauron ist das zweitgrößte polnische Energieunternehmen. Wir sind eine Holding und decken die ganze Wertschöpfungskette ab. Förderung, Verkauf, Produktion und Verteilung. Wir stützen uns vor allem auf fossile Energieträger. Aber wir haben auch Wasser- und Windkraftwerke."
Von allem etwas, aber vor allem Kohle. Und auf die setzt das Unternehmen auch in Zukunft. Gerade errichtet Tauron wenige Kilometer entfernt ein neues Kohlekraftwerk. Investiert fast 1,2 Milliarden Euro.

"Wir investieren in die Kohle. Und wir sind davon überzeugt, dass die Steinkohle in Polen generell eine Zukunft hat. Sie ist nun einmal unsere Energiequelle Nummer 1, unser heimischer, natürlicher Energieträger. Es geht doch auch um die Energiesicherheit des Landes. Und deshalb investieren wir in Steinkohle."
Auch weil es die polnische Regierung so will. Die hält immerhin ein Drittel der Anteile am Unternehmen. Und gegen ihren Willen läuft nichts. Das gilt auch für die drei anderen großen polnischen Energiekonzerne. Doch trotz der Milliardeninvestitionen in die Steinkohle-Förderung – auf lange Sicht wird die Bedeutung des fossilen Energieträgers auch in Polen abnehmen, glaubt Magdalena Rusinek:

"Langfristig werden wir den Kohle-Anteil bei der Energieerzeugung reduzieren. Zugunsten anderer Energieträger. Wir betreiben auch noch 35 Wasserkraftwerke und vier Windparks. Und wir verfeuern auch noch Biomasse. Außerdem sind wir beim Bau des neuen Atomkraftwerks mit dabei."
Seit 1990 ist in Polen fast die Hälfte der Zechen geschlossen worden. Die Zahl der Bergleute schrumpfte von einer knappen halben Million auf 100.000. Die meisten Kumpel arbeiten heute für die staatliche Kohleholding Kompagnia Wenglowa. Der größte Kohlekonzern der Europäischen Union war mehrfach vom Konkurs bedroht, in den letzten Jahren hat man etliche unrentable Zechen dicht gemacht.

Mehrere Millionen Tonnen Kohle minderer Qualität lagern unverkäuflich auf den Zechengeländen. Während die privaten Energieunternehmen in die Kohleförderung investieren, werden die staatlichen Betriebe zunehmend abgewickelt, klagen deshalb auch Gewerkschafter, wie der Solidarnosc-Vertreter-Jaroslaw Greszik:

"In anderen Ländern haben Energie-Unternehmen jahrelang dafür gesorgt, dass Arbeitsplätze im Bergbau erhalten blieben. Bei uns dagegen beuten die Energieunternehmen den Bergbau regelrecht aus. Sie erzielen riesige Gewinne auf Kosten der Kumpel. Und der Staat ist sowohl Eigentümer der Zechen als auch der Energieunternehmen. Während die Einen riesige Gewinne machen, nagen die Anderen am Hungertuch."

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