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StartseiteInterview"Wer mit Geld umgehen will, braucht einen langen Atem"08.08.2011

"Wer mit Geld umgehen will, braucht einen langen Atem"

Pater hält Krisengerede für Schwarzmalerei

Der Börsenkenner Pater Anselm Grün ruft angesichts der Finanzkrise zur Gelassenheit auf. Alles, was in Panik geschehe, das bringe nichts. Gleichwohl forderte er von den Regierungen der Welt, den Finanzmarkt besser zu reglementieren.

Anselm Grün im Gespräch mit Friedbert Meurer

Pater Anselm Grün: "Der Gierige wird verlieren." (picture alliance / dpa - Frank May)
Pater Anselm Grün: "Der Gierige wird verlieren." (picture alliance / dpa - Frank May)

Friedbert Meurer: Wer im Kloster lebt, hat sich von der Welt zurückgezogen, und die dicken Mauern schützen ihn oder sie vor den Unbilden der Zeit. Mögen gleich auch in Frankfurt die Börsianer von der Verzweiflung gepackt werden, vielleicht kommt es auch anders, von diesem Trubel ist man im Kloster weit entfernt. – Sollte man meinen! Aber so weltabgewandt ist man im Kloster gar nicht. Klosterbrüder galten schon im Mittelalter als überaus fähige Verwalter von Wirtschaftsgütern, waren begnadet im Anlegen zum Beispiel von Fischteichen, im Bierbrauen oder im Weinanbau. Anselm Grün ist Benediktinerpater in der Abtei Münsterschwarzach in Bayern und für die Finanzen der Wirtschaftsbetriebe der Abtei verantwortlich. Er hat Theologie und Betriebswirtschaft studiert und ist einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren geworden. Guten Morgen, Pater Grün!

Anselm Grün: Guten Morgen!

Meurer: Geht heute die Welt bankrott oder sogar unter?

Grün: Nein, ich denke, alle diese Schwarzmalereien, die sagen mehr über den Schreiber aus als über die Realität der Welt. Da schreiben manche ihre Ängste einfach nach außen und meinen, das wäre die Objektivität.

Meurer: Spricht der Theologe oder der Betriebswirt Anselm Grün jetzt gerade?

Grün: Beides. Natürlich, betriebswirtschaftlich gibt es viele Probleme momentan in der Welt, aber ob ich da gleich schwarzmale oder ob ich vertraue, dass diese Probleme gelöst werden können, das ist dann eine Frage der Theologie und des Glaubens. Und nicht nur des Glaubens an Gott, sondern natürlich auch des Vertrauens, das ich in die Menschen habe.

Meurer: Was haben Sie die letzten Tage gemacht, um kein Geld für Ihre Abtei zu verlieren?

Grün: Ich habe gar nichts gemacht. Ich habe gewartet. Alles, was in Panik geschieht, das bringt nichts.

Meurer: Woher leiten Sie ab, dass es keinen Bedarf gibt, schnell zu handeln? Andere haben Computerprogramme, da erscheint dann Stop-Loss, schnell verkaufen, und müssen schnell reagieren. Warum lassen Sie sich Zeit, tun nichts?

Grün: Ja, all dieses aufgeregte Hin und Her, da verdienen nur bestimmte Menschen dran, aber das hilft nicht weiter. Ich denke, wer mit Geld umgehen will, braucht einen langen Atem, und das sind jetzt auch alles Übertreibungen, Übertreibungen der Angst. Und die Realität, die ist ein Stück anders und die wird sich auch wieder durchsetzen.

Meurer: Aber manche erinnern sich natürlich daran, vor zwei, drei Jahren, dass einige viel Geld verloren haben, wenn sie Lehman-Papiere hatten. Die dachten damals, das ist alles ganz stabil und sicher, und dann haben kleine Leute ihr ganzes Vermögen verloren. Verstehen Sie die Angst, dass man glaubt, so was könne wiederkommen?

Grün: Klar, die Angst verstehe ich schon. Aber wichtig ist eben, dass man sein Geld verschieden anlegt, nicht alles auf eine Karte setzt, sondern einfach in verschiedenen Bereichen. Und wer da einfach auf Nummer sicher gehen will, der legt eben konservativer an, auch in Sachwerten. Und dann muss er jetzt ... Es gibt zwar jetzt momentan Übertreibungen, aber das muss nicht gleich zum Untergang führen.

Meurer: Also kühlen Kopf bewahren oder meditieren? Darüber schreiben Sie ja auch Bücher.

Grün: Ja gut, wichtig ist schon die Frage ... Das Spirituelle heißt für mich, nicht einfach zu sagen, es kann nichts passieren, das wäre blind, sondern Meditieren heißt, dass ich meinen Grund in Gott finde und nicht im Geld. Und wenn ich in Gott meinen Grund finde, dann kann ich gelassener damit umgehen. Natürlich kann Geld mal verloren gehen, aber das ist auch nicht die Grundlage, die unser Leben trägt, sondern wir brauchen eine tiefere Grundlage.

Meurer: Der Einzelne kann etwas tun, aber viele sehen sich ja auch als Opfer einer Entwicklung, einer Entwicklung des Kapitalismus. Selbst ein früherer Bundespräsident hat diesen Kapitalismus und die Finanzmärkte mal als ein Monster bezeichnet. Wer hat das Monster von der Kette gelassen?

Grün: Gut, da ist sicher etwas Wahres dran. Der Kapitalismus hat so ein Stück die Maßstäbe verloren, es können Spekulanten in eine Richtung alles treiben, die dann der Volkswirtschaft nicht mehr gut tut, und dann müssten ... Alle bisherigen Versuche nach der Finanzkrise, ja da gute Regeln zu finden, sind leider von Amerika und England sabotiert worden, weil da natürlich die meisten Finanzjongleure sitzen. Da bräuchte es sicher eine neue Regelung, dass eben die Macht nicht mehr einzelne Spekulanten haben, sondern dass die Volkswirtschaften in ihrer Realität wieder mehr Gewicht bekommen.

Meurer: Am Anfang des Kapitalismus stand, dass die katholische Kirche den Zins erlaubt hat, was bis Mitte des Mittelalters verboten war. War das sozusagen die Ursünde gewesen, den Zins zu legitimieren?

Grün: Nein, ich denke nicht. Also, natürlich hat die Bibel den Zins verboten, aber damals waren es auch andere Verhältnisse. Ich denke, wenn der Zins angemessen ist, hilft er beiden, hilft den Investoren und denen, die anlegen. Aber alle Instrumente können natürlich auch missbraucht werden und so kann auch der Zins missbraucht werden.

Meurer: Fördert der Kapitalismus die Gier des Menschen?

Grün: Ich glaube nicht, sondern die Gier fördert den Kapitalismus. Die Gier ist im Menschen drin, Gier und Angst, und beides ist nicht gut im Umgang auch mit den Dingen dieser Welt, das sagt schon Jesus im Evangelium. Also, der Gierige wird verlieren, der Ängstliche wird verlieren, es braucht das richtige Maß und es braucht das Vertrauen, dann kann ich auch mit den Dingen dieser Welt angemessen umgehen.

Meurer: Sie selbst verdienen ja Millionen mit Ihren Büchern, gönnen sich aber nur 50 Euro Taschengeld im Monat, das haben Sie einmal der "Süddeutschen Zeitung" gegenüber gesagt. Sind Ihnen, Pater Grün, Charaktereigenschaften wie Geiz oder Gewinnsucht völlig fremd?

Grün: Völlig fremd nicht, natürlich, ich muss ja auch das Geld für die Abtei verdienen und da spüre ich natürlich auch den Reiz, wo ich mehr verdienen kann. Aber ich spüre das und gebe dem aber nicht nach, sondern merke, ich brauche immer das richtige Maß und die innere Freiheit demgegenüber.

Meurer: Anselm Grün, Benediktinerpater in der Abtei Münsterschwarzach zur Frage: Geht die Welt heute bankrott? – Wir werden es ab neun Uhr wissen, wenn die Börsen eröffnen. Pater Grün, schönen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören!

Grün: Auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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