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"Wenn sie nichts tun, wird jeder lachen"

Richard Pound zum ersten Compliance-Bericht der WADA

Von Grit Hartmann

Richard Pound, WADA-Gründungspräsident
Richard Pound, WADA-Gründungspräsident (AP)

Es ist erstaunlich ruhig geblieben um den ersten Compliance-Report der Welt-Anti-Doping Agentur WADA. Dabei war dieser Bericht lange erwartet worden: Immerhin stellt er erstmals Zeugnisse darüber aus, ob Internationale Sportverbände, Nationale Anti-Doping-Agenturen und Olympische Komitees den seit 2004 weltweit gültigen Antidoping-Code umsetzen.

Auf den Compliance-Report reagierte hierzulande nur die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA: Ihr Vorstand ließ per Pressemitteilung wissen, man halte sich laut WADA an alle Vorgaben. Nachsatz: "Die Anti-Doping-Arbeit in Deutschland" gelte "als Vorbild".

Über einen Musterschüler Deutschland steht nichts in dem knappen WADA-Bericht. Die Bundesrepublik ist nicht mehr Vorbild als weltweit 154 weitere Staaten, denn exakt so viele Nationale Agenturen setzen den Code regelkonform um. 49 allerdings tun dies nicht – die Kernbotschaft dieser ersten Prüfung. Richard Pound, den ersten WADA-Chef und heute Mitglied in ihrem Stiftungsrat, überrascht sie nicht sonderlich:

"Der Stiftungsrat ist zufrieden, dass wir endlich einen Compliance-Report herausgebracht haben – nach vielen Jahren, in denen wir gebeten wurden, keinen zu veröffentlichen. Unsere Glaubwürdigkeit begann zu schwinden, weil wir über gar nichts berichtet haben. Aber meine Sicht ist, dass wir das viel früher hätten tun sollen. Wir hätten viel energischer sein müssen mit der Erstellung eines Reports, weil die meisten Organisationen gefolgert haben: Wenn es keine Konsequenzen gibt, gibt es kein Problem."

22 Staaten aus Afrika, neun aus Asien, sieben vom amerikanischen Kontinent, drei aus Ozeanien und acht europäische meldet die WADA nun als nicht Code-konform. Darunter sind ein paar kleine Inselstaaten, die in den internationalen Arenen kaum eine Rolle spielen. Bei anderen überrascht die Missachtung des WADA-Codes kaum – etwa bei den Geheimniskrämern aus Nordkorea. Gelistet sind auch Länder mit einflussreichen Sportfunktionären – wie Namibia mit Frankie Fredericks, Exekutiv-Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee. Für Europa führt die Sünderdatei Griechenland oder Portugal. Und in Lateinamerika steht nun beispielsweise Argentinien im Verdacht, Doping eher zu tolerieren als zu bekämpfen. Ebenso Brasilien – Gastgeber für die Fußball-WM 2014 und die Sommerspiele 2016. Länder also, die durchaus zu den größeren Sportnationen zählen.

Dabei ist die Vollständigkeit der Liste eher fraglich. Sämtliche Weltverbände bekamen von der WADA einen Persilschein. Dies, obgleich die Maschen des Kontrollnetzes bei einigen so weit sind, dass noch nie ein Athlet darin hängen blieb. Richard Pound räumt ein:

"Auch wir erkennen an, dass es kein echter Compliance-Report ist. Weil wir uns hauptsächlich auf die Angaben der Organisationen verlassen haben, denen wir Fragebögen geschickt hatten. Und wir haben nicht wirklich eine Bestätigung, ob sie tatsächlich tun, was sie behaupten zu tun."

Die WADA behauptet zwar, der Bericht sei Ergebnis eines dreijährigen Monitorings – Fragen des Deutschlandfunks zur Art der Prüfung beantwortete sie jedoch nicht. Auch sonst lassen die Info-Häppchen zu wünschen übrig. So fehlen Details darüber, welches Land gegen welche Regeln verstößt. Stattdessen gab WADA-Präsident John Fahey ein Statement ab, das schon nach Absolution klang: Die WADA sei verantwortlich dafür, den saumseligen Ländern auf die Sprünge zu helfen. Sein Vorgänger sieht die Verantwortung eher woanders:

"Nein, da sind fast keine Entschuldigungen mehr möglich. Unsere Verantwortung in der WADA ist es zwar nicht, zu entscheiden, was in diesen Fällen zu tun ist. Wir sagen nur: Ein Land, Portugal oder Brasilien oder wer immer, ist nicht konform mit dem Code. Dann ist es an den Weltverbänden, den Regierungen, dem IOC zu sagen: ’Es ist erforderlich, dass ihr den Code umsetzt, und das ist die Bedingung für Teilnahme an Olympischen Spielen oder unseren Sportprogrammen. Ihr könnt ausgeschlossen werden.’"

Ausschluss von den Spielen wäre die härteste Strafe, die in der Olympischen Charta vorgesehen ist. Der Bericht ging in dieser Woche an das IOC, das über Sanktionen entscheidet. Was erwartet Pound, selbst IOC-Mitglied?

"Das ist die große Frage. Was beim IOC passiert – Sie haben das vermutlich in der Vergangenheit bemerkt - ist, dass sie sagen: Oh, die armen Athleten können nicht für die Fehler ihrer Regierungen oder ihrer Olympischen Komitees verantwortlich gemacht werden, deshalb machen wir eine Ausnahme. Aber es ist vermutlich Zeit zu sagen, es wird nicht besser, je weniger Folgen das hat, und hier sind die Folgen: Wenn der Code nicht umgesetzt wird, dann kann es sein, dass die Athleten aus diesen Ländern keine sauberen Athleten sind. Wenn das IOC also dezidiert zu seiner Null-Toleranz-Position steht, dann hat es Brasilien, Portugal oder wem immer zu sagen: ’Hört zu, ihr seid von der WADA als nicht konform erachtet worden, und auf dieser Basis seid ihr nicht teilnahmeberechtigt für die Spiele. Wir werden keine Teilnehmer aus Brasilien oder Portugal akzeptieren.’ Diese Konsequenz ist es, die die Leute dazu bringt, das Richtige zu tun. Jetzt bleibt abzuwarten, ob das IOC stark genug dafür sein wird."

Die Sanktionen sind allesamt Kann-Bestimmungen. Einem Land, das sich nicht an den Code halte, könnten auch Events entzogen werden – Brasilien wäre nur ein Kandidat. Es könnte aus dem Olympic Solidarity Programm verbannt werden, mit dem das IOC im aktuellen Olympiazyklus rund 250 Millionen Dollar Entwicklungshilfe verteilt. Auch der Ausschluss von Repräsentanten der Sünder-Länder aus der IOC-Exekutive wäre möglich. Und wenn der Bericht folgenlos bliebe? Noch einmal Richard Pound:

"Bisher haben wir nicht berichtet. 2008 gab es eine Art Vorarbeit. Das Papier damals sagte: Bestimmte Länder müssen sich verbessern. Sehr zurückhaltend, keine Konsequenzen. Aber jetzt ist formal festgestellt: Ihr seid nicht konform, und das geht hinaus in die Welt, zum IOC, den Verbänden, den Olympischen Komitees. Jetzt müssen sie handeln. Daran wird man sehen, ob sie es ernst meinen mit dem Kampf gegen Doping im Sport. Wenn sie nichts tun, wird jeder lachen und sagen: Das bedeutet gar nichts. Und wenn keiner handelt, halte ich eine Frage für sehr angebracht: Warum haben wir überhaupt diese internationale Agentur mit der Verantwortung für Überwachung und Berichterstattung, wenn, sobald sie überwacht und berichtet, keiner irgendetwas tut?"

Die IOC-Exekutive tagt in der zweiten Dezember-Woche. Man darf gespannt sein, wie die Frage nach dem Wert der WADA und nach dem des Antidoping-Kampfes beantwortet werden wird.

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