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StartseiteUmwelt und VerbraucherWeniger Schilder, mehr Rücksicht11.06.2007

Weniger Schilder, mehr Rücksicht

Erfahrungen mit dem EU-Verkehrsprojekt "Shared Space"

Ein Verkehrsplaner aus den Niederlanden geht neue Wege. Unsicher ist sicherer, sagt er und ließ in mehreren holländischen Orten gefährliche Kreuzungen umbauen. Sein Konzept wurde zum EU-geförderten Projekt mit dem Namen "Shared Space". Auch eine deutsche Gemeinde beteiligt sich.

Von Angelika Tannhof

Sieht gefährlich aus: Fußgänger im Straßenverkehr. (AP)
Sieht gefährlich aus: Fußgänger im Straßenverkehr. (AP)

"Wenn man möchte, dass die Leute sich benehmen wie in einer Kirche, dann muss man eine Kirche bauen, keine Disco."

Dieser Ansicht ist Hans Monderman. Baut man schnelle Straßen, fahren Autos schnell und verursachten viele Unfälle. Das Auto beherrsche die Straße, Radfahrer und Fußgänger sind immer in Gefahr. Irgendwann wurde dem Verkehrsplaner klar, dass die Lösung nur im Chaos liegen kann. Kein Raum mit Regeln, Schildern, Ampeln, Bürgersteigen und weißen Grenzlinien, sondern ein Raum, den sich alle teilen. So müssen alle mehr Rücksicht nehmen.

"Jeder weiß ja, wenn er auf den Campingplatz fährt mit dem Wagen, dass man das sehr vorsichtig macht. Da sind ja so viele Augen auf sie gerichtet, und Sie wissen ja, dass Sie Teil dieses Campingplatzes sind. Eigentlich müssen wir aus einem Dorf wieder ein Dorf bauen, so einfach ist es."

Monderman ließ in einigen holländischen Orten gefährliche Kreuzungen umbauen. Ampeln, Schilder und Bürgersteige verschwanden. Alles wurde einheitlich gepflastert. Es gilt nur noch eine Regel: rechts vor links. Zusammenhang ist das Schlüsselwort für Hans Monderman. Wenn Menschen das Gefühl haben, dass die Straße wieder ein gemeinsamer, nicht aufgeteilter Lebensraum ist, ein Raum, in dem jeder überall das gleiche Recht hat, dann verhalten sie sich anders, Autofahrer ebenso wie Radfahrer. Natürlich bedeutet das ein höheres Risiko und mehr Verantwortung für jeden. Doch genau das ist die Philosophie des Verkehrsplaners: Gefahr ist gut, sagt er. Unsicherheit macht wachsam.

"Nach 20 Jahren hatten wir mehr als 100 Stellen, wo wir das genützt haben, das hat gut geklappt. Wir haben keine Beschwerden mehr gehabt, und die Leute haben das geliebt."

Sein bekanntestes Projekt ist die niederländische Stadt Drachten. Von 15 Ampeln stehen noch 3. Hunderte von Schildern verschwanden. Die Unfallzahlen gingen innerhalb weniger Jahre um mehr als die Hälfte zurück. Als erste deutsche Gemeinde baut im August Bohmte in Niedersachsen einen Teil der Hauptstraße nach Shared-Space-Kriterien um. 12.000 Autos fahren täglich mitten durch den Ort, dazu noch 1000 Lkw. Nachts schrecken die Anwohner auf, wenn die Laster scheppernd über Gullydeckel rollen. Radfahrer trauen sich oft nicht auf die Fahrbahn. Fußgänger müssen lange warten, bis sie die Straße überqueren können. Der Gehweg ist viel zu schmal. Bohmte hat die typischen Probleme eines Straßendorfs. Eine Ortsmitte gibt es nicht.

"Ich habe drei Kinder, die kann ich mit dem Rad nicht fahren lassen, das geht gar nicht","

sagt ein Ladenbesitzer

""Wir können die Tür gar nicht auflassen","

erzählt die Mitarbeiterin der Bäckerei.

Der Blumenhändler würde gerne vor seinem Laden verkaufen, der Gaststättenbesitzer wünscht sich, Stühle und Tische rauszustellen. Aber eine Hauptstraße ganz ohne Autos, das wollen die Bohmter auch nicht. Bürgermeister Klaus Goedejohann:

""Wir wollen ganz bewusst keine Fußgängerzone einrichten, denn die Ladengeschäfte sind darauf angewiesen, mit dem Auto erreicht werden zu können. Autos sind weiterhin willkommen in Bohmte, nur nicht mehr mit 60, 70, sondern mit einer entsprechend angepassten Geschwindigkeit."

Im August rücken die Bagger an. Mit Hilfe von EU-Geldern und eigenen Mitteln wagt das niedersächsische Städtchen den Weg ins vorsätzliche Chaos. Vor der schönen alten Kirche, dem Gasthaus, Kleiderladen und der Bäckerei verschwindet die alte Raumaufteilung. Bis an die Läden heran wird überall Pflaster verlegt. Es wird, wie Hans Monderman, der Urheber von "Shared Space" sagen würde, wieder dörflicher in Bohmte. Der Bürgermeister:

"Leben soll zur Straße hin, heißt, der Gasthof soll durchaus auch Außengastronomie immer mehr zur Straße hinbringen, damit auch so optisch für den Verkehrsteilnehmer der Eindruck entsteht, hier kann ich nicht mehr so einfach durchfahren."

So wird es auch für die lärmenden Lkw in Zukunft enger und unbequemer, durch Bohmte zu fahren. Goedejohann hofft, dass deshalb immer mehr Laster in Zukunft auf die Umgehungsstraßen ausweichen. Mit den Gewerbetreibenden hat sich Goedejohann verständigt. Die Bürger sind gespannt, was sich demnächst wohl verändert. Der Bürgermeister und auch Hans Monderman sind überzeugt, dass "Shared Space" auch in Bohmte wirken wird. Die Grundidee funktioniert schon jetzt, an einer Kreuzung direkt vor dem Rathaus:

"Es sieht immer aus wie Chaos, aber es funktioniert, weil man sich durch Handzeichen oder Augenkontakt immer verständigt."

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