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StartseiteSonntagsspaziergangWeihnachtsgebäck aus dem Vogtland24.12.2017

Werdaer ZuckermännleWeihnachtsgebäck aus dem Vogtland

Weihnachtsgebäck – das gehört einfach zu Weihnachten dazu. Für die einen sind es Lebkuchen, für die anderen ist es der Stollen. In dem kleinen Dorf Werda im Vogtland sind es die Zuckermännle. Sie haben eine lange Tradition, heute kennen nur noch drei Familien in Werda das Rezept.

Von Iris Milde

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Eine Familie sitzt an einem Tisch und bemalt Zuckermännle. (Iris Milde / Deutschlandradio)
Familienbetrieb und Handarbeit: die Zuckermännle werden gemeinsam bemalt (Iris Milde / Deutschlandradio)
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Wenn in Werda die Temperaturen unter Null fallen und auf dem Dorfplatz die Pyramide dreht, dann ist Zuckermännelzeit. Und bei Familie Krmasch ist das eine echte Familienangelegenheit. 

Marita Krmasch: "Familientreffen ist heute. Wir sind hier die kleine Truppe, die bäckt, und draußen ist die größere Gruppe mit Kindern, Enkelkindern, Partnern, alles da."

Marita Krmasch hat vier Kinder, von denen keins mehr in Werda lebt. Einmal im Jahr kommt die ganze Familie zusammen zum Zuckermännelbacken. Doch zum Schwatzen bleibt wenig Zeit, denn Zuckermännelbacken, das ist Akkordarbeit, so Tochter Ines. 

"Um acht haben wir angefangen. Heute haben wir zwei große Schüsseln. Es wird heute noch intensiv."

"Also wir müssen ja noch anmalen und da geht das schon nei bis in die Nacht", fügt ihr Bruder Thomas hinzu. Mehlstaub liegt in der Luft, im Ofen knistert das Feuer. 1000 Zuckermännl wollen sie an diesem Tag backen. Da liegen am späten Abend schon mal die Nerven blank. Ines und Thomas stehen am Anfang der streng organisierten Produktionskette. Sie rollen den Teig, den ihre Mutter am Vorabend zubereitet hat. 

Das bestgehütete Geheimnis in Werda

"Also das kann man nicht mit einem normalen Plätzchenteig vergleichen, das ist ein ganz heller Teig, ein ganz süßer Teig. Muss man dann wieder aufpassen, dass man nicht zu viel Mehl reintut, sonst werden sie auch sehr rau nach dem Backen und sehen dann nicht mehr schön aus. Wir bangen jedes Jahr, ob wir es jetzt gut hinkriegen, also es ist tatsächlich eine hohe Kunst."

Das Rezept für den Teig ist das wohl am besten gehütete Geheimnis in Werda. Marita Krmasch verrät nur die Zutaten. 

"Mehl, Zucker, Milch, Hirschhornsalz und Ei."

Aber auf die richtige Mischung komme es an.

"Das ist jetzt keine außergewöhnlichen Gewürze, auf die man angewiesen war. Hier gibt es nicht so Gewürzhandel, wie das vielleicht andernorts ist, hier jetzt nicht so die Lebkuchen, und deshalb hat man eben das gebacken."

"Arme-Leit-Gebäck."

Schon 200 Jahre werden in Werda Zuckermännel gebacken. Die Werdaer Bauern und Handwerker konnten sich mit dem im ganzen Vogtland beliebten Gebäck in der Weihnachtszeit etwas hinzuverdienen. Heute sind es noch drei Familien in Werda, die die alte Tradition weiterführen. Obwohl ihr Vater bereits in den 1970er Jahren Zuckermännel gebacken hat, bezeichnet Marita Krmasch ihre Familie noch immer als "Neulinge".

"Mein Vater hat sich sehr für die Heimat interessiert und besonders für Werda. Und dann hat er die Frau Hedwig Ungethüm, das waren also alte Eingesessene, die haben hier die Zuckermännle gebacken fürs ganze Dorf, also wir als Kinder sind auch mit rüber gegangen. Und mein Vater hat sie bedrängt, ob sie ihm nicht das Zuckermännlerezept ihm geben würde und hat sie so sehr bedrängt, dass sie dann gesagt hat: Da haste das Zuckermännl-Rezept, nu halt's Maul und gib Ruh!"

Blumenkorb, Trompete, Stern, Schlüssel, Hahn

Inzwischen ist es Marita Krmasch, die bei der Weihnachtsbäckerei den Hut auf hat. Sorgsam legt sie die ausgestochenen Zuckermännel auf ein rundes Blech und schaut sich jedes noch einmal ganz genau an. 

"Der Engel ist mir zu stark."

Zuckermännel und -weibl sind immer mit dabei. Aber es gibt noch viele andere Formen: Blumenkorb, Trompete, Stern, Schlüssel, Hahn und alle haben eine Bedeutung: Der Baum für das Leben, der Kreis für die Sonnenwende, der Hase für die Fruchtbarkeit.

"Das Schwein bedeutet Glück, der Hahn ist der Künder des Lichtes, des neuen Jahres."

Dann schiebt Marita Krmasch das Blech in den braunen Kachelofen.

"Also, jetzt tun wir das erste Blech nei und hoffen, dass es gut geht."

Sieben Minuten müssen die Männel backen. Vier Mal muss das Blech gedreht werden, damit es von allen Seiten gleichmäßig erhitzt wird. Schon beim ersten Öffnen der Ofenklappe haben die vorher hauchdünnen Männl dicke Bäuche bekommen. Nach dem Backen werden sie in einen Zuber geschüttet. 

"Und dann muss man das vor allem hier oben schön sauber bürsten, dass die Farbe nicht ausläuft."

Im Nebenraum sitzt der Maltrupp. Die Zuckermännel liegen nach Formen geordnet in kleinen Körbchen. 

 "Früher haben wir die erst so, wie sie kamen, alle angemalt. Mittlerweile ist es Manufakturarbeit."

Jeder malt eine Form und eine Farbe, erklärt Sohn Michael, während er rote Punkte auf den fast weißen Teig eines Schafs tupft.

Rot für die Liebe, Grün für die Natur

Michael Krmasch: "Rot gibt ja vor, wie die Aufteilung ist, und Grün füllt nur auf. Und deshalb muss der, der es schon länger gemacht hat, der bisschen Erfahrung hat und die Muster gut verteilen kann, muss Rot machen und der der Grün malt, braucht das dann letztendlich nur aufzufüllen."

Rot steht für die Liebe und Grün für die Natur. Nicht nur bei den Farben, auch bei den Mustern gibt es klare Vorgaben. 

"Also es wird das Gesicht gemalt und dann kommt immer ein Muster dazu, das wird einfach auf der ganzen Form verteilt. Hier sieht man jetzt, da habe ich die ganze Zeit diesen Bogen mit den zwei Punkten gemacht. Dann gibt es das noch als einen Bogen mit einem Punkt. Dieses gleiche Muster wird dann auch nochmal grün ergänzt."

Jeder Zuckermännelbäcker in Werda erkennt seine Zuckermännel, obwohl die Unterschiede für den Laien kaum erkennbar sind. Aber die zarten, präzisen Muster brauchen viel Übung.

"Als wir noch Schulkinder waren, haben wir das dann immer bei meinem Opa im Wohnzimmer am Abend gemacht. Und am Anfang durften wir natürlich nicht alles mit anmalen. Die, die nicht so richtig etwas geworden sind, die haben wir dann so angemalt, wie wir wollten, die kamen dann in die alten Mehltüten, haben die mit in die Schule und alle haben die uns aus der Hand gerissen." 

Zum Leidwesen der Kinder gehören die Werdaer Zuckermännl nicht zuerst in den Mund, sondern an den Baum. Mehrere Tausend Stück produzieren die Krmaschs jedes Jahr, die anschließend in der Familie verteilt oder an Freunde und Bekannte verschenkt werden. 

"Und es kommen auch Anfragen von anderen Leuten und denen geben wir dann welche ab und mit Freuden und dann wird ein bisschen erzählt und das ist ja auch das Gemütliche eigentlich."

Bei all der arbeitsamen Gemütlichkeit in der Krmaschschen Stube dürfen Weihnachtslieder natürlich nicht fehlen, vor allem eins: das Werdaer Zuckermännellied.

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