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StartseiteForschung aktuellWenn der Sauerstoff gegen Null geht15.08.2008

Wenn der Sauerstoff gegen Null geht

„Todeszonen“ im Ozean breiten sich aus

Umwelt. - In den Meeren breiten sich die Zonen mit geringem Sauerstoffgehalt aus. Da das gerade in den landnahen Schelfmeeren geschieht, dürfte ein Verursacher feststehen: Der Nährstoffeintrag durch die Flüsse. Wie stark sich die sauerstoffarmen Zonen ausbreiten, ist heute in "Science" nachzulesen.

Von Volker Mrasek

Vielfältiges Leben wie in einem Korallenriff ist in den sauerstoffarmen Zonen nicht mehr möglich. (AP Archiv)
Vielfältiges Leben wie in einem Korallenriff ist in den sauerstoffarmen Zonen nicht mehr möglich. (AP Archiv)

Schrumpfende Fischbestände, der Eintrag von Schadstoffen, die Zerstörung natürlicher Lebensräume. Das sind bekannte Bedrohungen für die Meeresumwelt. Aus Sicht des US-Biologen Robert Diaz muss die Liste allerdings ergänzt werden. Es fehlt die Ausbreitung von so genannten Todeszonen. In ihnen sinkt der Sauerstoffgehalt so stark ab, dass Krebse und Fische ersticken. Diaz:

"Sauerstoffarme Meereszonen kommen mittlerweile in Küstenregionen rund um den Globus vor. Es ist nicht mehr nur ein Problem in Europa, sondern auch in Nordamerika, in Japan, ja eigentlich auf jedem Kontinent."

Diaz ist einer der beiden Autoren der neuen Studie im Fachblatt "Science". Als Professor für Meereswissenschaft lehrt er am College of William and Mary, einer staatlichen Hochschule in Virginia. Diaz:

"Wenn wir uns die ganzen Berichte über sauerstoffarme Zonen im Meer anschauen, dann gab es 1960 noch nicht einmal 50 von ihnen. Doch seitdem verdoppelt sich ihre Anzahl alle zehn Jahre. Heute gibt es weltweit mehr als 400 solcher Sauerstoff-Mangelzonen, die durch menschlichen Einfluss entstanden sind."

In den meisten Fällen tritt der Sauerstoffmangel vom Sommer bis zum Herbst auf. Das ist die Zeit, in der die Algenblüten allmählich abklingen und Mikroorganismen beginnen, das Plankton abzubauen. Genau das verzehrt große Mengen Sauerstoff. Es kommt zu anoxischen Bedingungen, wie die Wissenschaftler sagen. Fast 250.000 Quadratkilometer – diese Fläche nehmen die küstennahen Todeszonen heute zusammen ein. Ganz Großbritannien hätte darin Platz. Andererseits ist das nur ein Bruchteil der gesamten Meeresfläche. Unterschätzen sollte man das Problem deswegen aber nicht, warnt Robert Diaz:

"Im globalen Maßstab sind die Küstengebiete mit Sauerstoffarmut tatsächlich sehr klein. Aber fast überall wird Fischerei betrieben. Es ist sogar so: Der meiste Fisch, den wir essen, stammt aus den Küstenschelf-Bereichen und nicht aus der offenen See. Deshalb kann die Sauerstoff-Armut auch sehr ernste Folgen haben. Im Kattegat zum Beispiel ist die Hummer-Fischerei stark eingebrochen. Auch in Japan gingen die Krebs-Fänge zurück. In beiden Fällen waren anoxische Zustände dafür verantwortlich."

Die größte von allen Todeszonen erstreckt sich ausgerechnet in der Ostsee. Rutger Rosenberg hat das marine Krisengebiet direkt vor der Haustür. Er ist Professor für Meeresökologie an der Universität Göteborg in Schweden und Co-Autor der neuen Studie:

"Ungefähr ein Viertel der Ostsee weist so niedrige Sauerstoff-Konzentrationen auf, dass dort kein Fisch leben kann. Das ist in den Bereichen mit Wassertiefen ab 80 Metern. Noch vor dreißig Jahren gab es in der Ostsee eine intensive Dorsch-Fischerei. Heute sind die Bestände stark geschrumpft. Durch Überfischung, und weil sich der Dorsch nicht mehr richtig fortpflanzt. Wenn er laicht, sinken die Eier solange ab, bis sie ein höherer Salzgehalt in größerer Tiefe in der Schwebe hält. Das ist genau in dem anoxischen Bereich. Deshalb hat der Dorsch so große Probleme."

Wie sich die lebensfeindlichen Meereszonen weiterentwickeln werden, ist für die Forscher nur schwer einzuschätzen. Der Klimawandel könnte das Problem verschärfen. Denn in wärmerem Wasser löst sich weniger Sauerstoff. Er könnte die Lage aber auch entspannen, falls Stürme zunehmen und das Wasser stärker durchmischen. Wollte man das Übel an der Wurzel packen, müsste man jedenfalls bei der Landwirtschaft ansetzen. Und vermeiden, dass Düngemittel von Äckern in Gewässer abfließen. In Schweden sollen jetzt Konzepte dafür entwickelt werden, wie Rosenberg sagt. Sein Kollege Robert Diaz wünscht sie sich auch anderswo:

"If nothing is done about the input of nutrients, we will see a continous extension of dead zones."

Wenn wir nichts gegen den Eintrag von Nährstoffen tun, werden sich die Todeszonen weiter ausdehnen.

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