Samstag, 18.11.2017
StartseiteUmwelt und VerbraucherWenn Menschen zu Göttern werden06.12.2012

Wenn Menschen zu Göttern werden

Geo-Engineering soll den Klimawandel aufhalten

Wir können den Klimawandel aufhalten, indem wir das Klima manipulieren, meinen manche Forscher. Algen, die CO2 fressen, Spiegel, die das Sonnenlicht reflektieren, künstliche Vulkanausbrüche - kein Konzept scheint zu weit hergeholt.

Von Anne Demmer

Schwefeldioxid soll vulkangleich in die Stratosphäre gesprüht werden, um die Erde abzukühlen (AP)
Schwefeldioxid soll vulkangleich in die Stratosphäre gesprüht werden, um die Erde abzukühlen (AP)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Doha 2012

Die Idee scheint verlockend. Anstatt seine Gewohnheiten zu verändern, um die Erderwärmung zu stoppen, könnte der Mensch das Klima einfach künstlich überlisten. Ein bisschen Gott spielen. Methoden und Ideen dafür gibt es viele: Die einen wollen das CO2 von Algen im Meer auffressen lassen, oder es in den Boden pressen. Die anderen versuchen, die Sonne zu manipulieren - durch unzählige Spiegel im All, künstliche Wolken oder kleine Partikel in der Atmosphäre, die die Sonnenstrahlen zurückreflektieren. Auch der amerikanische Forscher Ken Caldeira von der Stanford Universität tüftelt an der Notfallmedizin für Mutter Erde. Eine seiner favorisierten Methoden: Schwefeldioxid in die Stratosphäre sprühen.

"Wir wissen, dass diese Methode grundsätzlich funktioniert. Die Natur hat es uns vorgemacht. 1991 hat der Vulkan Pinatubo auf den Philippinen kleine Schwefelpartikel in die obere Atmosphäre geschleudert. Und diese kleinen Partikel haben das Sonnenlicht zurück ins All reflektiert."

In der Folge kühlte die Erde ab. Forscher gehen von zehn Millionen Tonnen Schwefeldioxid pro Jahr aus, die in die obere Atmosphäre gepumpt werden müssten. Damit ließe sich die globale Durchschnittstemperatur um zwei Grad absenken. Doch die Sache mit dem Geo-Engineering hat einen Haken: Niemand weiß, welche Nebenwirkungen die Methoden haben.

"Das Klimasystem ist komplex, jedes Mal wenn man darin eingreift, ist die Chance sehr groß, dass unvorhergesehene Dinge passieren und dadurch ein neues Problem entsteht, dass dann eventuell sogar noch schlimmer ist."

Konflikte sind programmiert: Was passiert, wenn in Land A Geo-Engineering eingesetzt wird und Land B leidet in Folge unter einer Dürrekatastrophe? Und wie lässt sich dann überhaupt beweisen, dass es eine Folge eben dieses Geo-Engineering Einsatzes ist? Wer wird am Ende bestimmen, wo welche Temperatur herrschen soll?

Es gibt mehr Fragen als Antworten.

Und internationale Spielregeln gibt es bisher kaum. Der Völkerrechtler Ralph Bodle vom Think Tank Ecologic Institute beschäftigt sich im Auftrag des Bundesumweltministeriums mit möglichen Regelungen von Geo-Engineering.

"Man muss lange politischen Willen aufbauen, dass Staaten überhaupt erst mal bereit sind zu verhandeln, man ist politisch exponiert, wenn man anfängt, über so etwas zu verhandeln. Die Verhandlungen selbst dauern manchmal Jahre, wenn man nicht sofort weiß, alle sind einer Meinung, plus Ratifikation in aller Regel; und dann weiß ich eigentlich immer noch nicht, wer an Bord ist."

Auch in Deutschland gewinnt die Debatte an Bedeutung. Bereits im Jahr 2009 sorgte ein Experiment des Alfred-Wegener-Instituts für eine große Kontroverse. Damals wollten die Forscher herausfinden, ob durch Eisendüngung im Meer eine Blüte ausgelöst wird, und sich damit CO2 binden lässt. Es hagelte massive Proteste von Umweltorganisationen. Das Bundesforschungsministerium hatte den Versuch in Auftrag gegeben, die Kollegen des Umweltministeriums wiederum wollten den Test ursprünglich stoppen. Ohne Erfolg. Welches Ministerium bei Geo-Engineering den Hut aufhat, ist bislang nicht geklärt.

Die offizielle Haltung der Bundesregierung ist derzeit eher abwehrend: In ihrer nationalen Klimapolitik setzt sie vollständig auf die "Minderung von Treibhausgasemissionen, sowie auf Anpassungsmaßnahmen" – Ansätze des Geo-Engineerings verfolge man nicht, heißt es in der Antwort der Regierung auf eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion im Bundestag. René Röspel, stellvertretender Sprecher für Forschungspolitik hat sie gestellt. Für ihn ist diese Haltung keine Lösung. Es werde noch viel zu wenig geforscht.

"Weil andere Länder sich möglicherweise überlegen, wir machen das, weil das für uns bequemer ist, als zu sagen, wir sparen Energie. Man kann andere nur überzeugen, wenn man gute Argumente hat, aber solche guten Argumente muss man erst mal entwickeln."

Derzeit gibt es deutschlandweit eine Handvoll Forschungsprojekte. Großräumige Feldversuche schließen die Wissenschaftler momentan aus, sie spielen die Weltrettungsmaßnahmen lediglich am Computer durch. Doch selbst das beobachten manche Wissenschaftler wie der Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung, Hans-Joachim Schellnhuber, mit Sorge.

"Ich glaube, den Diskurs muss man führen, aber ich habe meine Zweifel, dass man die Forschung als solche im großen Stil durchführen muss. Je mehr man an Wissen produziert über solche Techniken, desto größer ist die Versuchung und die Gefahr, dass sie von jemandem eingesetzt werden."


Mehr zum Thema:
Die UN-Klimakonferenz Doha 2012 (Themenportal)

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk