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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteUmwelt und VerbraucherWenig Wasser, viel Gestank03.05.2006

Wenig Wasser, viel Gestank

Kanalnetze leiden unter Wassermangel

Dass auch umweltbewusstes Verhalten umweltschädliche Nebenwirkungen haben kann, zeigt der marode Zustand der Abwasserkanäle in Deutschlands Städten. Ausgerechnet der sparsame Umgang der Deutschen mit Wasser hat zur Folge, dass Sauerstoff im Kanalwasser knapp wird und Abwässer zu einer aggressiven und fauligen Brühe werden. Die Probleme sind mittlerweile so gravierend, dass eine private Firma an der TU Berlin eine Stiftungsprofessur für Siedlungswasserwirtschaft finanziert, um möglichst rasch Lösungen zu finden.

Von Mirko Smiljanic

Weil das Wasser vom Bad bis zum Klärwerk länger braucht, vermehren sich die Mikroorganismen im Abwasser explosionsartig. (AP)
Weil das Wasser vom Bad bis zum Klärwerk länger braucht, vermehren sich die Mikroorganismen im Abwasser explosionsartig. (AP)

Dortmund, zehn Uhr vormittags, ein kühler Frühlingstag. Zwei Wagen der Abwasserbetriebe blockieren Teile der rechten Fahrbahn. Passanten beobachten Männer in signalroten Schutzanzügen und beinlangen Schaftstiefeln.

" Hallo! Ich bring den erst nach unten. So, am besten rückwärts gehen, am besten hier festhalten. Wir gehen ganz langsam, wie in Zeitlupe, weil es manchmal glitschig ist, und immer ein bisschen gebückt gehen, immer den Oberkörper nach vorne halten, ja, so."

Langsam geht es abwärts, Stufe um Stufe. Schon nach wenigen Metern verändert sich die Atmosphäre: faulig riechende Luft, nasse Betonwände. Allmählich schwillt das Rauschen im Abwasserkanal an.

" Da, eine Ratte! Jetzt ist sie weg. Das war eine Ratte,"

Günter Schneider und Jörn Peters schlagen eine Ratte in die Flucht, geblieben sind das Wasserrauschen und der faulige Gestank. Letzteres sei neu, sagen die Dortmunder Kanalkontrolleure, früher habe es allenfalls muffig gerochen. Früher floss aber auch mehr Wasser durch den Kanal.

" Die spezifischen Wasseranfälle sind zurückgegangen von etwa 150 Liter pro Tag und Einwohner auf etwa 110 Liter je Einwohner und Tag, und dadurch haben sich die Verweilzeiten im Kanalnetz extrem verlängert und das führt zu unerwünschten biologischen Prozessen, die dann Geruch und Korrosion zur Folge haben,"

sagt Matthias Barjenbruch, Professor für Siedlungswasserwirtschaft an der TU Berlin. Weil das Wasser vom Bad bis zum Klärwerk länger braucht, vermehren sich die Mikroorganismen explosionsartig und verbrauchen dabei den im Abwasser gelösten Sauerstoff.

Es treten Fäulnisprozesse auf, wenn kann Sauerstoff mehr im Abwasser vorhaben ist und da bildet sich Schwefelwasserstoff, der dann so unangenehm riecht, nach faulen Eiern, in der Schule macht man da ja manchmal Späße mit, und wenn es dann wieder in belüftete Bereich gelangt, wird dieser Schwefelwasserstoff aufoxidiert zu Schwefelsäure und kann dann zu Korrosion führen.

Schwefelwasserstoff stinkt bis rauf auf die Straße, Schwefelsäure zersetzt die Kanalwände. Dabei ist der Gestank keineswegs nur eine lästige Plage

" Wir sind jetzt hier im Kanalschachtbauwerk unter der Seydlitzstraße in Hörde. Das ist ein großer Sammler, der hat einen Durchmesser von etwa einem Meter neunzig und geht etwa 200 Meter in westliche Richtung in Richtung Emscher."

Wer hier ohne Schutz reingeht, befindet sich in akuter Lebensgefahr. Statistisch sterben jedes Jahr zwei Mitarbeiter in den Kanälen. Mitunter bricht über ihnen auch die Kanalwand zusammen.

" Korrosion ist ungefähr die vierthäufigste Schadensursache im Kanalnetz, man sagt, bei extremer Exposition mit Schwefelsäure etwa 15 Millimeter Bausubstanz pro Jahr gehen da verloren."

Als Lösung des Problems schlägt Matthias Barjenbruch eine integrative Bewirtschaftung der Kanalnetze vor. Wenn irgendwo der Sauerstoffgehalt unter einen kritischen Wert sinkt, wird sauerstoffreiches Abwasser in diesen Teil des Netzes umgelenkt. Frischwasser zugeben wäre natürlich auch möglich, ist aber gesetzlich verboten. Als zweite Varianten können Ingenieure das aggressive Abwasser künstlich entschärfen.

" Um das Wasser frisch zu halten, gibt man Kaliumnitrat hinzu, das ist eine ganz bewährte Methode oder man versucht diesen entstehenden Schwefelwasserstoff mit Fällmitteln, etwa mit Eisensalzen zu binden."

Das Nonplusultra sind aber verglaste Kanäle, die absolut unempfindlich sind gegen Säuren aller Art. Erste Teststrecken sind in Berlin installiert. Das klingt gut, hat aber einen Haken. Mit der aggressiven Brühe müssen dann die Klärwerke fertig werden.

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