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StartseiteInterview"Vermintes Terrain" für Fußballer und Politiker04.06.2018

Weltmeisterschaft in Russland"Vermintes Terrain" für Fußballer und Politiker

Fußball-Journalist Christoph Biermann hält Besuche deutscher Politiker - auch der Kanzlerin - bei Spielen der Weltmeisterschaft für wenig wünschenswert. Gastgeber Russland werde versuchen, das Turnier für sich zu instrumentalisieren, sagte Biermann im Dlf. Die Politik sollte sich daher zurückhalten.

Christoph Biermann im Gespräch mit Sandra Schulz

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Gesprächsrunde mit Merkel und Nationalspielern (dpa /Guido Bergmann)
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Sandra Schulz: "Für uns wäre es besser gewesen, wenn wir heute gewonnen hätten." Der Klassiker von Erich Ribbeck passt wunderbar auf die 1:2-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft am Samstag gegen Österreich. Jetzt war es nur ein Freundschaftsspiel, aber doch eins mit einer wichtigen Weichenstellung, denn seit Samstagabend ist mehr oder weniger klar, dass Torhüter Manuel Neuer mitfahren kann zur WM nach Russland. Bis heute Mittag, zwölf Uhr, muss Bundestrainer Löw den 23köpfigen WM-Kader benennen. 27 Namen stehen bisher auf der Liste und das heißt, vier müssen noch gestrichen werden. Wer zu diesem Streichquartett gehören wird, wie gesagt: offiziell wissen wir das mittags.

Christoph Biermann, das Mitglied der Chefredaktion des Fußballmagazins "Elf Freunde", den habe ich vor der Sendung gefragt, was für ihn bei den Streichkandidaten jetzt die spannendste Frage ist.

Christoph Biermann: Ich fange mal hinten an, wo sie am unspannendsten ist: sicherlich bei der Torhüter-Position. Da wurde ja eifrig diskutiert. Manuel Neuer – das hat das Spiel in Österreich gezeigt – ist spielfähig, fit und sogar in guter Form. Das heißt, da wird es wahrscheinlich Kevin Trapp von Paris Saint-Germain erwischen und höchst wahrscheinlich auch, weil Bundestrainer Jogi Löw sehr viele Verteidiger mitgenommen hat, Jonathan Tah von Bayer Leverkusen. Und dann gibt es ein bisschen unterschiedliche Kandidaten, im Mittelfeld sicherlich Sebastian Rudy vom FC Bayern ist einer. Für den wäre es ein bisschen traurig, der ist nämlich schon vor der Europameisterschaft 2016 auch so kurzfristig aussortiert worden. Und dann nimmt er Nils Petersen mit, der Freiburger, den Joachim Löw ja überraschend nominiert hatte für dieses 27er-Kader.

Christoph Biermann, Mitglied der Chefredaktion des Fußballmagazins "11 Freunde" (Imago / Hoffmann)Christoph Biermann, Mitglied der Chefredaktion des Fußballmagazins "11 Freunde" (Imago / Hoffmann)

Tradition von Überraschungskandidaten

Schulz: …, der jetzt in Klagenfurt ja auch dabei war und sich – Frage an Sie – auch empfohlen hat?

Biermann: Es war insgesamt in Österreich kein Spiel, bei dem sich irgendjemand, abgesehen von Manuel Neuer, empfohlen hat, und auch nicht Nils Petersen. Es war allerdings auch nicht das Spiel, für das er eigentlich vorgesehen wäre, denn Löw sieht ihn ja sowieso als Joker, und das dann vielleicht in irgendwelchen umkämpften Spielen, wo man in den letzten 20 Minuten noch einen Rückstand aufholen muss oder so was. Seine Leistung in Österreich war jedenfalls nicht sonderlich überzeugend. Trotzdem ändert es nichts daran, dass er diese Rolle, die Löw sich gedacht hat, durchaus einnehmen könnte.

Schulz: Und diese Rolle könnte auch sein, das Überraschungsmitglied im Kader zu sein, was wir ja verschiedentlich auch gesehen haben, dass Joachim Löw dazu auch eine gewisse Neigung hat. Wer müsste dafür gehen?

Biermann: Es gibt ja fast eine Tradition von solchen Überraschungskandidaten. Erinnern wir uns an 2006, als Jogi Löw noch Co-Trainer war, mit David Odonkor, den viele Fußballfans zu der Zeit gar nicht kannten, aber der ein Spezialtalent mitgebracht hat, nämlich sehr, sehr schnell zu sein damals. Und wie gesagt: Bei Nils Petersen sieht Löw das Spezialtalent, ein guter Joker zu sein, denn Petersen war das beim SC Freiburg über lange Zeit und hat dann, von der Bank kommend, doch regelmäßig auch Tore geschossen.

Schulz: Sie haben es gesagt: Die Torhüterfrage, daran können wir einen Haken machen. Manuel Neuer wird wohl fahren. Oder gibt es da noch Restzweifel, weil der Mann ja nun wirklich lange außer Gefecht gesetzt war?

Biermann: Wenn er nicht jetzt in den Nächten seit Samstag irgendwie noch plötzlich schlimmste körperliche Reaktionen gezeigt hat – ich könnte mir jetzt nicht vorstellen, welche das sein sollten -, wird er in Russland dabei sein. Und das heißt ja dann auch, wenn wir dem Bundestrainer glauben können, als Nummer eins.

Österreich-Spiel als Euphorie-Bremse

Schulz: Jetzt ist es eine spannende Ausgangssituation, weil es für die DFB-Elf um nichts weniger geht, als den Titel zu verteidigen. Die Mannschaft, der Kader, so wie es sich zumindest im Moment abzeichnet – was ist da Ihre Einschätzung? Ist das ein Team, das auch dazu in der Lage wäre, den Titel zu verteidigen?

Biermann: Ja, mit Sicherheit. Nominell hat man ja sowieso das Gefühl, dass die Mannschaft sogar noch ein wenig besser besetzt ist als vor vier Jahren. Da ist ja durch den Confed Cup im letzten Sommer, wo Löw ja viele Reservisten getestet hat, quasi noch mal fast eine neue Generation von Spielern dazugekommen. Allerdings: Wenn man jetzt das Spiel am Samstag zum Maßstab nimmt, das war natürlich nichts, was jetzt für sonderliche Euphorie gesorgt hat.

Schulz: Das hat man da in der Tat geschickt verborgen, hätte ich Ihnen jetzt auch noch entgegenhalten wollen. Deswegen wird es sportlich sicherlich spannend, politisch bei dieser WM, bei dieser Weltmeisterschaft in Russland aber mindestens genauso. Was ist da Ihre Einschätzung? Welche Rolle wird die weltpolitische Zuspitzung, die wir ja beobachten seit vielen Monaten zwischen Russland und dem Westen, welche Rolle wird das spielen?

Biermann: Man wird mal sehen müssen, wie stark Russland versuchen wird, diese WM zu instrumentalisieren, ob man einfach jetzt versucht, sich als freundlicher Gastgeber zu positionieren, oder ob man sich hier als große Nation der Stärke zeigt. Auch interessant wird zu sehen sein, wie sich die russischen Fußballfans zeigen. Sie sind zum Beispiel bei der Europameisterschaft in Polen etwa wahnsinnig martialisch aufgetreten, und wir erinnern uns ja auch bei der letzten Europameisterschaft in Frankreich sogar explizit sehr gewalttätig. Das wird man mal sehen müssen, wie sich Russland da als Gastgeber definiert. Das wird die eine Geschichte sein, und wie stark Russland auch versucht, diese Weltmeisterschaft für sich zu instrumentalisieren. Prognose: Ziemlich viel.

"Wahnsinnig vermintes Terrain"

Schulz: Das wollte ich gerade fragen. Welche Chance sehen Sie denn, Russland daran zu hindern, diese Weltmeisterschaft, dieses ja wirklich für viele oberspannende Fußballturnier nicht zu instrumentalisieren?

Biermann: Man hat ja gesehen, wie schwer sich zum Beispiel auch der DFB damit tut, da eine richtige Position zu finden. Der DFB-Präsident ist ja mit einer U18-Mannschaft zum Beispiel vor einigen Tagen, vor 14 Tagen ungefähr nach Wolgograd gefahren, um da sogenannte Friedensspiele mit Russland auszutragen. Man will natürlich auch die Kräfte der Zivilgesellschaft in Russland unterstützen. Auf der anderen Seite gab es dann auch Warnungen vom Auswärtigen Amt, dass das diesen NGO’s, den zivilgesellschaftlichen Organisationen in Russland auch wiederum schaden könnte. Es ist ein wahnsinnig vermintes Terrain, in dem da auch die Fußballpolitiker und die Fußballer unterwegs sind.

Schulz: Und auch die Politiker. Der Heimat- und Innenminister, der ja auch der Sportminister ist, Horst Seehofer, hat schon gesagt, er würde gerne fahren, am allerliebsten natürlich zum Finale, wenn die deutsche Elf ins Finale kommen sollte. Ist das ein Setting, das vorstellbar ist, Horst Seehofer, auch eine Bundeskanzlerin Angela Merkel und daneben Putin?

Biermann: Es ist vorstellbar, aber ob es wünschbar ist, ist eine andere Geschichte.

Stark von der Politik in Beschlag genommen

Schulz: Darauf zielte meine Frage aber ab.

Biermann: Ich persönlich fände es sicherlich sinnvoller, wenn die Politik sich da zurückhalten würde. Aber das ist ein Wunsch, den man als Fußballinteressierter natürlich schon lange hat. Es ist ganz klar, dass die großen Fußballturniere inzwischen stark von der Politik in Beschlag genommen worden sind, und ehrlich gesagt war das ja 2006 in Deutschland nicht anders. Da war es positiv zu sehen, als – wie sagt man heute – Nation Branding oder so, ein freundliches Deutschland, was sich positioniert hat. Es bleibt jedenfalls immer ein sehr, sehr unangenehmes Gefühl zurück.

Schulz: Sagen Sie es noch mal ganz deutlich. Sie würden der Kanzlerin raten, nicht zum Finale zu fahren, wie gesagt vorausgesetzt immer, dass das deutsche Team überhaupt so weit kommt?

Biermann: Ja.

Schulz: Dann noch den Bogen schlagen, was wir auch machen müssen, mit dem Blick auf die FIFA. Da haben wir im Vorfeld schon Diskussionen gesehen um mögliche Doping-Vorwürfe an die russische Mannschaft und wir haben auch das klare Signal von der FIFA bekommen, die sagen, die russische Mannschaft sei doping-technisch sauber. Da machen jetzt viele Experten ein Fragezeichen dran und sagen, na ja, vielleicht habt ihr nur nicht genau genug geguckt. Warum ist der FIFA ihr Image so schnurz piep egal?

Biermann: Weil die FIFA eine komplett falsch strukturierte Organisation ist, bei der es eben nicht darum geht, wie sie sich ja selber mal als Slogan gegeben hat, For the Good oft he Game unterwegs zu sein, also für das Gute des Spiels und vielleicht sogar das Gute in der Welt, sondern dass die FIFA letztendlich eine quasi mafiöse Organisation ist, in der es darum geht, Personal in die richtigen Geldkreisläufe zu bekommen, und das ist eigentlich letztendlich der zentrale Antrieb. Weitergehende Sportwerte spielen da keine Rolle.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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