Montag, 18.12.2017
StartseiteBüchermarktWenn die Geschichte ins Leben eingreift22.12.2010

Wenn die Geschichte ins Leben eingreift

Mario Fortunato: "Unschuldige Tage im Krieg"

Historischer Rahmen der Lebens- und Liebesgeschichten in dem Roman sind die späten Jahre des Mussolini-Faschismus in Italien bis zur Befreiung Roms durch anglo-amerikanische Truppen.

Von Jan Koneffke

Mario Fortunato: "Unschuldige Tage im Krieg" (Schöffling & Co.)
Mario Fortunato: "Unschuldige Tage im Krieg" (Schöffling & Co.)

Die Lebens- und Liebesgeschichten, die das Buch erzählt, koppeln das Private zwar keineswegs von den politisch-historischen Ereignissen ab, betonen aber die Seite subjektiver Erfahrung, die nicht selten mit den ideologischen Vorstellungen der Protagonisten in Konflikt gerät. Das gilt nicht nur für die jungen Mussolini-Anhänger, das Bruderpaar Ernesto und Giuseppe, die als Soldaten an der russischen und nordafrikanischen Front ihren faschistischen Traum zerplatzen sehen, sondern auch für die tragische Hauptfigur dieses figurenreichen Buchs.

Stefano Portelli, im nördlichen Latium lebend, ist ein junger Jurist. Ernst und beharrlich besteht er auf dem Gesetz als Fundament der Gerechtigkeit. Das macht ihn von Anfang an zum Feind der Diktatur des Duce. Er heiratet die aus einer Familie kleiner Grundbesitzer stammende Eleonora Polidori, die ihre fehlende Bildung durch Feingefühl und native Intelligenz ersetzt. Wenige Jahre nach der Hochzeit stirbt sie bei der Geburt eines Kindes, das seinerseits nicht überlebt.

Bereits bei der Schilderung dieser Liebe zwischen den ungleichen Eheleuten, mit der der Roman einsetzt, beweist Mario Fortunato seine Meisterschaft. Dem Autor genügen wenige Seiten, um die Figuren und ihre Beziehung lebendig werden zu lassen. Er ist ein Freund der Aussparung, der Flaubertschen Ellipse, der erzählerischen Ökonomie. So haftet seinen Figuren bei aller Klarheit des Stils immer auch etwas Rätselhaftes, Unvorhergesehenes und Unvorhersehbares an.

Da die Eltern Eleonoras durch den Krieg verarmt sind und einen Teil ihres Besitzes Stefano Portelli als Mitgift überlassen haben, heiratet der Witwer aus praktischen Erwägungen beider Seiten einige Zeit später die jüngere Schwester seiner verstorbenen Ehefrau. Nina aber ist, anders als Eleonora, ein äußerst sinnliches Wesen, das Stefano, den Verfechter der Gerechtigkeit, als langweiligen Menschen empfindet, der ihren Bedürfnissen nicht entsprechen kann. So gibt sie sich dem jungen Sergio hin, der vom ahnungslosen Ehemann in der Zwischenzeit für die illegale antifaschistische Arbeit angeworben wird.

Stefano hegt geradezu väterliche Gefühle für den Liebhaber seiner Frau, was die Entdeckung des Betrugs umso schmerzlicher macht. Am Schluss ereilt den Mann der Gerechtigkeit ein äußerst ungerechtes Ende: Er wird zum Opfer des Abgrunds zwischen seinen richtigen, aber auch abstrakten Idealen und der sinnlich-kruden Wirklichkeit.

Steckt in diesem Romanschluss so etwas wie objektive, zugleich mitfühlende Ironie gegenüber seinem Helden? Dazu der Autor:

"Am Anfang, als ich begann, das Buch zu schreiben, hatte ich einen anderen, treibenden Gedanken: Ich wollte ein Melodram schreiben, denn das Melodram hat eine sehr italienische Tradition, vielleicht ist es das Wichtigste, was Italien in den letzten 200 Jahren kulturell hervorgebracht hat. Den großen Roman des 19. Jahrhunderts gibt es bei uns nicht, aber es gibt das Melodram: Puccini, Leon Cavallo, vorher Verdi, nicht aus Zufall sind sie so beliebt, die großen Romanautoren des 19. Jahrhunderts sind die Franzosen, sind die Russen, aber für Italien kann man nur die Autoren des Melodrams nennen. Also mir gefiel die Idee, mich an jener Tradition zu messen. Und ich ging von der Schlussszene aus, also diesem großen Feuer, wo alles in Flammen aufgeht, wo die großen Gefühle sichtbar werden, plötzlich die Wahrheit ans Licht kommt und zur totalen Verstörung führt, weil eine andere Wahrheit erwartet wurde. Aber die Gefühle sind vielschichtiger und sonderbarer als man glauben möchte."

Anders wiederum, als Fortunatos Idee des Melodrams erwarten lässt, handelt sein Roman zwar zweifellos von Gefühlen und endet mit genanntem Feuer - gleichzeitig aber bewahrt er immer das Gleichgewicht zwischen Stille und Erregung, Spannung und Gelassenheit. Das tragische Finale kommt ganz ohne große Oper aus, die es zum Kitsch verurteilen würde. Das Buch der Gefühle bleibt ein Buch der Andeutungen, der feinen Beobachtungen, der präzisen Darstellung des Innenlebens seiner Figuren. Vom Umfang her entsprechend schmal und äußerst kompakt, beschränkt sich der beinahe dialogfreie Roman aufs Wesentliche, ohne es an Leben und sinnlicher Welt vermissen zu lassen. Wie aber verhalten sich die Gefühle zur politisch-historischen Ebene der Erzählung?

"Ja, das Kriegsthema interessierte mich genau in diesem Sinn. Ich wollte verstehen, wie im Moment eines extremen Konflikts, eines großes Dramas, der schrecklichen Dinge, die geschehen, nicht nur in Italien, meinem Land, sondern in ganz Europa und darüber hinaus, denn das Buch spielt ja auch in Mombasa, in Russland, an den verschiedensten Kriegsfronten, wie sich angesichts dieser Erfahrungen, die in das Privatleben der Figuren eindringen, die gewöhnlichen Gefühle wie Liebe, Eifersucht, Vergebung, Verrat usw. in unerwarteter Weise verändern, wie sie den Lebensweg beeinflussen, wie zum Beispiel bei dieser jungen Frau Nina, die zu Anfang des Romans eher ein törichtes Mädchen ist, die sich dann mit dem verheiratet, der ihr Schwager war, und auf einmal eine Persönlichkeit bekommt. Ja, sie wird sogar zu einer kleinen Partisanenanführerin, eine völlig unerwartete Sache, unter anderen Umständen wäre sie eine Frau wie jeder andere gewesen, ganz normal. Aber die Geschichte tritt in ihr Leben ein und verändert sie, und dann verliebt sie sich in einen englischen Soldaten. Kurz: Es geschieht eine Reihe von Dingen, die paradoxerweise ihre wahre Natur zum Vorschein bringen."

"Unschuldige Tage im Krieg" ist nicht nur reich an eindringlich gezeichneten Figuren, sondern auch an Schauplätzen. Bereits auf Seite 24 des Romans versetzt er uns überraschend aus der Provinz des nördlichen Latium nach London und weiht uns in das Leben eines anderen, asymmetrischen Paares namens Edna und Alastair ein, asymmetrisch deshalb, weil der 21-jährige Alastair Ormiston, "einer jenen jungen Engländer, die dazu geboren scheinen, ihr Leben mit Picknicks und Jagden, in schönen Häusern mit Personal und Blumensträußen an allen Ecken und Enden zu verbringen", wie es im Buch heißt, homosexuell ist. Alastair wird, durch den Krieg bedingt, Luftwaffenpilot und muss in Italien notlanden, wo er schließlich mit den Partisanen um Stefano Portelli Kontakt aufnimmt.

Aber der Roman spielt - in Erzählung, Monolog- oder Briefform - auch in Russland, wohin es den Bruder Ninas, Giuseppe, verschlägt, oder in Mombasa, wo ihr anderer Bruder, Ernesto, landet. Ohne dass Fortunato diese Schauplätze nur als exotischer Hintergrund dienen würden, denn dazu ist er auch hier im Detail viel zu genau, haben sie doch eine erzählerische Funktion, nämlich als "Seelenorte" die Veränderungen der Gedanken- und Gefühlswelt seiner Figuren zu spiegeln.

Bestechend an "Unschuldige Tage im Krieg" ist vor allem die lakonische Präzision einer Sprache, mit der es dem Autor Mario Fortunato gelingt, seinen Helden - durch ihre Irrtümer, Sehnsüchte und Leidenschaften hindurch - ihr vergängliches Leben zurückzuerstatten. Denn das ist das geheime Telos dieser Prosa: Die ritualisierte Erinnerung, die letztlich dem Vergessen verschwistert ist, durch die lebendige Erinnerung zu ersetzen.

Mario Fortunato: "Unschuldige Tage im Krieg". Aus dem Italienischen von Marianne Schneider, Verlag Schöffling & Co., Frankfurt 2010. 244 Seiten. 19,95 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk