Kommentar /

Wenn aus Wut Gewalt wird

Die Bedeutung des Korans für die muslimische Welt

Von Ulrich Pick, Südwestrundfunk

Protestzüge und Unruhen in Herat nach den Koranverbrennungen.
Protestzüge und Unruhen in Herat nach den Koranverbrennungen. (picture alliance / dpa/Jalil Rezayee)

Religionen sind nicht gegen Missbrauch gefeit. Dennoch spreche nichts dagegen, dass persönliche Religiosität etwas Pietätvolles sei, das respektiert werden müsse. Beispielsweise, dass man als heilig empfundene Gegenstände nicht schändet. Aber genau das sei mit der Koranverbrennung in Afghanistan geschehen, meint Ulrich Pick.

Ich kann mich noch gut erinnern. Es war um Ostern 2001. Eine Kollegin von der Zeitung und ich hatten die Möglichkeit bekommen, eine Ärztegruppe aus Deutschland für Hilfsprojekte nach Afghanistan zu begleiten, wo damals die Taliban regierten. Nachdem meine Kollegin und ich den leitenden Mediziner vor Ort, einen scharfen Kritiker der Islamisten, interviewt hatten, stellte dieser uns eine Frage: "Welcher Religion gehören Sie eigentlich an?" "Ich bin katholischer Christ", sagte ich und schob noch zur Orientierung das Wort "Papst" hinterher. Der Mann nickte anerkennend. "Und Sie?" fragte er meine Kollegin. "Ich bin evangelisch ...naja, eigentlich bin ich nicht mehr in der Kirche ... mit der Religion ist es ja so eine Sache." Der Arzt hörte aufmerksam zu, doch sein Gesicht nahm mitleidige Züge an. Dann bedanke er sich und ging.

Damals wurde mir klar, dass für die Menschen in Afghanistan und - wie ich auf weiteren Reisen erfahren durfte - im gesamten Orient religiöse Angelegenheiten einen ganz anderen, viel höheren Stellenwert haben als für uns in Mitteleuropa. Dass man über Religion mit ähnlich viel Abstand und Leichtigkeit reden kann wie über Fußball oder Politik, ist für sie kaum vorstellbar. Denn Religion hat für sie etwas Heiliges. Weshalb man Respekt zeigt - in der Regel auch gegenüber Menschen anderen Glaubens.

Nun wissen wir natürlich nur zu gut, dass Religion schwer missbraucht werden kann. Dafür ist die Politik Afghanistans selbst ein prägnantes Beispiel. Und wir können es ergänzen, in dem wir auch nach Iran, Pakistan, Saudi-Arabien oder leider auch in die katholische Kirche schauen. Auch der Atheismus war übrigens - wie wir in der Geschichte der letzten hundert Jahre gelernt haben - nicht gegen Missbrauch gefeit.

All das spricht aber nicht dagegen, dass persönliche Religiosität etwas Pietätvolles ist, das respektiert werden muss - beispielsweise, indem man geachtete Personen nicht verunglimpft und als heilig empfundene Gegenstände nicht schändet. Genau das aber ist mit der Koranverbrennung auf der US-Militär-Basis Baghram in Afghanistan geschehen. Denn der Koran gilt den Muslimen nun mal als heilig. Er ist für sie Gottes Wort und traditionell sollte das Buch nur in Höhe der Augen in ein Regal gestellt werden, nicht aber unten bei den Füßen. Auch wer dies nicht versteht oder verstehen will, sollte es zumindest billigen. Gleiches gilt übrigens für die Person des Propheten Mohammed.

Dies ist keine Entschuldigung für die momentan stattfindenden Proteste und Ausschreitungen, deren unheilvoller Funke - wenn es unglücklich läuft - auch auf andere islamische Länder überspringen kann. Dennoch hätte ein wenig Erinnerung helfen können, den politischen Schaden in Afghanistan zu vermeiden. Beim Streit um die Mohammed-Karikaturen nämlich lagen die Dinge ähnlich.

Sollten sich solche Vorfälle häufen, dürfte der fleißig beschworene und von Radikalen sowie Besserwissern fleißig ausgehobene Graben zwischen Orient und Okzident künftig noch tiefer werden. Fragt sich allerdings, wer langfristig davon Nutzen hat. Politische Klugheit jedenfalls sieht anders aus.

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