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StartseiteBüchermarktWenn das Unglück noch im Kopf da ist17.11.2010

Wenn das Unglück noch im Kopf da ist

Heike Schmitz: "Unsereiner – Kriegsundführerkinder", Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön

Ihre Eltern waren von Kindesbeinen an dem Wahnwitz des Dritten Reichs hilflos ausgeliefert, als mitflüchtende, mit in den Bunkern sitzende Kinder, im Schlepptau zerfallender Familien. Zu ihnen gehört die Autorin Heike Schmitz. In ihrem neuen Buch geht sie auf die Gefühle dieser Zwischengeneration ein.

Von Rainer B. Schossig

Unsereiner – Kriegsundführerkinder (Verlag Peter Engstler)
Unsereiner – Kriegsundführerkinder (Verlag Peter Engstler)

"Es war vor allem die Generation derer, die so Anfang der 30er-Jahre geboren sind, die beides mitbekommen haben, einmal die Erziehung des NS und einmal die Kriegserfahrung. Das war auch der Grund, dass ich nicht Kriegskinder gesagt habe, sondern ’Kriegsundführerkinder’."

Heike Schmitz’ gleichnamiges Buch ist entstanden aus dem eigenen familiären Unbehagen jener Deutschen, die den Wust der "Lingua Tertii Imperii" kritiklos übernahmen und zugleich verdrängten, was sie als Kinder erlebt hatten. Im Mittelpunkt der Volksgemeinschaft stand der verschwiemelte, gleichmacherische Begriff des "Unsereiner". Nach 1945 verband er die Beleidigung der kollektiven Niederlage mit dem Stolz des Überlebt-Habens. Die Ich-Erzählerin – Jahrgang 1966 – spielt noch einmal durch, welchem Terror die Sinne und Seelen ihrer Eltern ausgeliefert waren, welches Ausmaß an Stimmungsmache und Einpeitschung herrschte, in einer Welt, die durch ein Übermaß an Positivität gekennzeichnet war, mit der auch die schlimmsten Katastrophen verarbeitet wurden. Heike Schmitz:

"Diese Positivität lässt sich aber nicht zusammenbringen mit der Schrecklichkeit der Bilder, der Flucht, Kinderlandverschickung und all dem, was sie mitgemacht haben. Und sie sagen uns: Es hat uns nichts geschadet. Und wir sitzen da, und haben vielleicht doch ziemlich viel von diesem Unglück gespürt."

Daher montiert Heike Schmitz ein sprachliches und literarisches Nebeneinander von Bildern traumatischer Ereignisse und deren sprachlichen Kodifizierungen: Kraft durch Freude und Bombennächte, ordenstrotzende Generäle und KZ-Häftlinge, Führer-Fotos, jubelndes Personal, artige Familienfotos und zerstörte Straßenzeilen deutscher Großstädte, verblutete NS-Selbstmörder 1945. Und alles verweist auf das Nicht-Enden-Wollen des Vergangenen, das fatale Weiterbestehen der NS-Parolen und Denkschemata – mitten im Wirtschaftswunder-Land. Das Buch macht klar, warum "Kriegsundführerkinder" von ihrem subjektiv erlebten Unglück nicht wirklich innerlich getroffen waren, wie sie ihre Energien in eine große Arbeits- Wiederaufbauleistung investierten, und wie dennoch das Unglück weiter im Kopf anwesend war, gerade weil es nicht zur Sprache kam. Heike Schmitz:

"Mir kommt es so vor, als gäbe es eine Generationenverschiebung, dass wir als Kinder der Kriegsundführerkinder merken, dass der ’Blitzschlag der Wahrheit’ uns vielleicht doch treffen muss, dass wir eine unangenehme Erkenntnis machen müssen, die nichts mit den alten Schuldzuweisungen zu tun hat, sondern dass durch mich hindurch eine Prägung geht, die zurückzuführen ist auf geschichtliche Ereignisse, und das war ja nun mal eines der traumatischsten weltgeschichtlichen Jahrhunderte."

"Unsereiner – Kriegsundführerkinder" ist ein verstörendes Buch, geprägt von Atemlosigkeit; ohne Punkt und Komma rollt der Denk- und Sprechfluss, holpert und rattert auch, wo das Geröll der öffentlichen Durchhalte-Sprache, der Schutt der privaten Beschwichtigung zu Umwegen und Selbstzensur führen: Denkverbote und Familienlügen schimmern durchs Schweigen der Eltern. Das beklemmend litaneihafte des Textes entspringt der erstaunlichen Fähigkeit der deutschen Sprache zum unendlich nominalen Formulieren. Heike Schmitz’ Sprache ist bis an die Grenze des noch Kommunizierbaren befrachtet mit Erinnerungsfetzen, NS-Wortmüll und Phrasen. Heerscharen von sich überstürzenden Partizipien lassen die Sprache geradezu vereisen. Heike Schmitz:


"Das Verb wieder in eine Verlaufsform zu bringen, wieder in eine konjugierte Form, das wäre der Wunsch, der im Akt des Schreibens stattfindet: Aus der Starrheit der Sätze wieder zu einer Verlaufsform der Sätze zu kommen, wo Wandlung, Veränderung möglich ist."

Heike Schmitz übernimmt im Erzählen scheinbar ererbte Haltungen; ihre Ich-Erzählerin – als Kriegsundführerkinder-Kind – nimmt gleichsam Haltung an. Im Unterschied zur Generation der Studentenbewegung, wo mit den Täter-Eltern verbal nicht gefackelt wurde, sperrt Schmitz ihre Elternkind-Beziehung zurück ins Korsett einer verkarsteten Sprache. Ein Erstaunen geht durch den Text, mit dem Ergebnis, dass plötzlich nicht Anklage, sondern Empathie entsteht. Heike Schmitz:

"Mir ging es bei der ganzen Sache auch darum, dass es nicht um innerfamiliäre Vorwürfe geht, die in der ganzen Republik gemacht werden, sondern darum dass diese seelischen Probleme im Zusammenhang mit historischen Prozessen stehen. Das ist auf einmal wie die Geburt von Erkenntnisträchtigkeit, Erkenntnismöglichkeit, wie wir Menschen darin stehen und die auch heute auf uns eindringen, permanent!"

In den Diskursen und Debatten der Studentenbewegung, stand der Vorwurf, die Vorverurteilung wie eine Mauer vorm Generationen-Gespräch. Wer Heike Schmitz’ Buch liest, schaut – durch Familienfotos und die Erzählungen von der "schlechten Zeit" und von der Kapitulation" – plötzlich direkt in die Mechanik des Verdrängens und Verschweigens, auch und gerade in der Generation derer, die noch nicht in SA oder SS, sondern erst in der HJ oder Napola waren: Heike Schmitz:

""Die 1932 - 1934 Geborenen haben am Ende des Krieges ja in einer engen Überlebens-Solidarität mit ihren Eltern gestanden. Sie haben nicht nur ein Großes – Rudolf Kreis nennt es – Gefühlsmagma, was in der Nazizeit im Schulunterricht war; sie haben ein ebenso großes Magma am Ende des Krieges mitbekommen aus Scham, Schuld, Schande. Und gleichzeitig waren das die Eltern, die ihr Überleben gesichert haben."

Als zu spät Geborene stützt Heike Schmitz sich lieber auf Bilder, als auf literarische Vor-Bilder. Man könnte meinen, dass sie geprägt sei durch Einflüsse, wie Mollys Monolog aus James Joyce "Ulysses" oder das Monologisieren in Thomas Bernhards "Auslöschung", doch sie selbst nennt ganz andere Quellen: Heike Schmitz:

""Ich glaube, dass ich literarisch eher von der mystischen Liebesliteratur komme; auf der anderen Seite gibt es aber für auch wichtige Einflüsse: Früher ist es Ingeborg Bachmann gewesen. Da war ein Satz, der für diesen Text für mich wichtig war, dass man nur mit der Übertreibung an die Wahrheit herankommt. Und noch ein Satz: ’Die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler’."

Und doch möchte Heike Schmitz Schülerin der Geschichte sein. Ihr immer wieder quälend gehetzt auftauchender Imperativ "Schreibdasauf!...", das unablässige sprachliche Verdunsten des Falschen, des Hohlen, des Phrasenhaften schmerzt beim Lesen. Nein, Unsereiner heute liest dies mit gesträubten Haaren. Und doch lässt es irgendwann nicht mehr los, weil man sich plötzlich – zwischen den Fronten der Generationen der Nachgeborenen – wiederzuerkennen beginnt. Das Trommelfeuer der Wörter - "Schreibdasauf!..." – das "Kapituliiiieren" – nicht vorm Feind, sondern vor der Wahrheit, tut richtig weh. Und dabei ist ja nur davon die Rede, was – trotz aller Erinnerungsarbeit noch immer, für jede Generation neu – zur Sprache kommen muss.

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