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StartseiteUmwelt und VerbraucherWeniger Menschen, mehr Natur?08.11.2006

Weniger Menschen, mehr Natur?

Umweltverbände beraten über die Folgen des demografischen Wandels

Die Zahlen hat gestern das Statistische Bundesamt geliefert: Im Jahr 2050 werden in Deutschland voraussichtlich nur noch rund 70 Millionen Menschen leben, gut zehn Millionen weniger als heute. Für die Umwelt müsste das eigentlich gut sein, wenn weniger Menschen ihre Ressourcen verbrauchen. Trotzdem beraten Naturschutzverbände heute in Berlin über die Herausforderungen, die der demografische Wandel für die Umwelt mit sich bringt.

Von Dieter Nürnberger

Wie reagiert die Umwelt auf weniger Menschen? (Deutschlandradio)
Wie reagiert die Umwelt auf weniger Menschen? (Deutschlandradio)

Diese Herausforderungen sind eigentlich recht leicht zu benennen - es betrifft die Infrastruktur - besonders hier natürlich die Bereiche Bauen und Verkehr. Denn wenn es künftig - und da sind die Prognosen für Deutschland ja eindeutig - weniger Bewohner durch den demografischen Wandel geben wird, dann braucht man wohl auch weniger Wohnungen, Straßen etc. Soweit die Theorie, doch Sinn und Zweck der heutigen Tagung in Berlin ist es, diesen Prozess auch frühzeitig zu denken, und auch zu steuern. Denn ein Selbstläufer - weniger Menschen, mehr Ökologie - sei dies noch lange nicht, sagt beispielsweise Thomas Holzmann, er ist der Vizepräsident des Umweltbundesamtes. Begründung: Auch die Menschen haben sich ja geändert in den vergangenen Jahrzehnten - alt heiße heute etwas ganz anderes als früher. Ein Beispiel.

" Die Frauen von heute nutzen eindeutig häufiger als ihre Mütter den PKW für den einen oder anderen Weg. Ich bin eher skeptisch, was in der Gesamtbilanz das Umweltentlastungspotential einer gealterten Gesellschaft angeht. Im Hinblick auf Mobilitätsbedürfnisse und im Hinblick auf verkehrsbedingte Umweltbelastungen. Es sei denn - und das ist die immer wiederkehrende Botschaft - wir verändern mit den Alten und den Altwerdenden zusammen unsere Lebensstile. "

Die Politik habe aber gerade erst begonnen, Zusammenhänge zwischen einem demografischen Wandel und Ökologie auszumachen. Und es geht vor allem auch darum, mit einer weitsichtigen Planung, Fehlentwicklungen rechtzeitig zu analysieren. Angelika Zahrnt, die Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz, sieht da aber auch schon einige negative Beispiele.

" Wie können die Infrastrukturen beim Wasser und beim Abwasser aussehen? Da hat man jetzt ja mit viel Aufwand zentrale Strukturen geschaffen. Man hat Abwasseranlagen installiert und stellt jetzt fest, dass diese ausgelegt sind auf eine Menge von Menschen, und nun funktioniert dies gar nicht. Man muss hier überlegen, ob man nicht zum Teil zu einem Umbau kommen muss. Also stärker dezentrale Anlagen bauen sollte - für den dünner besiedelten Raum. "

Als sozusagen Paradebeispiele für solche Gebiete, in denen künftig deutlich weniger Menschen leben werden oder auch schon leben, werden immer wieder die östlichen Bundesländer genannt. Also etwa Mecklenburg-Vorpommern oder auch Teile Brandenburgs. Aber auch der Westen sei betroffen - das Saarland beispielsweise oder generell ländliche Regionen in der alten Bundesrepublik. Verkehrspolitik sei dabei ein sehr anschauliches Beispiel, sagt Michael Gehrmann, der Vorsitzende des Verkehrsclub Deutschland.

" Wir haben jetzt schon eine Infrastruktur-Instandhaltungs-Krise. Wir haben da große Probleme bei den Schienenwegen wie auch bei den Straßen. Und gleichzeitig bauen wir immer noch neue Straßen, um ein weiteres Wirtschaftswachstum zu generieren. Das kann nicht funktionieren! Denn auch diese Straße müssen wir instand halten. Denn all dieses muss künftig eine kleiner werdende Bevölkerung und auch geringer verdienende Bevölkerung erhalten und sanieren. Das ist immer noch ein bundesweiter Trend."

Und Lösungen aus umweltpolitischer Sicht könnten lauten, dass beispielsweise ein Weniger an Straßen in diesen dünn besiedelten Gebieten, ein Mehr an öffentlichen Personennahverkehr bedeutet. Dafür müsse man allerdings rechtzeitig die Weichen stellen, so Michael Gehrmann.

" Beispielsweise in Brandenburg: hier gibt es die größte Autobahndichte pro Einwohner. Hier wird man es sich nicht leisten können, neue Strecken zu bauen. Denn in spätestens 25 bis 30 Jahren müsste man dann diese Infrastruktur aufwendig zurückbauen. Hier gibt es große Chancen auch für mehr Umweltschutz. Mann muss allerdings jetzt anfangen, einen klaren Schnitt zu machen. Also weg von Ausbau und Neubau, hin zum Erhalt und Sanierung vorhandener Verkehrswege. "

Umdenken tue also Not, der demografische Wandel verlange Antworten auch aus ökologischer Sicht - so die Veranstalter. Wobei man sich bewusst ist, dass dies im Moment eher noch ein Zukunftsthema ist, welches mehr Fragen als Antworten beinhaltet. Man möchte aber auf jeden Fall einen Denkprozess anschieben.

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