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StartseiteUmwelt und VerbraucherWeltregister wandernder Tierarten17.09.2002

Weltregister wandernder Tierarten

von: Karin Thiesen

Kaum sind die Delegierten aus Johannesburg abgereist, da steht schon die nächste internationale Umweltkonferenz ins Haus. Bundesumweltminister Jürgen Trittin hat Wissenschaftler und Politiker aus mehr als 100 Ländern nach Bonn eingeladen, um zwischen dem 18. und dem 24. September die siebte Vertragsstaatenkonferenz der Bonner Konvention durchzuführen. Die Bonner Konvention ist eine globale Artenschutzvereinbarung, die sich speziell mit dem Phänomen der Tierwanderungen beschäftigt. Wissenschaftliche Grundlage der Konferenz wird unter anderem ein digitales Weltinformationssystem sein, das eine internationale Wissenschaftlergruppe in den vergangenen fünf Jahren in Bonn entwickelt hat. Das Projekt wurde vom Bundesumweltministerium gefördert und vom Bundesamt für Naturschutz fachlich betreut. Karin Thiesen berichtet über das Forschungsprojekt und seine Konsequenzen für die internationale Umweltpolitik.

Viele Tierarten verbringen ihr Leben nicht an ein und demselben Standort. Sie wandern jedes Jahr Tausende oder sogar Zehntausende von Kilometern zwischen ihren Sommerlebensräumen und ihren Winterquartieren. Den Langstreckenrekord unter den wandernden Tierarten hält derzeit die Küstenseeschwalbe, die den Sommer in der Nähe des Nordpols und den Winter in der Antarktis verbringt. Fast 40.000 Kilometer Flugstrecke legt die Küstenseeschwalbe in jedem Jahr zurück. Nicht nur Vögel, sondern auch Meeressäuger, Fische, Elefanten, Antilopen und sogar Schmetterlinge begeben sich in jedem Jahr auf Wanderschaft. Diese "Reisenden ohne Pass", wie der ehemalige Bundesumweltminister und jetzige Chef des UNO-Umweltprogramms Klaus Töpfer die wandernden Tiere bezeichnete, benötigen internationalen Schutz, denn auf ihrem Weg lauern zahllose Gefahren. Die vielfältigen Bedrohungen der wandernden Tierarten beschreibt Dr. Klaus Riede, der zuständige Projektleiter am Zentrum für Entwicklungsforschung und am Zoologischen Museum Alexander Koenig in Bonn:

Die Gefährdungen sind für die verschiedenen Tierarten unterschiedlich. Große Vögel wie der Storch und der Kranich leiden vor allem unter der Zerstörung ihrer Rastplätze und werden häufig Opfer von Stromstößen an Freileitungen. Massenhaft auftretende Vogelschwärme sind nach wie vor attraktive Ziele für Jäger. Fische wie der Lachs hingegen scheitern auf ihren Wanderungen meist an Dämmen oder Staustufen, die ihnen den Weg versperren. Meeressäuger wie der Buckelwal verlieren in den zunehmend verlärmten Meeren immer häufiger die Orientierung.

Um die Überlebenschancen der wandernden Tierarten dauerhaft zu sichern, wurde im Jahre 1979 die Bonner Konvention verabschiedet. Die Bonner Konvention ist eine internationale Artenschutzvereinbarung, die dem Schutz der wandernden Tiere dient. 80 Staaten haben das Abkommen mittlerweile unterzeichnet. Ein Hindernis bei der Umsetzung war bislang, dass keine ausreichenden wissenschaftlichen Daten über die wandernden Tierarten vorlagen. Zwar erforschten zahlreiche Wissenschaftler deren Wanderwege, doch eine global einheitliche Informationsstruktur gab es nicht. Das soll nun endlich anders werden. Zum ersten Mal in der Geschichte des internationalen Artenschutzes wurden weltweit Informationen über die wandernden Tiere zusammengetragen und in ein digitales "Weltregister der wandernden Tierarten" eingespeist. Diese mit digitalen Karten verknüpfte Datenbank bietet Wissenschaftlern und Politikern wichtige Informationen für die zum Schutz der Tiere notwendigen Entscheidungen.

Dadurch, dass wir die Datenbank mit digitalen Karten verbunden haben, können wir die scheinbar einfache Frage beantworten, welche Tierarten sich zu welcher Jahreszeit in welchen Regionen aufhalten. Außerdem haben wir die Möglichkeit, potentielle Bedrohungen durch Habitatzerstörung oder Umweltkatastrophen zu prognostizieren. Wir sind in der Lage, Gefährdungen einzelner Arten zu analysieren und wirksame Schutzmaßnahmen abzuleiten. Des weiteren können wir Wissenslücken bezüglich der Biologie und Verbreitung einzelner Arten identifizieren und notwendige Forschungsarbeiten einleiten.

Die Wissenschaftler haben bereits erste Analysen mit dem "Weltregister der wandernden Tierarten" vorgenommen. Dabei sind sie zu dem Ergebnis gekommen, dass die Inhalte der Bonner Konvention überarbeitungsbedürftig sind. Ein besonders wichtiges Resultat ihrer Untersuchungen war, dass weit mehr wandernde Tierarten in ihrem Bestand gefährdet sind, als bislang angenommen wurde. Aus diesem Grunde sollen die Anhänge der Bonner Konvention, in denen die schutzbedürftigen Arten aufgeführt sind, nach Ansicht der Forscher so bald wie möglich erweitert werden. Außerdem stellten die Wissenschaftler fest, dass bei den internationalen Artenschutzbemühungen der vergangenen Jahre nicht immer die richtigen Schwerpunkte gesetzt wurden. Dr. Klaus Riede erläutert die zentralen Untersuchungsergebnisse:

Wir haben herausgefunden, dass mindestens 95 Tierarten, die derzeit noch nicht unter dem Schutz der Bonner Konvention stehen, akut gefährdet sind und besondere Schutzmaßnahmen brauchen. Außerdem hat sich herausgestellt, dass für wandernde Tierarten nicht die tropischen Länder, sondern gerade die Industriestaaten der gemäßigten Breiten die höhere Artenvielfalt aufweisen. Die derzeit im internationalen Naturschutz verfolgte Strategie, Maßnahmen auf tropische Länder zu konzentrieren, reicht für wandernde Tierarten nicht aus. Ein Großteil der Verantwortung für die Erhaltung der Artenvielfalt liegt somit bei den Industrienationen.

Anscheinend beabsichtigt die Bundesregierung, Konsequenzen aus den aktuellen Forschungsergebnissen zu ziehen. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums sollen im Rahmen der Konferenz neue Tierarten unter den Schutz der Bonner Konvention gestellt werden. Außerdem wollen die Politiker die bisherige Schutzstrategie überarbeiten und neue Maßnahmenkonzepte entwickeln. Das "Weltregister der wandernden Tierarten" wird auf der Konferenz offiziell dem Sekretariat der Bonner Konvention übergeben. Es soll in den kommenden Jahren ständig aktualisiert und weiterentwickelt werden. Auf diese Weise – so jedenfalls hoffen es die Forscher und Politiker - soll nicht nur die wissenschaftliche Grundlage für die Umsetzung des Abkommens, sondern auch der Schutz der wandernden Tiere dauerhaft verbessert werden.

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