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StartseiteBüchermarktWenig lebendiges Bild19.11.2004

Wenig lebendiges Bild

Urs Bitterli: "Golo Mann - Instanz und Außenseiter"

Ein langes Buch über ein langes, etappenreiches Leben sollte den Leser bannen, wenn der, um den es in diesem Buch geht, Golo Mann heißt, Thomas Manns drittes Kind war und ist einer der bedeutendsten Historiker des 20. Jahrhunderts. Dieser Bann geht jedoch nicht von Urs Bitterlis Biographie aus, und hierfür sind auch grundsätzliche Entscheidungen des Autors verantwortlich: Zunächst ist die Einteilung in sieben chronologische Kapitel, die zugleich thematisch funktionieren, nicht glücklich. Sie verführt den Autor dazu, dass er nur in den Eckkapiteln, betitelt "Die frühen Jahre" und "Die späten Jahre", über den Menschen Golo Mann, Charaktereigenschaften oder Vorlieben handelt. Und auch dies mit größter Zurückhaltung.

Von Annette Seemann

Urs Bitterli: "Golo Mann  - Instanz und Außenseiter" (Kindler Verlag)
Urs Bitterli: "Golo Mann - Instanz und Außenseiter" (Kindler Verlag)

Es scheint nach dieser Darstellung fast, als habe Golo Mann in den mittleren Jahren zum Leben gar keine Zeit gehabt, allenfalls als alter Herr, als er die eine oder andere Reise nach Spanien unternahm und mit spanischen Studenten parlierte. Zu sehr war er davor damit beschäftigt, auf die immerwährenden Anfragen von Politikern, Vereinen, Institutionen zu reagieren und Reden zu schreiben. Entsprechend ist die einzige herausragende Charaktereigenschaft, die Urs Bitterli dem dritten Kind Thomas Manns zuschreibt die, niemals "Nein" gesagt haben zu können.

Bitterlis Buch ist zweifellos kenntnisreich, nach gründlicher Auswertung der zur Verfügung stehenden schriftlichen Quellen, Bücher, Aufsätze, Zeitungsartikel und Reden geschrieben. So standen dem Autor auch die im Schweizerischen Literaturarchiv Bern liegenden Tagebücher Golo Manns aus den Jahren 1931-1991 zur Verfügung. Aber es fragt sich, ob denn aus dieser Lektüre wirklich nichts anderes hätte entnommen werden können als das, was uns Urs Bitterli präsentiert und was schon bekannt ist: die Vorliebe für Hunde, Rotwein und Bergwanderungen, sowie die Probleme, die Golo Mann seit Jugendzeiten mit seinem Knie hatte?

Letztlich erfährt ein Leser, der bereits Golo Manns Autobiographie Erinnerungen und Gedanken von 1986, den zweiten Teil dieser Autobiographie Lehrjahre in Frankreich von 1999 und vielleicht auch noch Jeroen Kochs Buch Golo Mann und die deutsche Geschichte von 1998 gelesen hat, so gut wie nichts Neues über diesen erstaunlichen Mann, der über lange Jahre als ein moralischer Präzeptor oder graue Eminenz der Deutschen galt. Und dabei hätten sich viele Fragen geradezu aufgedrängt, etwa die, wie es möglich war, dass Golo Mann sich einmal für Willy Brandt, dann wieder für Franz Joseph Strauß stark machen konnte.

Und noch ein Einwand gegen die Kapiteleinteilung: Indem Bitterli erst im vorletzten Kapitel Golo Mann als Leser einführt, bündelt er ohne Not alle wichtigen Leseerlebnisse des Historikers und gesteht ihnen dadurch gar nicht zu, in einer und ab einer bestimmten Lebensphase eine bedeutende Wirkung auf den Historiker ausgeübt zu haben. Von diesem Einteilungsprinzip weicht Bitterli nur in Bezug auf Ricarda Huch ab, die er bereits abhandelt, wo sie hingehört: In die Studentenjahre.

Dieses Vorgehen ist einem Bild von der Person Golo Mann abträglich. Und das ist vielleicht der entscheidende Einwand gegen dieses Buch: Alle Ereignisse im Leben Golo Manns sind bei Bitterli letztlich gleich wichtig, nichts besonders prägnant und hervorzuheben. Dabei hätte sich einiges angeboten, in den frühen Jahre etwa die Tatsache, daß sich der Jugendliche aus dem Elternhause wegsehnte. Entsprechend blühte er in der Internatsschule Salem auf, und der Leiter Kurt Hahn war es, der dem jungen Golo Mann sein künftiges Lebensideal vermittelte: dass Kritik nicht hinreiche, sondern dass es in jeder Gesellschaft auch um das Mittun gehe.

Weiter: Die äußerst problematische Beziehung zum Vater wird von Bitterli wohl erwähnt, auch, dass man sich in den Jahren des Exils näher kam, doch die Dimension dieser Ablehnung wird nicht ausgelotet. Golo Mann war aber neben Monika und Michael das von Thomas und Katja Mann immer als am problematischsten empfundene Kind. Dieser Frage hätte man nachspüren müssen, denn Golo war für seinen Vater eigentlich ein Spiegel, allerdings einer, durch den dieser sich gekränkt fühlte. Ebenso wenig wie Kurt Hahn prononciert Bitterli die zweite Golo Mann prägende Figur, den Heidelberger Philosophen Karl Jaspers. Er erwähnt nicht, dass Golo Mann in dessen Hause verkehrte, von welcher Art diese Beziehung war und dass hier ein wahres Sichabarbeiten an einem Universitätslehrer als einem zweiten Vater stattfand.

Auch die persönliche Beziehung zur Witwe Max Webers wird verschwiegen. Bitterli vermittelt das Bild eines Wissenschaftlers bar fast jeder menschlichen Beziehung, dabei hat Golo Mann in Heidelberg und auch in Berlin ein gesellschaftliches Leben geführt.
Einmal erwähnt der Biograph etwas noch Unbekanntes, dass Golo Mann nämlich eine Novelle mit dem Titel Lavalette. Eine Episode aus napoleonischer Zeit geschrieben habe. Hier wäre es interessant gewesen, zu wissen, wie der Sohn des berühmten Schriftstellers mit einer eigentlich literarischen Form umging, was die Novelle erzählt, ob er mit dem Gedanken einer Veröffentlichung spielte oder nicht und warum.

Das heikelste Kapitel, die Homoerotik Golo Manns, wird kurz abgehandelt: Bitterli behauptet, der disziplinierte Mann habe sie im Grunde nicht ausgelebt. Den späteren Adoptivsohn Hans Beck-Mann erwähnt Bitterli gerade auf einer Seite in einem Absatz und in gänzlich neutralem Licht: Mann habe den begabten Jüngling 1955 kennengelernt, ihn beim Studium unterstützt und adoptiert. Punkt. Man fragt sich: Warum ihn und keinen anderen? Im selben Absatz wird, seltsam unvermittelt, Margret von Hessen erwähnt, zu der Golo Mann ebenfalls eine gute Beziehung hatte.

Dem Leser wird durch Bitterlis Art, eine unendliche Zahl von Fakten letztlich unerklärt, unverbunden und ohne Priorität aneinanderzureihen, kein lebendiges Bild des Menschen Golo Mann vermittelt. Ein allerletztes, den Leser merkwürdig anwehendes Detail rührt von Urs Bitterlis, wenn auch sparsam eingesetztem Pluralis Majestatis her: "Wir" hätten dies oder jenes herausgefunden. Die Zeiten dieser Floskel sind endgültig vergangen.
Eine Biographie, die das Leben Golo Manns schriftstellerisch gestaltet, muss noch geschrieben werden.

Urs Bitterli:
Golo Mann - Instanz und Außenseiter
Kindler, 700 S., EUR 29,90

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