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StartseiteCorsoWer und was heißt schon normal!11.04.2012

Wer und was heißt schon normal!

Der Film "Einer wie Bruno" erzählt vom Kindbleiben und Erwachsenwerden

Bruno ist alleinerziehender Vater. Allein erziehen aber kann er seine 13-jährige Tochter Radost nicht. Denn er ist geistig behindert und auf Hilfe angewiesen. Nicht immer ist klar, wer in der Kleinfamilie Kind und wer Erwachsener ist.

Von Kirstin Warnke

"Bruno: Du gehst jetzt auf dein Zimmer und machst die Hausaufgaben! Jawohl!
Radost: Jawohl!
Bruno: Jawohl!
Radost: Mein Gott, echt!"

Ein Vater-Tochter-Gespräch, wie man es aus vielen Familien kennt. Hier allerdings hartnäckig einstudiert - für die Aufpasserin vom Jugendamt. Der Sozialarbeiterin Frau Corazon - gespielt von Teresa Harder - wird regelmäßig ein Schauspiel geboten, mit auswendig gelerntem Text; ein Gespräch, das nach "ganz normaler Familie" klingen soll.

Bruno, gespielt von Christian Ulmen, und Radost, gespielt von Lola Dockhorn, leben allein im Plattenbau. Die Mutter ist vor Jahren gestorben und Bruno alleinerziehender Vater. Bruno arbeitet in einem Großhandel als Regaleinräumer. Radost geht zur Schule. Wenn die beiden unter sich sind, ermahnt Papa Bruno seine Tochter allerdings nicht zum Hausaufgabenmachen. Im Gegenteil: Es ist ihre Aufgabe, sich neben der Schule um den Haushalt zu kümmern, auf ihren Vater aufzupassen und Frau Corazon auf absehbare Zeit ruhigzustellen, um ein weiteres Zusammenleben nicht zu gefährden.

"Naja, Bruno ist geistig behindert. Der ist lernbehindert und geistig auf dem Stand eines Zehnjährigen, hat aber eine 13-jährige Tochter, die gerade in die Pubertät kommt. Und ist eigentlich … Er fühlt sich als ihr Vater, ist sich auch irgendwo der Verantwortung bewusst, aber eben auch jemand, der gepflegt wird – von einem Kind!"

Einen Menschen mit geistiger Behinderung zu spielen: nicht nur eine künstlerische Herausforderung, auch ein Wagnis. Christian Ulmen tut es angstfrei und mit einer Spielfreude, dass es manchem Zuschauer grotesk anmuten dürfte. Auf der Leinwand begegnen wir einem Kind im Körper eines Mannes: schutzlos, überdreht, verspielt, und immer staunend.

"Das Buch war so gut, dass es die Figur gar nicht bloßstellen kann. Ich habe dem voll vertraut und natürlich der Regie."

Lola Dockhorn, die mit "Einer wie Bruno" ihr Kinodebüt gibt, gelingt es überzeugend, die gebrochene zu junge Erwachsene zu spielen.

Zum gut eingespielten Zweiergespann aus Vater und Tochter, stößt nun der störende Dritte hinzu: Benny, gespielt von Lucas Reiber, bringt den Konflikt der Coming-of-Age-Story ins Rollen.

"Radost: Der Benni und ich - wir lernen immer Mathe zusammen.
Bruno: Und spielt Ihr dann auch?
Benni: Spielen?
Radost: Klar. Der Benni spielt auch gern Gitarre!
Bruno: Wow, toll, Gitarre ... Ich mag gern Tiere, du auch?
Benni: Ich auch. Bin sogar Vegetarier.
Radost: Papa, willste nicht lieber 'n bisschen fernsehen?
Bruno: Ok, ok, ok."

"Es gibt lustige Momente, das bleibt ja nicht aus. Ich finde, man darf auch darüber lachen, wenn jemand, der lernbehindert ist und dadurch eben wie ein Kind agiert, manchmal auch Quatsch macht. Man lacht ja auch bei Kindern und sagt nicht: 'O Gott, nicht lachen, der ist ja noch so unerfahren.' Sondern dann lacht man. Aber es gibt auch diese traurigen, tragischen Momente, wenn man das Gefühl hat: Werden Vater und Tochter zusammenbleiben oder kommt irgendwann doch die Frau vom Amt und entreißt sie ihm … Und das ist manchmal auch sehr traurig."

…entreißt sie ihm vielleicht zu Recht. Denn Radost leidet unter der Situation. In der Schule ist sie eine Außenseiterin. Sie ist vernünftiger, "langweiliger" als die anderen. Und diese Rolle gefällt ihr zusehends weniger. In ihrem Erwachsenwerden wird sie sich auch einer kindlichen Leichtigkeit bewusst, die sie sich nie erlauben durfte.

"Radost: Manche Sachen verändern sich eben!
Bruno: Alles war gut, und so soll es bleiben: gut!
Radost: Weil du dich nicht verändern kannst, soll ich das auch nicht? Ist das also dein Plan für mein Leben?
Bruno: Für unser Leben!
Radost: Komm, lass mich in Ruhe!"

Mit der Loslösung Radosts ist auch Bruno gezwungen, neue Wege zu beschreiten. Er vertraut sich seinem Chef - gespielt von Hans Löw - zu einem Gespräch von Vater zu Vater an.

"Chef: Aber wissen Sie, mir geht es mit meinen Kindern ganz genauso, ich glaub, die sind in dem Alter einfach so.
Bruno: Aber ich mache mir immer Sorgen!
Chef: Ja, weil Sie sie lieben. Und dagegen kann man nichts machen.
Bruno: Wohl nicht."

Auch bei Benny ist nicht alles Gold, was glänzt. Sein Vater ist dauergestresst, seine Mutter neurotisch und er nur fähig, sich in seinen Liedern auszudrücken. Und so stellen sich Radost zwei familiäre Lebensformen gegenüber, wobei die eine nicht besser erscheint als die andere. Wer und was heißt schon normal? – scheint der Film trotzig zu fragen.

"Natürlich geht es in dem Film darum, ob Liebe stärker ist als Intelligenz. Und dieses Abwägen: Wann ist es noch zum Kindeswohl, bei Eltern zu bleiben, wann ist es noch OK, weil die Eltern nun mal lieben und auch zurückgeliebt werden, und wann ist es für die Kinder einfach nicht mehr zu ertragen. Das finde ich 'ne spannende Frage und die beleuchtet der Film."

"Radost: Welche Socken, die oder die?
Bruno: Dem. Nee. Dem.
Radost: Gut, dann machen wir am Freitag…
Bruno: Nee, doch dem.
Radost: Papa, du bist so bescheuert."

Mit Leichtigkeit und Humor erzählt Anja Jacobs in ihrem Spielfilm nach einem Buch von Marc O. Seng, eine Geschichte von der Liebe, vom Erwachsenwerden und Loslassen. "Einer wie Bruno" ist nicht immer "großes Kino", war er doch anfangs als "Kleines Fernsehspiel" konzipiert. Und doch hat er nachhaltig eine anrührende Kraft.

Schauspieler Christian Ulmen, 37, setzt hier eine Reihe von Rollen fort, die er mit seiner selbst geschaffenen Figur Uwe Wöllner und in der Serie "Mein neuer Freund" ins Leben rief: den anstrengenden, zurückgebliebenen Kind-Mann, der die Schwelle zum Erwachsenwerden nicht überschreiten will oder kann.

"Natürlich macht es Spaß, diese Vögel zu spielen, weil ich mich auch nicht so richtig erwachsen fühle. Ich hab nicht das Gefühl, ich bin ein Erwachsener. In meiner Selbstwahrnehmung denke ich immer, ich bin auch noch … fünfzehn – na gut, ein bisschen älter schon. Und das nehme ich dann in solche Rollen mit."

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