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StartseiteNachrichten-Blogs: Aus der NachrichtenredaktionDie "Vergessenen Nachrichten 2018"19.02.2018

Wenn Wichtiges in den Medien fehltDie "Vergessenen Nachrichten 2018"

Warum ist in den Medien viel von Inklusion die Rede, wenn es um Schulen geht, selten aber in Sachen Arbeitswelt? Wird der eigene Weg Portugals aus der Finanzkrise totgeschwiegen? Und wieso eigentlich wird über einen Hurrikan in den USA viel mehr berichtet als über Naturkatastrophen in Asien? Dies sind drei der Fragen, die unsere Liste der "Vergessenen Nachrichten des Jahres 2018" aufwirft.

Von Marco Bertolaso

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Ein Contergangeschädigter benutzt Radierstifte, um mit der Tastatur seines Computers zu arbeiten. (dpa - Report)
Die (mangelnde) Inklusion auf dem Arbeitsmarkt - eine der "Vergessenen Nachrichten" dieses Jahres. Foto: dpa/Friso Gentsch. (dpa - Report)
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Aus der Nachrichtenredaktion Vergessene Nachrichten des Jahres

Aus der Nachrichtenredaktion Vergessene Nachrichten des Jahres

3. Kölner Forum für Journalismuskritik Handwerk und Rückgrat - Journalismus in der Demokratie

Die "Initiative Nachrichtenaufklärung" präsentiert ihre Liste in jedem Jahr gemeinsam mit der Deutschlandfunk-Nachrichtenredaktion. Die Veranstaltung vom 19.2.2018 können Sie über den Audio-Button dieses Beitrags nachhören.

Hier die Themen, die eine Jury aus Wissenschaftlern und Journalisten ausgewählt hat und die am 19. Februar 2018 öffentlich im Kölner Dlf-Funkhaus vorgestellt wurde.

1. Inklusion in der Arbeitswelt

Unter den Menschen im erwerbsfähigen Alter machen Frauen und Männer mit Behinderung einen großen Anteil aus. Tendenz steigend. Dennoch bekommt man in den Medien erstaunlich wenig über Inklusion in der Arbeitswelt zu hören, zu lesen und zu sehen.

Die Jury findet: "Medien sollten es sich aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung und fehlender Berührungspunkte im Alltag zur Aufgabe nehmen, Barrieren und Vorurteile durch vermehrte journalistische Berichterstattung auf Augenhöhe zu verringern, anstatt sie wie bisher weiter zu verfestigen."


2. Portugal überwindet Finanzkrise - ohne Sparen

Nach der Finanzkrise schien es für die betroffenen südeuropäischen Länder, allen voran Portugal, nur eine Wahl zu geben: sie mussten den von der EU - insbesondere auch von Deutschland - geforderten Sparkurs umsetzen. Doch ist die sogenannte Austerität der einzige Weg? Seit Ende 2015 regieren in Portugal die Sozialisten, unterstützt von anderen linken Parteien. Sie haben eine gewisse Abkehr von der Sparpolitik vollzogen: Löhne und Pensionen steigen nach mehreren Kürzungsrunden, es gibt wieder mehr Urlaub. Die Wirtschaft erholt sich und Kredite des Internationalen Währungsfonds wurden früher als geplant zurückgezahlt.

Die Jury findet: "Die positiven Effekte wurden lange Zeit in den deutschen Medien nicht beachtet oder als nur temporäre Entwicklung abgestempelt."


3. Monsun in Asien, Hurrikan in Texas

Der Monsun in Südasien im Sommer 2017 gilt als einer der heftigsten der letzten Jahrzehnte, mehr als 40 Millionen Menschen waren nach den Schätzungen betroffen. Besonders schwer traf es den Osten Indiens, den Südosten Nepals sowie Bangladesch. Dennoch ähnelte die Berichterstattung in ihrem Umfang nicht annähernd dem, wie sich die Medien nur zwei Wochen später mit dem Hurrikan Harvey befasst haben, als der in Texas für Verwüstung sorgte.

Die Jury findet: "Der Hurrikan Harvey sowie die Outfits der Trumps nehmen einen hohen Stellenwert in den Nachrichten ein. Der Monsun 2017 wird dagegen signifikant weniger erwähnt und geht in der Berichterstattung gegenüber den US-Ereignissen, um im Bilde zu bleiben, unter. Einigen wenigen Medien ist die Reflexion darüber im vergangenen Sommer gelungen, wünschenswert wäre ein breiteres Bewusstsein."


4. Prekäre Arbeitsbedingungen auf Containerschiffen

Überstunden, Lohndumping und Unterbezahlung - all das gehört zu den Arbeitsbedingungen auf Containerschiffen. Etwa 90 Prozent unserer Konsumgüter werden täglich mit Containerschiffen nach Deutschland befördert.

Die Jury findet: "Der Transport mithilfe von Containerschiffen befindet sich relativ am Anfang der Logistikkette und stellt somit eine hohe Relevanz dar. Die damit verbundenen schlechten Arbeitsbedingungen werden jedoch in den Medien immer noch kaum thematisiert."


5. Lebensrettende Medikamente in Entwicklungsländern für große Teile unerschwinglich - die Pharmaindustrie ist eine der gewinnträchtigsten Branchen

Nur etwa zwölf Prozent der Behandlungsbedürftigen in Ländern der sogenannten Dritten Welt erhielten die nötige Versorgung mit Impfstoffen und anderen Arzneimitteln, schreibt die Jury. Schuld daran seien unter anderem die hohen Preise der Pharmafirmen. Die Kosten für einen vollständigen Impfschutz für ein Kind hätten sich in den Jahren von 2001 bis 2014 beinahe um den Faktor 70 vervielfacht.

Die Jury findet: "Da dadurch ein Drittel der Weltbevölkerung auf lebenswichtige Arzneimittel verzichten muss und gleichzeitig wichtige Pharmafirmen aus Deutschland kommen, ist dieses Thema auch hierzulande sehr relevant. Der Widerstreit zwischen dem Recht auf Gesundheit und den Gewinnmargen der Pharmaindustrie wird nur vereinzelt von Medien aufgegriffen."

6. Abschaffung des Bevölkerungsschutzes in Deutschland bei einem atomaren GAU

Deutschland liegt in der Mitte Europas. Um uns herum werden gut 150 Atomkraftwerken betrieben. Auch bei uns sind noch einige Reaktoren am Netz. Risiken und potenzielle Komplikationen steigen mit der Lebensdauer der Reaktoren.

Die Jury findet: "Es gibt zwar ein Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, doch ist es in diesem Fall gar nicht zuständig. Ein atomarer GAU ist in Deutschland Ländersache. Doch nur wenige Länder haben den Störfall geprobt. Der Bund schaffte das Schutzraumkonzept im Jahr 2007 ab und stellte die Erhaltung der Funktionsfähigkeit dieser rund 2000 Anlagen ein. Dementsprechend gibt es keine einsatzbereiten öffentlichen Schutzräume in Deutschland mehr und es kommt nur noch eine Massenevakuierung in Frage. Ist das Schutzraumkonzept wirklich verzichtbar? Was tun beim GAU? Diese Fragen finden zu wenig Resonanz in den Medien." Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version von Punkt 6 gab es einen Fehler. Die Jury war fälschlicherweise davon ausgegangen, dass die Zuständigkeit beim Bundesamt liege.

7. Gesundheitsgefahren und fehlende politische Regulierung der Schichtarbeit

Schicht- und Nachtarbeiter sind erheblichen Gesundheitsrisiken ausgesetzt, die politische Handhabung des Problems lässt jedoch Fragen offen. Neben der Gefahr von Schlafstörungen und ihren Folgeerscheinungen, der Störung des Biorhythmus, ist auch das Kunstlicht während der Nachtarbeit ein Problem.

Die Jury findet: "Zu den gesundheitlichen Themen gibt es auch vereinzelt kleine Anfragen im Bundestag. Politische Lösungsansätze finden sich nicht, im Gegenteil, die Arbeitszeiten wurden in den letzten zwanzig Jahren immer flexibler. Damit steigt auch die Relevanz der Schichtarbeitsthematik. Darüber hinaus stellt auch die Aufklärung der Schichtarbeiter ein Konfliktfeld dar. Wie informiert sind die Schichtarbeitenden über ihren Arbeitsplatz? Der Medienfokus liegt bislang auf den gesundheitlichen Folgen. Doch die Fragen "Wo bleiben die politischen Antworten auf die Problematik?" und "Wie sehen die Rechte in der Schichtarbeit aus?" bleiben weitgehend unbeleuchtet."


8. Gewalt gegen Beschäftigte in psychiatrischen Einrichtungen

Beschäftigte in psychiatrischen Einrichtungen sind im wachsenden Ausmaß der Gewalt von Patienten ausgesetzt.

Die Jury schreibt: "Eine nicht repräsentative Umfrage der Gewerkschaft Ver.di ergab, dass Übergriffe auf das Pflegepersonal innerhalb der letzten fünf Jahren zugenommen haben. Die Ursachen lägen einerseits in Überbelegungen vieler Einrichtungen, andererseits seien mangelnde Qualifikation des Pflegepersonals im Umgang mit Aggressionen und gewalttätigem Verhalten ein Grund. Noch unerfahrenes Personal wird immer früher auch in Nachtschichten und sogar in Aufnahmestationen eingesetzt, wo oftmals alkoholisierte und unberechenbare Patienten auftauchen."


9. Die Zwangssterilisation von Roma-Frauen in der Tschechischen Republik

Viele kinderreiche Roma-Frauen wurden in der kommunistischen Tschechoslowakei sterilisiert - oft unter Zwang und ohne Einwilligung der Frauen. Mit dem Untergang der CSSR endete diese Praxis aber nicht.

Die Jury findet: "Auch nach demokratischer Wende (1989) und der Auflösung der Tschechoslowakei (1993) wurde die Praxis in der Tschechischen Republik fortgesetzt, der letzte dokumentierte Fall ereignete sich 2007. Zwar erfolgte später eine Entschuldigung der Regierung, doch eine Entschädigung für die Frauen ist bis heute nicht erfolgt. Die Regierung Tschechiens betrachtet die Vorgänge als mit der Entschuldigung abgeschlossen und sperrt sich gegen eine weitere Aufarbeitung. Die Zwangssterilisierungen und ihre fehlende Aufarbeitung sind außerhalb Tschechiens, auch im Nachbarland Deutschland mit seiner besonderen historischen Verantwortung, fast völlig unbekannt."


10. Humanitäre Krise im Tschad

Im Tschad leben seit Jahren viele Flüchtlinge. Ihre Zahl wird auf 700.000 geschätzt, gemessen an der Bevölkerung sind das mehr als in Deutschland. Mehr als die Hälfte sind Kinder. Trotz Erdölvorkommen zählt das Land zu den ärmsten der Welt und kann die Aufgabe kaum meistern. Beim von der UNO erstellten Human Development Index liegt der Tschad auf Platz 186 von 188 (2016). Während schon viele Einwohner nicht ausreichend versorgt werden können, gilt das für die Flüchtlinge umso mehr. Insgesamt gelten im Tschad knapp vier Millionen Menschen als mangelernährt. Rund eine Million Menschen leiden akut an Hunger.

Die Jury findet: "Die humanitäre Krise im Tschad wird in der Berichterstattung nur sehr selten erwähnt. So berichtete zwar die "Tagesschau" im Februar über die Lage in der Tschadsee-Region, allerdings kommt die aktuelle Entwicklung definitiv zu kurz. Vertreter der Hilfsorganisationen sehen das Problem in der Tatsache, dass andere humanitäre Krisen sowohl die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, aber auch personelle und finanzielle Ressourcen an sich binden."


Die Initiative Nachrichtenaufklärung e.V. (INA)

Die INA ist eine Nicht-Regierungsorganisation. Seit 20 Jahren sammelt sie Vorschläge zu den vernachlässigten Nachrichten, zum Beispiel auf ihrer Homepage. Diese Vorschläge werden dann von studentischen Rechercheteams an mehreren Hochschulen im ganzen Bundesgebiet recherchiert und geprüft. Begleitet von Dozenten ermitteln die Studierenden, ob die vorgeschlagenen Themen sachlich richtig und zutreffend sind und ob sie tatsächlich von den Medien vernachlässigt wurden. Die Jury der INA beurteilt anschließend die Relevanz der Themen und wählt daraus die Top Ten der vernachlässigten Nachrichten.

Die Deutschlandfunk-Nachrichtenredaktion, die INA und die Hochschule HMKW haben im Jahr 2015 eine Fachtagung ins Leben gerufen: das Kölner Forum für Journalismuskritik. Am 22. Juni 2018 findet das Forum zum vierten Mal statt - und verleiht ebenfalls zum vierten Mal den Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik.

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