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Weltklimakonferenz 2017Die Lücke zwischen Anspruch und Realität wird kleiner

Klimakonferenzen seien die Zeit der hoch fliegenden Träume, kommentiert Georg Ehring. Die auf dem Klimagipfel von Paris 2015 beschlossenen Ziele seien kaum einzuhalten, die Klimaerwärmung gehe weiter. Dennoch habe die Bonner Weltklimagipfel Hoffnung darauf gemacht, dass die Welt doch noch die Kurve kriege.

Von Georg Ehring

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Eine Protestaktion während des Weltklimagipfels in Bonn. (imago/Zarzyckax)
Deutschland müsse seine Hausaufgaben machen, um die vereinbarten Klimaziele noch einigermaßen zu erreichen, meint Georg Ehring im Dlf (imago/Zarzyckax)
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Klimakonferenzen sind die Zeit der hoch fliegenden Träume: Auf deutlich unter zwei Grad, wenn möglich sogar unter 1,5 Grad, soll die Erderwärmung begrenzt werden, das hat der Klimagipfel in Paris vor zwei Jahren beschlossen. Frank Bainimarama, der Staatschef der Fidschi-Inseln und Leiter der Bonner Klimakonferenz, hielt die 1,5 Grad hoch – und die Delegierten applaudierten. 

Die Klimaerwärmung geht weiter

Doch am Rande der Klimakonferenz präsentierten Wissenschaftler ihre Ergebnisse. Und die sind ganz schön ernüchternd: Die Erderwärmung geht weiter. Die drei bisher wärmsten Jahre waren in dieser Reihenfolge 2016, 2015 und 2014. Der CO2-Gehalt der Atmosphäre ist 2016 so stark gestiegen wie nie zuvor. Die CO2-Emissionen wachsen wieder anstatt zu sinken. Wenn es so weitergeht, dann hat die Welt ihr Klimabudget, also die Menge an Treibhausgasen, die zu einer Erwärmung um weniger als zwei Grad passt, schon in 15 Jahren komplett aufgebraucht. Und wenn sie wirklich unter 1,5 Grad bleiben wollten, dürften die Delegierten vermutlich schon gar nicht mehr nach Hause fliegen – Bahn- oder Schiffsreisen wären angesagt, denn das CO2-Budget, das zu diesem Ziel passt, ist schon so gut wie aufgebraucht.

Und trotzdem hat der Bonner Klimagipfel Hoffnung darauf gemacht, dass die Welt doch noch die Kurve kriegt. Denn immer mehr Länder machen sich ernsthaft auf den Weg zum Ausstieg aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas, der mit Abstand wichtigsten Ursache des menschengemachten Klimawandels.

Großbritannien und Kanada sammeln eine Allianz von Staaten, Regionen und Unternehmen, die bis spätestens 2030 sämtliche Kohlekraftwerke abschalten und damit die klimaschädlichste Art der Stromerzeugung beenden wollen. Ausgenommen sind davon nur Kraftwerke, in denen das CO2 abgeschieden und im Boden gelagert wird. Die Briten wollen dies schon bis 2025 geschafft haben, und in der Realität sind sie schon jetzt fast so weit. Unterschrieben haben unter anderem sämtliche Nachbarländer  Deutschlands außer Tschechien und Polen, unterschrieben haben auch Mexiko, Finnland, Italien, die Marshall-Inseln und eine ganze Reihe anderer Staaten und Regionen. 

Initiativen, die Mut machen

Und es gab weitere Initiativen in Bonn, die Mut machen. Da ist die Zusage von US-Bundesstaaten, Städten und Unternehmen, die Klimaziele ihres Landes trotz der Verweigerungshaltung der Zentralregierung in Washington zu erfüllen. Die Ankündigung von Donald Trump, das Pariser Abkommen aufzukündigen, reizt Klimaschützer nicht nur in den USA zu der Antwort, jetzt erst recht aktiv zu werden.

Und, nicht zuletzt: Die Verhandlungen über das Kleingedruckte des Pariser Abkommens kommen voran. Im nächsten Jahr soll bei einem weiteren Gipfel in Kattowitz das Regelbuch von Paris verabschiedet werden. Gelingt dies, dann hat die Welt einen rechtssicheren Rahmen für den Klimaschutz, auch das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass das Vorhaben doch noch gelingt.

Es kommt vor allem auf Ehrlichkeit an

Doch die wichtigste Voraussetzung ist Ehrlichkeit. Und die ist vor allem den Gesprächen über die Erhöhung der Klimaziele in den nächsten Jahren zu wünschen. Sie laufen künftig unter dem Titel "Talanoa-Dialog", das bezeichnet in der Fidschi-Sprache Verhandlungen, bei denen alle Stimmen gehört werden. Die Ausgangslage: Die Welt ist auf dem Weg zu einer Temperaturerhöhung um katastrophale drei Grad – und auch das nur, wenn alle Staaten ihre Klimaziele erfüllen.

Wenn wir auch nur in die Nähe von zwei Grad kommen wollen, dann sind drastische Nachbesserungen angesagt. Der Bonner Klimagipfel hat die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Klimaschutz etwas kleiner gemacht, geschlossen ist sie noch lange nicht. Immerhin zeigt sich die Welt nahezu einig, das Thema jetzt mit konkreten Aktionen wie dem Kohleausstieg anzugehen.

Deutschland konnte sich in Bonn nicht mehr als Klima-Champion präsentieren, im Gegenteil: Bundeskanzlerin Angela Merkel musste peinlicherweise öffentlich eingestehen, dass nicht einmal die Einhaltung der deutschen Klimaziele gesichert ist.

Unser Land muss also schnellstmöglich seine Hausaufgaben erledigen, die zugesagten 40 Prozent CO2-Reduktion bis zum Jahr 2020 umsetzen und aus der Braunkohle aussteigen. Eine Aufgabe für die nächste Bundesregierung – und auch sie muss wissen, dass das erst der Anfang ist für den klimaverträglichen Umbau in Deutschland.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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