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StartseiteBüchermarktWer bin ich, wie heiß ich?18.01.2008

Wer bin ich, wie heiß ich?

Colson Whiteheads neuer Roman "Apex"

Eine Stadt auf der Suche nach dem passenden Namen, ein namenloser Werbeagent, der bei der Suche nach dem passenden Branding der Stadt helfen soll: Der neue Roman "Apex" des amerikanischen Schriftstellers Colson Whitehead ist ein Satire auf unsere Sucht, alles zu etikettieren, einzuordnen, zu benennen.

Von Johannes Kaiser

Der Schriftsteller und Journalist Colson Whitehead. (AP Archiv)
Der Schriftsteller und Journalist Colson Whitehead. (AP Archiv)

Eine schräge Geschichte, eine typisch amerikanische, denn sie funktioniert nur in einem Land, in dem man glaubt, sich ständig neu erfinden zu müssen, nicht zuletzt weil Vergangenes rasch in Vergessenheit gerät. Namen sind hier nicht Schall und Rauch, sondern symbolisieren Zugehörigkeit, Selbstbewusstsein, Agilität, Dynamik, Fortschritt. Viele Einwanderer suchten sich durch einen neuen Namen auch gleich ein neues Leben zu geben, im Vorgriff auf eine bessere Zukunft. Branding - das Bezeichnen einer Ware, eines Produktes, eine Konsumguts mit einem unverwechselbaren, gut klingenden, einprägsamen Namen ist eine sehr amerikanische Erfindung, selbst Produkt kreativer Werbeagenturen.

In Europa ist uns solches Denken ziemlich unbekannt. Hier hat alles seinen althergebrachten, traditionellen Namen, eine Geschichte, eine Vergangenheit, auf die man stolz ist, an der man festhält, die Bestand hat. Die Vorstellung, eine aufstrebende Kleinstadt könne beschließen, sich einen neuen Namen zu geben, Ausgangspunkt des neuen Romans des amerikanischen Schriftstellers Colson Whitehead, wirkt völlig irreal, weit hergeholt.

In den USA dagegen ist eine solche Idee keineswegs abwegig. Man erfindet sich einfach neu, als ob damit die Vergangenheit ausgelöscht werden könnte - so wie die Werbung alten Wein in neue Schläuche füllt und als sensationelle Entdeckung anpreist. So Colson Whitehead schickt in seinem Roman "Apex" einen jungen, äußerst erfolgreichen Namenserfinder, Star einer Werbeagentur, in die aufstrebende Kleinstadt Winthrop, um ihr dabei zu helfen, einen neuen Namen zu finden. Einen ersten Vorschlag bringt er bereits mit. New Prospera:

"Prospera hatte diese Aura von romanischer Sprache, er war sich ziemlich sicher, dass es ein spanisches oder italienisches Wort für irgendwas war. Was es in diesen Sprachen bedeutete, war unwichtig, wichtig war nur, wie es hier klang. Das flotte A am Ende wie eine Leitersprosse zu Reichtum und Wohlstand, steigen Sie hinauf. Ein prächtiger Umhang aus der Alten Welt, um die knochigen Schultern der prosaischen Prosperität drapiert. New, new, neues Geld, neue Medien, neue Ökonomie. Neue Ordnung. New Prospera. Auf Landkarten würde es vermutlich gut aussehen. Der Name war gar nicht so schlecht, aber ganz sicher kein Meisterwerk."

Die Umbenennung erweist sich als komplizierter als erwartet, denn der Werbeexperte stößt rasch darauf, dass alle Beteiligten sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was zu der Stadt passt. Gegründet wurde sie von ehemaligen schwarzen Sklaven, die aus dem Süden in den Norden zogen in der Hoffnung, irgendwo im noch unerschlossenen Mittleren Westen einen Flecken Erde zu finden, der niemandem gehört. Grausamer Unterdrückung und Verfolgung entkommen nennen sie ihre Siedlung Freedom, Freiheit, ein Name, der Hoffnung symbolisiert, eine politische Haltung ausrückt.

Doch als ein reicher weißer Unternehmer, der Stacheldraht produziert und zum größten Arbeitgeber der meisten Einwohner aufgestiegen ist, verlangt, die Stadt nach ihm umzubenennen, fügt sich die schwarze Mehrheit. Heute nun drängt ein Software-Unternehmer auf Umbenennung. Widerstreitende Interessen, die eine gerechte Namensfindung erschweren, setzen den Namensfinder unter Druck. Sein Vorschlag auf den letzten Seiten des Romans ist überraschend.

Erstaunlich ist, dass der kreative Wortschöpfer selbst nie im Buch einen Namen bekommt, so als wenn Colson Whitehead damit signalisieren wollte, dass man seinen Held nicht festlegen kann, vielleicht auch weil der selbst nicht so genau weiß, wer er eigentlich ist. Immerhin ist er ein in doppelter Hinsicht verletzter Mann. Aus Unachtsamkeit hat er einen Zeh verloren. Er ist mit ihm ständig irgendwo gegen gestoßen, so wie er im wirklichen Leben ständig mit unangenehmen Dingen konfrontiert wird, wie zum Beispiel seiner schwarzen Hautfarbe. Die Amputation hat ihn so aus der Bahn geworfen, dass er seine Werbefirma verlassen hat. Der Job hier soll ihn zurück ins Werbeleben holen.

"Der winzige Teil seiner selbst, der noch auf Marketing eingestellt war, schauderte jedes Mal, wenn Gertrude das Wort farbig verwendete. Er stieß sich fortwährend den Zeh daran. Sozusagen. Farbiger, Neger, Afroamerikaner, afrikanischer Amerikaner. Alle paar Jahre kam jemand mit irgendetwas an, das uns seinen Zentimeter näher an die Wahrheit heranbrachte. Stück für Stück krochen wir dahin. Als ob es das, dem wir uns zu nähern glaubten, tatsächlich gäbe. Wenn man etwas mit einen Namen nannte, fixierte man es an Ort und Stelle - der Name ermöglichte es einem darauf zu zielen und zu schießen. Doch etwas beim Namen nennen, den man ihm gab, hatte auch eine Kehrseite - nämlich, dass man bei dem Namen genannt werden wollte, den man sich selbst gab. Wie lautete der Name, der mir die Würde und den Respekt verschaffen wird, die mir zustehen? Der Schlüssel, der die Welt aufschließen wird. Vor Farbiger: Sklave. Vor Sklave: frei. Und immer irgendwo Nigger. Was kam als nächstes? Wenn er wüsste, was als nächstes kam, wüsste er, wer er sein würde."

Colson Whitehead jongliert mit dem Namensspiel in seinem Roman auf mehreren Ebenen. Sprachschöpferisch und wortverliebt kritisiert er die Macht der Wörter, der Namensgebungen, mit der Politik und Medien, Wirtschaft und Alltag, Dinge und Menschen einordnen, abstempeln, aussondern. Zugleich hofft er, dass seine Sprache aufklärt, zum Nachdenken über eben diese Macht der Sprache veranlasst.

Colson Whiteheads Problem ist allerdings, dass sonst nicht allzu viel in seinem Roman geschieht, er dessen satirische Überspitzung überdehnt, ihm seine Wortgewalt aus dem Ruder läuft. Kürzer wäre besser gewesen. Dennoch eine originelle Idee, eine Satire auf unsere Sucht, alles zu etikettieren, um es so besser handhabbar zu machen, ein sarkastisches Abbild einer Branche, die nie hält, was sie verspricht. Die Verführer lassen grüßen.


Colson Whitehead: Apex
Übersetzt von Nikolaus Stingl
Hanser Verlag München 2007, 191 Seiten, 17,90 Euro

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