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StartseiteHintergrundWenn Allah in die Schule kommt24.06.2009

Wenn Allah in die Schule kommt

Die Islamkonferenz und der Religionsunterricht

Die Einführung eines bekenntnisorientierten Unterrichts für Muslime ist ein zentrales Thema der Islamkonferenz des Bundesinnenministers. Meist bekommen muslimische Kinder in Deutschland ihren Glauben in Moscheen oder den Familien vermittelt, Islamkunde an Schulen soll Glauben und Werte vermitteln.

Von Friederike Schulz und Dorothea Jung

Ein Schüler versucht im islamischen Religionsunterricht an der Schwabschule in Stuttgart ein Islam-Memory zu lösen. (AP)
Ein Schüler versucht im islamischen Religionsunterricht an der Schwabschule in Stuttgart ein Islam-Memory zu lösen. (AP)

"Oh, Frau Kaddor, Allah, helai."

Lamya Kaddor schiebt sich an ihren Schülern vorbei, schließt die Tür der 10 B auf. Die 30-Jährige trägt ihre langen dunkelbraunen Haare offen. Sie ist Islamkundelehrerin an der Glückauf-Hauptschule in Dinslaken-Lohberg. Zwölf Schüler im Alter von 15 bis 16 Jahren drängeln in den schmucklosen Klassenraum. Es sind Muslime, und sie stammen aus Einwandererfamilien - wie die meisten Schüler in der alten Zechensiedlung im Ruhrgebiet.

"Jacken ausziehen, ich sagte: Jacken ausziehen!"

Keine Reaktion. Mohammed in der zweiten Reihe kippelt mit seinem Stuhl, Ishak und Kerun spielen mit ihren Handys. Lamya Kaddor verdreht die Augen, legt das Schulbuch "Saphir", auf das Pult. Die syrisch-stämmige Islamwissenschaftlerin hat es selbst geschrieben. Es gab vorher kaum Material für Islamkunde - ein Fach, das als Modellversuch an 128 Schulen in Nordrhein-Westfalen unterrichtet wird.

"Für mich ist es eine Herausforderung. Ich finde das toll, junge Menschen zu treffen und auch zu schauen, wie ticken sie, was brauchen sie? Welche Nöte haben sie? Gerade wenn man Islamkunde-Lehrer ist und selbst Muslim ist und auch selbst um die Probleme weiß, die der Islam zum Teil ja auch hat und die die Muslime ja auch haben. Letztlich ist es wirklich auch die klassische Sozialarbeit, die man hier leistet als Islamkundelehrer, vermutlich auch als Mathelehrer. Aber gerade im Bereich Religion oder Spiritualität oder Glaube hat man auch eine andere Atmosphäre oder spricht über sehr persönliche Dinge. Da ist gerade die soziale Arbeit sehr wichtig."

Modellversuche mit Islamkunde gibt es in fast allen westlichen Bundesländern; allerdings in wesentlich kleinerem Umfang. Diese Form des Unterrichts ist ein Kompromiss. Denn anders als beim katholischen oder evangelischen Religionsunterricht sind es staatliche Lehrer wie Lamya Kaddor, die Schülern die Werte des Islam erklären und damit eine wichtige kulturelle Aufgabe übernehmen. Muslimische Kinder in Deutschland bekommen ihren Glauben derzeit sonst nur in Moscheen oder in ihren Familien vermittelt. Lamya Kaddor diskutiert dagegen mit ihren Schülern über aktuelle Themen wie das Verhältnis von Männern und Frauen. Und sie bringt ihnen bei, was der Koran dazu sagt:

"Also ich kann natürlich, wenn ich wollte, hier vorne wie ein Prediger stehen und koranische Inhalte vermitteln, in dem ich sage: Das und das steht im Koran. Wenn Ihr das nicht tut, kommt Ihr in die Hölle. Das tu ich überhaupt nicht. Sondern mein Anliegen ist es, zum einen - ich komme nicht drum herum, Faktenwissen, die Dogmatik aus dem Koran vorzustellen, aber durchaus auch zu übertragen auf unseren Lebensalltag. Und ich habe als Jugendliche vermutlich die gleichen Fragen gestellt. Wie ist das mit dem Kopftuch für ein Mädchen, werde ich anders erzogen? Was sagt der Islam dazu? Das sind ja auch immer Dinge, die auch hier so mitschwingen. Für mich ist es wichtig, den Islam lebbar zu machen, ihn genauso hier anzubieten."

Gebetet wird hier im Unterricht nicht. Das Fach Islamkunde vermittelt lediglich Wissen über den Glauben und seine Werte. "Bekenntnisorientierte Glaubensverkündung findet nur im Religionsunterricht statt", erklärt der Islamwissenschaftler Michael Kiefer:

"Im Religionsunterricht wird unterwiesen zum Beispiel in die rituelle Gebetswaschung. Oder aber, dass gewisse Gebete auswendig gelernt werden, die in den Riten der Religion eine Rolle spielen. Und Glaubensverkündung meint in diesem Kontext, wenn wir zum Beispiel sagen: 'Jesus Christus ist der Sohn Gottes', dann ist das ein glaubensverkündender Satz und in einem religionskundlichen Unterricht soll all dies eigentlich nicht stattfinden."

Genau deswegen sind die muslimischen Verbände auch unzufrieden mit der Islamkunde. Sie verlangen die Einführung eines bekenntnisorientierten Religionsunterrichts nach dem Vorbild der Kirchen in Deutschland. So auch Ali Kizilkaya, der Vorsitzende des Islamrates, eines großen muslimischen Dachverbandes in Deutschland. Er fordert außerdem, dass auch die Ausbildung der Islamlehrer in den Händen muslimischer Organisationen liegen müsse. Kizilkaya ist Mitglied der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs - einer Organisation, die der Verfassungsschutz als extremistisch einstuft:

"Seit Jahren machen muslimische Kinder die Erfahrung, dass ihre Religion in der Schule keinen Platz hat. Das ist natürlich der Integration nicht sehr förderlich, wenn Kinder jeden Tag erleben müssen, dass ihre Religion immer noch keinen Platz in der Schule hat. "

Die Einführung eines bekenntnisorientierten Unterrichts für Muslime ist ein zentrales Thema der Islamkonferenz des Bundesinnenministers. Wolfgang Schäuble hatte die Konferenz vor drei Jahren ins Leben gerufen. Sie ist gedacht als Diskussionsforum von Bund, Ländern und muslimischen Verbänden und hat sich nach Einschätzung von Ali Kizilkaya bewährt:

" "Ich hoffe natürlich, dass das ein weiterer Schritt für die Akzeptanz der Muslime wird. Und dass es dazu beiträgt, dass die Muslime wirklich als Teil der Gesellschaft, als gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft akzeptiert werden. Denn der Innenminister hatte ja bei der Auftaktveranstaltung festgestellt, was wir mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben, dass Muslime auch Teil der Gesellschaft sind, und da wird noch einiges zu tun sein."

Eigentlich sieht das Grundgesetz den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach ausdrücklich vor. Aber das Grundgesetz wurde vor 60 Jahren verfasst, als es kaum Muslime in Deutschland gab. Seine Autoren gingen damals von Religionsgemeinschaften aus, die so organisiert sind wie die christlichen Kirchen. In Artikel 7, Absatz 3 heißt es:

"Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt."

Das bedeutet: Nur anerkannte Religionsgemeinschaften dürfen bekenntnisorientierten Unterricht erteilen. Und die Lehrpläne müssen den Glaubensgrundsätzen der Religionsgemeinschaften entsprechen. Allerdings müssen diese die Unterrichtsinhalte mit dem Staat abklären, der ihnen die Schulräume zur Verfügung stellt und die Lehrer bezahlt.

Doch mit wem soll sich ein Kultusminister, der für muslimische Schüler den Religionsunterricht organisieren will, abstimmen? Dem Islam ist eine den christlichen Kirchen vergleichbare Organisationsstruktur fremd. Viele der geschätzten vier Millionen Muslime in Deutschland sind gar nicht organisiert. Außerdem gehören die islamischen Vereine verschiedenen Glaubensrichtungen und theologischen Rechtsschulen an. Einige werden sogar vom Verfassungsschutz beobachtet. Zwar haben zahlreiche islamische Verbände in verschiedenen Bundesländern versucht, als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden, um für die Behörden ein Ansprechpartner zu sein - aber bis auf eine Ausnahme in Berlin waren alle erfolglos.

"Ein Ansprechpartner ist nach wie vor nicht in Sicht; die Kultusminister der Länder sagen unisono, dass die gegenwärtig vorhandenen muslimischen Verbände den gesetzlichen Anforderungen nicht gerecht werden", "

sagt der Islamwissenschaftler Michael Kiefer. Auch deswegen sei für die vom Bundesinnenministerium initiierte Islamkonferenz das Thema 'Ansprechpartner' so wichtig gewesen. Morgen tagt nun in Berlin das Plenum der Islamkonferenz wahrscheinlich zum letzten Mal - auf jeden Fall abschließend in dieser Legislaturperiode. Laut Professor Mathias Rohe ist man in der Islamkonferenz während der vergangenen drei Jahre dem Ziel, den Islamunterricht voranzubringen, ein Stück weit näher gekommen. Mathias Rohe hat in Erlangen eine Professur für Internationales Privatrecht und ist gleichzeitig Islamwissenschaftler. Im Arbeitskreis 'Religionsunterricht' der Islamkonferenz wirkte er daran mit, die rechtlichen Bedingungen für die Einführung eines Islamunterrichtes zu präzisieren. Mathias Rohe:

" "Nun kann man aus verfassungsrechtlichen Gründen keineswegs von anderen Religionen verlangen, dass sie sich so konstituieren wie die christlichen Kirchen, aber da ist es uns, denke ich, gelungen, gemeinsam nähere Grundlagen herauszupräparieren, an denen sich Muslime denn auch orientieren können, wenn sie sich denn daran machen, um ein Ansprechpartner für solchen Islamunterricht zu werden."

Dank der Islamkonferenz wissen die Bundesländer nun, welche Merkmale eine Glaubensgruppe haben muss, um als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden. Islamwissenschaftler Kiefer nennt die vier Hauptkriterien:

"Eine Religionsgemeinschaft muss eine allseitige Aufgabenerfüllung vorweisen, das heißt, sie muss also zum Beispiel umfassend seelsorgerisch tätig sein. Dann: Organisationen müssen schon eine Zeit lang bestanden haben, man kann nicht eine Religionsgemeinschaft anerkennen, die gestern gegründet worden ist und heute schon Islamunterricht erteilen will. Und: die Mitgliederstruktur. Wir verlangen hier natürliche Mitglieder. Und bei den Islamverbänden war es doch so, dass sie eher Verbände und Vereine als Mitglieder hatten; dann: Ein ganz dicker Knackpunkt ist die Verfassungstreue."

Anforderungen, mit denen die schwarz-gelbe Landesregierung in Nordrhein-Westfalen noch ihre Probleme hat. Obwohl CDU und FDP die Einführung des islamischen Religionsunterrichts im Koalitionsvertrag festgeschrieben haben, wird es den in absehbarer Zeit nicht geben. Die Verhandlungen sind ins Stocken geraten, weil eine Regelung, die für streng hierarchisch organisierte Kirchen gedacht war, islamischen Verbänden schwer anzupassen ist. Eigentlich wollte man das Projekt bis 2010 auf den Weg gebracht haben. Doch nach Meinung von Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Armin Laschet ist dieser Zeitplan unrealistisch:

"Wir warten darauf, dass die Verbände zu einer Einigung kommen, um Religionsgemeinschaft zu werden, um die staatskirchenrechtlichen Voraussetzungen zu erfüllen. Für die Übergangszeit haben wir zurzeit Islamkunde in Nordrhein-Westfalen an 128 Schulen. Unser Ziel ist es, das weiter zu gestalten und einen Zwischenschritt bis hin zum bekenntnisorientierten Religionsunterricht zu gehen. Da arbeiten wir im Moment sehr intensiv daran, noch vor der Sommerpause eine Lösung zu erarbeiten."

Islamische Verbände, die bereits den Rechtsweg beschreiten wollten, haben ihre Klage vorläufig zurückgezogen, um Zeit für weitere Verhandlungen zu gewinnen. Doch Ali Kizilkaya vom Islamrat lässt durchblicken, dass er und seine Mitstreiter langsam ungeduldig werden.

"Zurzeit ist es so, dass wir islamische Dachverbände haben, und die Zahl der Dachverbände ist schon überschaubar. Es sind nicht so viele, und es ist nicht so kompliziert, wenn der politische Wille da wäre, wäre auch ein Weg möglich."

Bereits 2007 haben muslimische Dachverbände eigens einen Koordinationsrat gegründet, der als Ansprechpartner für die Politik auf Bundesebene dienen soll. Doch das Schulwesen in Deutschland ist Ländersache. Daher müssten die Verbände noch einen einheitlichen Verband auf Länderebene anbieten, merkt der Dialogbeauftragte des türkischen Moscheendachverbandes Ditib, Bekir Alboga, selbstkritisch an:

"Jetzt haben wir einen Koordinationsrat der Muslime auf Bundesebene. Aber wir wissen, wenn wir zum Beispiel den islamischen Religionsunterricht in der Schule einführen möchten, dann braucht man auf Länderebene einen einheitlichen Ansprechpartner. Und wenn wir auf der Länderebene auch als Ansprechpartner fungieren möchten, dann müssen wir uns an dieses föderative System in Deutschland insgesamt anpassen, so wie EKD und Bischofskonferenz sollten wir Muslime auch dieses Modell uns aneignen."

Einzig in Berlin ist es einer muslimischen Organisation gelungen, nach jahrelangem Rechtsstreit als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden. Seit 7 Jahren darf der Verband "Islamische Föderation" Berliner Schülern die Lehren Mohammeds nahe bringen. Die Landesregierung hatte versucht, das zu verhindern. Der Grund: Die Föderation ist eng mit der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs verknüpft. Also der Organisation, die im Visier des Verfassungsschutzes steht. Johannes Kandel, der in der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung für den interkulturellen Dialog zuständig ist, kann die Bedenken des Berliner Senats gegen die Föderation nachvollziehen:

"Die islamische Föderation ist, wie man nach einem Urteil des Landgerichts Berlin eben öffentlich behaupten darf, eine Tarnorganisation der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs. Milli Görüs ist nun nicht im Kern eine Religionsgemeinschaft, sondern das ist eine politische Organisation, und die Funktionäre von Milli Görüs und der Islamischen Föderation sind auch in der türkischen Politik aktiv gewesen, beziehungsweise noch aktiv."

Die Islamische Föderation hat dem Deutschlandfunk nicht gestattet, ihren Religionsunterricht zu besuchen. Islamlehrerin Aynur Bulut versichert jedoch, im Unterricht werde ein Rahmenplan erfüllt, der hauptsächlich religiöse Themen vorschreibe - wie zum Beispiel 'Allah' und 'Koran' oder 'Propheten' und 'Gebete'. Es sei ein bekenntnisorientierter Unterricht. Das werde auch durch ihr Kopftuch deutlich.

"Ich trage Kopftuch, und das ist ein Zeichen meiner Religiosität. Aber das hat nicht zu bedeuten, dass ich irgendwie zu einer Organisation und was weiß ich, fundamentalistisch hin und her - das sind für mich nur Vorurteile."

Ihre Kollegin Özlen Özciftci sieht die Situation differenzierter:

"Man kann's nicht leugnen, dass bestimmte Mitglieder vielleicht mit der Milli Görüs was zu tun haben. Aber man kann es nicht verallgemeinern, und ich muss mich auch nicht für andere zur Rechenschaft ziehen lassen."

Özlen Özciftci gesteht Anfangsschwierigkeiten ein. Die Islamische Föderation habe Probleme mit der didaktischen Weiterbildung ihrer Lehrer und Lehrerinnen gehabt. Auch seien die Lehrpläne noch nicht ausgefeilt gewesen. In vielen Kollegien habe es Misstrauen gegenüber den Religionslehrern gegeben. Das habe sich aber geändert. Die Schulleitungen kämen zwei Mal im Jahr unangemeldet zur Hospitation in den Unterricht, und es gebe keine Beanstandungen mehr. Özciftci:

"Man hat immer vor dem Angst, was man nicht kennt. Und ich glaub: Das haben wir jetzt gebrochen. Also ich kann fast von allen Lehrern sprechen, dass die mittlerweile ein sehr, sehr gutes Verhältnis an den Schulen haben."

Selbst Kritiker der Föderation wie Johannes Kandel von der Friedrich-Ebert-Stiftung räumen ein, dass heute deutlich weniger Klagen über den Unterricht der Islamischen Föderation zu hören sind als vor ein paar Jahren:

"Die islamische Föderation hat gelernt, man hat die Rahmenpläne ja auch den Bildungsstandards angepasst, man hat eine ganze Reihe von jungen Lehrerinnen und Lehrern beschäftigt, die auch eine stärkere pädagogische Qualifikation haben."

Doch auch bei der Ausbildung der Lehrer gibt es immer wieder Unstimmigkeiten. So hatte ein Islamwissenschaftler der Universität Münster im vergangenen Jahr den Zorn der muslimischen Verbände auf sich gezogen. Professor Muhammed Sven Kalisch zweifelte offen die Existenz des Propheten Mohammed an.

"Ich habe mich in den letzten Jahren sehr intensiv mit verschiedenen Theorien zur Entstehungsgeschichte des Alten und des neuen Testaments auseinandergesetzt und habe dann diese Erkenntnisse auf die Entstehung des Frühislam angewandt. Die Ergebnisse, die für mich dabei rausgekommen sind, sind die, dass es nach meiner Überzeugung nicht beweisbar ist, dass Mohammed gelebt hat oder nicht gelebt hat. Ich glaube, das kann man nicht eindeutig entscheiden, wenngleich ich zugebe, dass ich eine leichte Tendenz zu seiner Nichtexistenz habe, aber das muss man sagen können und darüber muss man sich wissenschaftlich auseinandersetzen können."

Eine Ungeheuerlichkeit für viele gläubige Muslime. Der Koordinationsrat der Muslime drohte offen damit, keine Absolventen der Universität Münster als Islam-Lehrer zu akzeptieren. Die Landesregierung bestand dagegen auf der Freiheit der Wissenschaft. Jetzt ist zwar ein kleiner Kompromiss in Sicht: Eine zweite Professur ist in Nordrhein-Westfalen ausgeschrieben, das Besetzungsverfahren für einen gläubigen muslimischen Professor läuft. Doch generell gibt es an deutschen Hochschulen immer noch zu wenig Professuren zur Ausbildung von Lehrern für den Islamunterricht.

Die Islamkonferenz konnte zwar die Schritte vorzeichnen, die zu gehen sind, damit Islamunterricht an öffentlichen Schulen als ordentliches Lehrfach eingerichtet werden kann. Aber beschreiten müssen den Weg die muslimischen Verbände und die Behörden in den Bundesländern. "Und da ist noch viel zu tun", resümiert Islamkonferenz-Mitglied Mathias Rohe. In Behörden und Verbänden, an Hochschulen und an Schulen, in Wissenschaft und Unterricht.

"In der Endstufe wäre dies ja ein Unterricht, der versetzungsrelevant ist; da muss man wissen, wer an ihm teilnehmen muss. Also: wer ist überhaupt Mitglied einer solchen Religionsgemeinschaft; wie ist ihre innere Struktur; wer bestimmt über die theologischen Inhalte, wer kooperiert mit dem Staat in Sachen der Lehrpläne und viele andere Dinge mehr, wo es noch ne Menge an Hausaufgaben zu erledigen gibt."

Solange die muslimischen Verbände die Auseinandersetzung um den islamischen Religionsunterricht im Wesentlichen als einen Kampf um Anerkennung begreifen, anstatt ganz pragmatisch an regionalen Modellen und Lehrplänen mitzuarbeiten, wird die Zwischenlösung 'Islamkunde' wohl noch eine Weile weiter bestehen. Und Lamya Kaddor von der Glückauf-Hauptschule in Dinslaken wird sich noch so manche Stunde abmühen, der 10B die Werte des Islam näher zu bringen.."

"Wenn man danach fragt: Was wisst Ihr vom Islam, dann werden häufig die Ge- und Verbote aufgezählt: Wir dürfen nicht, wir dürfen nicht, wir dürfen nicht. Es ist verboten, das und das und das zu tun. Also Schweinefleisch, Alkohol und so weiter. Und das war es dann schon. Alles rund um die Ethik, worum es bei Religion ohnehin gehen muss, wissen die Schüler eigentlich nicht."

Aber Lamya Kaddor gibt nicht auf. Die Lehrerin greift zum Schlüssel, öffnet die Zwischentür zur nächsten Klasse. Auch dort wird sie sich wieder alle Mühe geben zu erklären, was es denn heißen kann, ein Muslim zu sein.

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