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StartseiteBüchermarktWenn der Friseur zum Lebenstrauma wird10.01.2012

Wenn der Friseur zum Lebenstrauma wird

Karl-Heinz Ott: Wintzenried, Hoffmann und Campe

In Wintzenried tritt der Philosoph Jean-Jacques Rosseau als psychisch hochgradig gestörter Mann auf. Unfähig zu menschlichen Beziehungen und von Verfolgungen gepeinigt. Der Titel des Romans geht auf einen Nebenbuhler zurück, seines Zeichens Friseur, der ihm seine dreizehn Jahre ältere Geliebte ausspannte.

Von Florian Felix Weyh

Jean-Jaques Rousseau gemalt von Maurice-Quentin La Tour (Wikipedia)
Jean-Jaques Rousseau gemalt von Maurice-Quentin La Tour (Wikipedia)

Drei Menschheitserzieher nur, schreibt der Prinz von Württemberg in einem Brief, kenne die Weltgeschichte: Sokrates, Jesus und den Adressaten jener Zeilen, den Genfer Jean-Jacques Rousseau. Der ist nicht mal sonderlich geschmeichelt, denn was anderes sollte ein Verehrer ihm in einer Epistel auch mitzuteilen haben? Nichts ist normaler, als vor einem epochalen Genie in die Knie zu gehen! Das tun ja bis heute zahllose Rousseau-Gefolgsleute. Der Philosoph gilt als zentraler Protagonist der Aufklärung.

"Was mich vor allem an dieser Figur gereizt hat, war ihre Gegenwärtigkeit! Denn ich glaube, in unseren Köpfen steckt immens viel Rousseau, weit mehr als Marx oder Nietzsche oder Freud. Ganz wenige Dinge: Immer der andere ist schuld! Immer die Gesellschaft ist schuld! Ich bin nie schuld! Dann diese Mixtur aus Verfolgungswahn und Größenwahn. Dann der Glaube, man könne tatsächlich Tabula rasa machen und den Menschen zu seinem wahren Selbst zurückführen. Also dieser Authentizitätswahn. Das sind urrousseauistische Denkmuster, die wir alle in irgendeiner Weise in uns drin haben bis heute, die einen in etwas dogmatischerer Form, die anderen wissen es gar nicht, dass es so ist. Die reden einfach vom Authentischen und vom wahren Selbst und immer vom "Eigentlichen". Und wieder Dritte haben es natürlich politisch versucht umzusetzen, also Mao und Pol Pot waren durchaus große Rousseau-Anhänger, zum Teil mehr als Marx-Anhänger."

Und Nicht-Rousseauisten-Aufhänger könnte man sarkastisch ergänzen, ohne dabei das Timbre des Autors zu verfälschen. Nein, Karl-Heinz Ott liebt seinen Helden so wenig, dass er ihm die schlimmstmögliche Schmach antut, die man einen Narziss erleiden lassen kann: Er schreibt einen biografischen Roman über Rousseau und nennt das Buch dann "Wintzenried". Nicht nach einem Ort, sondern nach einem völlig bedeutungslosen Nebenbuhler, der nur wenige Absätze in der Geschichte vorkommt. Dafür beginnt das irreführend getitelte Buch mit einem programmatischen Satz: "Er liegt im Bett, onaniert und stellt sich Mama dabei vor."

"Die Onanie ist ja auch keine Erfindung von mir. Das ist ein Dauerthema von Rousseau. Denn er selbst kannte damals den Spezialisten für Onanie, nämlich einen Doktor Tissot aus Lausanne, der ein dickes Buch geschrieben hat übers Onanieren. Und er zeichnet dort alle Gräuel und Grauenhaftigkeiten, die der Mensch bekommt! Interessant ist: Nicht die Kirche hat diesen Wahnsinn erfunden mit dem Rückenmarkschwund, das war das Zeitalter der Aufklärung! Das war im Namen der Wissenschaft, dass angeblich bewiesen wird, wie die Onanie den Menschen zerstört. Und Rousseau war zeitlebens überzeugt, dass er sich selbst mit seinem ständigen Onanieren in den Selbstmord treibt."

Hinter "Mama" verbirgt sich eine dreizehn Jahre ältere Geliebte Rousseaus, der Inzest wird bloß zur Luststeigerung fantasmagoriert, doch das bleibt die einzige Abmilderung einer insgesamt verkrachten Sexualität. Wobei sich Karl-Heinz Ott nicht als Moralist aufspielt. Von heute aus gesehen, wirkt Rousseaus Lotterleben nur wie eine Vorwegnahme ähnlicher Popstar-Allüren unserer Tage. Libertinage gehörte schon immer dazu, wollte man die Massen durch Neidgefühle und Ekel gleichermaßen beeindrucken. Doch Rousseaus Wirkungsgeschichte gleicht nicht der eines Popstars, und das macht den Unterschied:

"Ich würde bei den allermeisten Philosophen sagen, das bringt wenig, wenn man sie biografisch liest. Also diese Engführung aus Leben und Werk bringt in der Regel bei Platon, Aristoteles und Hegel nicht so wahnsinnig viel. Das kann man machen, erklärt aber nicht die Philosophie, bei Rousseau kann man das gar nicht ändern. Einer, der seine fünf Kinder ins Waisenhaus trägt und eine sechshundertseitige Erziehungslehre schreibt, die bis heute bei vielen Leuten wie Hartmut von Hentig als fortschrittlich gilt, das hat etwas miteinander zu tun. Und so würde ich auch denken, hat seine gesamte Philosophie - oder er hat's ja als Anti-Philosophie begriffen - mit seinem biografischen Dasein zu tun."

Dem Karl-Heinz Ott mit "Wintzenried" eine angemessene Anti-Biografie entgegenstellt. Darin tritt ein psychisch hochgradig gestörter Mann auf, der unfähig zu menschlichen Beziehungen ist, seine Umwelt maximal ausnutzt, von Verfolgungswahn gepeinigt von Ort zu Ort vagabundiert und dabei in der Kluft eines Armeniers mit archaischer Pelzmütze genau das erzeugt, was seine Paranoia dann dauerhaft speist: öffentliche Aufmerksamkeit bis zum Anschlag. Wenn Rousseau etwas schreibt - ob Pamphlete, seine Erziehungslehre oder später seine "Bekenntnisse" - dann ist dies stets psychischen Nöten geschuldet und nicht Ausdruck eines überlegenen, aufgeklärten Geistes. Hier freilich überlagert der Roman die historische Wirklichkeit, weil er sich - anders als die Biografie - einen nichtobjektiven Standpunkt erlauben kann. Mit bösem Witz dekonstruiert Karl-Heinz Ott eine Lichtgestalt, bis sie als trübe Funzel vor uns steht. Selbst philosophiegeschichtliche Zentralmomente büßen jeden Nimbus ein. Rousseaus erste Preisschrift über die Frage, ob der Fortschritt von Wissenschaft und Künsten die Sitten verfeinert oder verdorben habe, geht bei Ott auf einen schnöden PR-Gag zurück. Diese zentrale Schrift schielte demnach nur auf den äußeren Effekt einer Verneinung aller aufklärerischen Gemeinplätze. Doch selbst das scheint mehr Wahrheit denn Dichtung zu sein:

"Nicht mal die Geschichte, als Diderot Rousseau einflüstert "Schreib das Gegenteil von der Vernunftverherrlichung!", nicht mal die hab ich erfunden! Die findet sich bei Abbé Maurelays in seinen posthumen Memoiren circa 1820, und da sagt er: "Das wusste jeder in dem Enzyklopädistenclub, so war es!""

Die zu Literatur verdichtete Wahrheit hat allerdings bei Karl-Heinz Ott eine ganz eigene Melodie. Am deutlichsten wird dies in den Passagen, in denen der Ex-Theatermusiker Ott seinem Protagonisten innerlich nahe kommt, bei der Musik. Obwohl Jean-Jacques Rousseau als Musiker und Komponist nur dilettierte, besaß er doch die Chuzpe, in der Diderot'schen Enzyklopädie alle musikalischen Artikel abzufassen. Eine Szene, in der er als Auftragskomponist Blut und Wasser schwitzt, weil er - was er nie gelernt hat - das eigene Werk auch dirigieren soll, lässt "Wintzenried" zum Werk literarischer Hochkomik werden wie an vielen Stellen die Farce eines gestörten Lebens zum grimmigen Lachen reizt. Es gibt, lernt man dabei, viele Möglichkeiten Rousseau zu demontieren, und die besten Vorlagen lieferte der Philosoph stets selbst. Als Komponist gescheitert, erfindet er zum Beispiel das Notensystem ganz einfach neu:

"Rousseau wollte komplett die Noten ersetzen durch Zahlen! Jeder hat ihm gesagt: 'Da muss man rechnen, das ist unheimlich kompliziert, bei Noten sehen wir sofort, worum es geht!' Nein, er war der Überzeugung: Es wird eine Geschichte vor und nach Rousseau geben durch sein revolutionäres Notensystem. Die ganze Welt konnte ihm sagen: 'Das ist viel zu kompliziert, das bringt nichts!' Er war davon überzeugt, dass die Welt ihn nur verfolgen will, weil seine Erfindung so genial ist.

Kraftvolle Selbstbezogenheit strahlt leider auf schwache Geister aus, und so wirkte das selbst ernannte Genie Rousseau bis in die Reformpädagogik des 20. Jahrhunderts hinein. Kein Zufall, meint Karl-Heinz Ott, dass gerade ihre Institutionen derzeit mit einem trüben Erbe kämpfen:

"Die Odenwaldschule hat sehr viel mit Rousseau zu tun! Nämlich der Glaube, wir können die bessere Gesellschaft abseits erziehen, die nicht so sehr im Alltag in Berührung kommt mit dieser öden, schnöden, durchkapitalisierten Welt. Ein Grundgedanke bei diesen Odenwaldschulen - also da gibt's ja viele davon, die können christlicher Natur sein oder esoterischer Natur oder anthroposophischer Natur! -, eines ähnelt sich bei ihnen allen, nämlich dieses Isoliertsein! Das Inseldasein, und Rousseau predigt ja: Der wahre Mensch kann nur auf einer Insel erzogen werden, und das zeigt sich in dieser gesamten Reformpädagogik. Egal, ob die in ihren Grundzügen eher etwas Angenehmes besitzt oder bereits wieder zu einem gewissen dogmatischen Terrorismus neigt."

Karl-Heinz Ott: Wintzenried, Hoffmann und Campe, 208 Seiten, 18,99 Euro

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